Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 133.
Freitag, den 20. September.
1907
(Nachdruck verboten.)
es)
Vie Mutter.
Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. XI. Am nächsten Tage standen morgens ein paar Dutzend Männer und Frauen am Eingang des Krankenhauses und warteten auf den Sarg ihres Genossen. Um sie herum schlichen behutsam Spione, die einzelne Ausrufe auffingen und sich die Gesichter, Manieren und Worte der Leute ein» prägten; von der anderen Straßenseite aber blickte eine Ab- teilung Polizisten mit Revolvern am Gürtel herüber. Die Frechheit der Spione, das spöttische Lächeln der Polizisten und ihre Bereitschaft, ihre Macht zu zeigen, erregte die Menge. Die einen verbargen ihre Unruhe und scherzten, die anderen blickten mürrisch zu Boden und bemühten sich, das kränkende Benehmen nicht zu bemerken; wieder andere, die ihren Zorn nicht zurückhalten konnten, lachten ironisch über eine Behörde, die sich vor Leuten fürchtete, deren einzige Waffe in Worten bestand. Ein blaßblauer Herbsthimmel blickte hell auf die mit runden, grauen Steinen gepflasterte und mit gelben Blättern besäte Straße; Wind wirbelte die Blätter in die Höhe und warf sie den Leuten unter die Füße. Die Mutter stand in der Menge, beobachtete die be- kannten Gesichter und dachte voll Kummer: „Ihr seid wenige... nur wenige..." Das Tor öffnete sich, der Sargdeckel mit Kränzen, an denen rote Bänder befestigt waren, wurde auf die Straße getragen. Die Menschen nahmen schweigend alle zusammen die Hüte ab: es war, als wenn ein schwarzer Bogleschwarm über ihre Köpfe flog. Ein großer Polizeioffizier mit dichtem, schwarzem Schnurrbart im roten Gesicht schritt schnell in die Menge hinein, hinter ihm stießen Soldaten ohne viel Feder- lesen die Menge beiseite. Ter Offizier sagte in schrillem Kommandoton: „Bitte, die Bänder zu entfernen!" Männer und Frauen umringten ihn, sagten ihm etwas, bewegten die Hände und stießen sich erregt hin und her. Bor den Augen der Mutter schimmerten blasse, erregte Gesichter mit bebenden Lippen; über das Gesicht einer Frau rollten große Tränen infolge der erlittenen Kränkung. „Nieder mit der Gewalt!" schrie die jugendliche Stimme eines Anwesenden, die sich dann einsam in dem lärmenden Gezänk verlor. Die Mutter empfand auch Bitterkeit und wandte sich cinpört zu ihrem Nachbarn, einem ärmlich gekleideten, jungen Menschen: „Nicht einmal begraben lassen sie die Leute, wie ihre Freunde es wünschen!" Die feindselige Stimmung wuchs. Ueber den Häuptern schwankte der Sargdeckel, der Wind spielte mit den Bändern, die Köpfe und Gesichter einhüllten, und man hörte das trockene und knisternde Rauschen der Seide. Kalter Schreck vor einem möglichen Zusammenstoß er- griff die Mutter, sie sprach schnell und hastig halblaut nach rechts und links: „Laßt sie doch nur... sollten die Bänder abnehmen... lieber nachgeben..."* Eine laute, scharfe Stimme übertönte den Lärm: „Wir verlangen, daß man uns nicht hindert, dem von Ihnen zu Tode Gequälten das letzte Geleit zu geben..." Jemand, wahrscheinlich ein junges Mädchen, sang mit hoher, zarter Stimme: „Ihr seid im Kampf als Opfer gefallen..." „Ich bitte, die Bänder fortzunehmen! Jakowlew, schneid' sie ab!" Man hörte das Schleifen eines herausgezogenen Säbels. Tie Mutter erwartete einen Schrei und schloß die Augen... aber es wurde still, die Menschen brummten und knurrten wie gehetzte Wölfe. Dann bewegten sie sich schweigend mit gesenkten Köpfen, vom Bewußtsein ihrer Ohnmacht be- zwungen, vorwärts und erfüllten die Straße mit dem Ge- rausch ihrer Schritte.
