Mnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 201. Mittwoch, den 16� Oktober. 1907 (Nachdruck Devdoten.) 77] Die JVIutten Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. Durch die hohen Fenster füllte sich der Saal mit trübem Licht, draußen an den Scheiben glitt Schnee entlang. Zwischen den Fenstern hing ein großes Zarenbild in dickem, fett- glänzendem Goldrahmen: schwere himbeerfarbene Gardinen zogen sich an der Seite in geraden Falten über dem Rahmen hin. Vor dem Bilde erstreckte sich fast über die ganze Breite des Saales ein mit grünem Tuch bedeckter Tisch, rechts an der Wand standen hinter einem Gitter zwei Holzbänke, links zwei Reihen himbeerfarbener Sessel. Durch den Saal liefen lautlos Gerichtsdiener mit grünem Kragen und goldenen Knöpfen auf der Brust und dem Bauch. In der trüben Luft irrte schüchtern leises Flüstern und schwebte eine Art Apothekengeruch. Alles das die Farben, der Glanz, die Töne und Gerüche legte sich schwer auf die Augen, drang mit dem Atem in die Brust, verdrängte jedes lebhafte Gefühl und erfüllte das leere Herz mit unbeweglicher Furcht. Plötzlich sagte einer von den Menschen laut etwas, die Mutter fuhr zusammen. Alle standen auf. sie erhob sich ebenfalls, indem sie nach Sisows Arm griff. In der linken Saalecke öffnete sich eine hohe Tür, schwankend trat ein altes Männchen mit einer Brille heraus. In seinem grauen Gesichtchen zitterte ein dünner, weißer Backenbart, die rasierte Oberlippe schob sich in den Mund. die spitzen Backenknochen und das Kinn stützte sich auf den hohen Uniformkragen, so daß unter dem Kragen kein Hals zu sein schien. Dicht auf den Fersen folgte ihm ein großer junger Mensch mit einem roten runden Porzellangesicht. Hinter diesen beiden gingen langsam drei Leute in gold» gestickten Uniformen und drei Zivilisten. Sie machten sich lange am Tisch zu schaffen, setzten sich auf die Sessel, und als sie saßen, begann einer von ihnen. in aufgeknöpfter Uniform und mit trägem, rasiertem Gesicht, dem alten Männchen etwas zuzuflüstern. Der Alte hörte sonderbar gerade und unbeweglich zu, hinter seinen Brillen- gläsern sah die Mutter zwei winzige, farblose Flecke. Am Ende des Tisches stand ein großer, kahlköpfiger Mann vor einem Schreibpult, räusperte sich, blätterte in ein paar Heften. Der Alte schwankte vorwärts und sagte etwas. �Das erste Wort sprach er deutlich aus, die folgenden aber rutschten ihm gleichsam von den dünnen, grauen Lippen. Ich eröffne.. Sieh dal" flüsterte Sisow, die Mutter leise anstoßend, und stand auf. In der Wand hinter dem Gitter öffnete sich eine Tür. Ein Soldat, mit bloßem Degen über der Schulter, trat ein, hinter ihm erschienen Pawel, Andrej, Fedja Masin. die beiden Gussews. Samoilow, Bukin, Somow und noch fünf junge Leute, deren Namen die Mutter nicht wußte. Pawel lächelte freundlich. Andrej nickte ihr ebenfalls vergnügt zu. Im Saal wurde es scheinbar heller und einfacher von ihrem Lächeln und von der Bewegung, die sie