Vorauf schwankte durch die Luft der geplünderte Sara- decke! mit zerknüllten Kränzen, und von einer Seite auf die andere schaukelnd ritten Polizisten nebenher. Die Mutter. ging aus dem Trottoir. In der dichten, sie eng umringenden Menge, die unmerklich anwuchs und bald die ganze Straßen- breite einnahm, konnte sie den Sarg nicht sehen. Hinter; der Menge erhoben sich ebenfalls die grauen Gestalten Be- rittener. An den Seiten schritten, die Hand am Säbel, Fußgendarmen, und überall blitzten der Mutter bekannte, scharfe Spionenaugen entgegen, die sich aufmerksam auf die Gesichter der Leute hefteten. „Leb wohl, Genosse, leb Wohl,. sangen zwei hübsche Stimmen traurig... „Nicht nötig!" ertönte ein Ruf.„Wir wollen schweigen, Genossen! Einstweilen!" In diesem Ruf lag etwas Strenges, Gebietendes, etwas drohend Verheißendes, das die Menge bezwang. Das traurige Lied riß ab, der Lärm der Unterhaltung wurde leiser und nur die festen Schläge der Füße auf den Steinen erfüllten die Straßen mit dumpfen, gleichmäßigen Klängen. Sie erhoben sich über die Köpfe der Menschen, schlvammen in den durchsichtigen Himmel und erschütterten die Luft, ähnlich dem Widerhall des ersten Donners bei einem noch entfernten Gewitter. Kalter Wind, der stets an Heftigkeit zunahm, wehte den Menschen den Staub und Schutt der Straßen feindselig entgegen, blähte die Kleider auf, blendete die Augen, schlug gegen die Brust und verwickelte sich zwischen den Beinen... Dieses schweigende Begräbnis ohne Popen und ohne Gesang, die nachdenklichen Gesichter, die gerunzelten Brauen und die festen Fußtritte auf der Erde riefen in der Mutter ein unsicheres Gefühl hervor; ihre Gedanken aber kreisten langsam umher und kleideten die Eindrücke in traurige Worte: «Ihr seid nur wenige, die für die Wahrheit sind.., wenige. Aber trotzdem fürchten sie Euch!.. Sie schritt mit gesenktem Kopf dahin, und es war ihr, als wenn man nicht den Jegor, den sie kannte, beerdigte, sondern etwas anderes, ihr Vertrautes und deswegen Nahes und Notwendiges. Ihr war traurig und unbehaglich zumute. Ihr Herz war voll von einem unruhigen, rauhen Gefühl der Nichtübereinstimmung mit den Leuten, die Jegor zum Grabe geleiteten. „Natürlich," dachte sie,„Jegor hat nicht an Gott ge». glaubt und sie alle ebensowenig.. Aber sie verstand ihren Gedanken nicht zu Ende zu führen und seufzte schwer. „O Gott... Jesus Christus ... soll ich wirklich auch so..." Man kam auf dem Kirchhof an und irrte lange auf den schmalen Pfaden zwischen den Gräbern umher, bis man auf einen freien Platz gelangte, der mit niedrigen, weißen Kreuzen besät war. Die Leute drängten sich um das Grab zusammen und verstummten. Und dieses mürrische Schweigen lebender Wesen zwischen den Gräbern stellte etwas Schreckliches in Aussicht, wovor das Herz der Mutter zitterte und vor Erwartung stillstalch. Zwischen den Kreuzen pfiff und heulte der Wind... auf dem Sargdeckel zitterten traurig zerknüllte Blumen... Die Polizei wurde aufmerksam und entfaltete sich, den Blick auf den Vorgesetzten gerichtet. Am Grabe stand ein großer, junger Mann ohne Mütze mit langem, schwarzem Haar, schwarzen Augenbrauen und blasser Gesichtsfarbe. Und im selben Augenblick ertönte die schrille Stimme deS Polizcikommandanten: „Meine Herren „Genossen I" begann der mit den schwarzen Brauen laut und klangvoll. „Erlauben Sic!" rief der Polizeioffizier.„Ich erkläre Ihnen, daß ich Reden nicht gestatten kann..." „Ich werde nur einige Worte sagen!" erwiderte der junge Mann ruhig.„Genossen, laßt uns am Grabe unseres Lehrers und Freundes schwören, niemals sein Vermächtnis zu vergessen: unaufhörlich der bösen Gewalt, die unser Vaterland bedrückt, depz Selbstherrschertum ein Grab zu graben!"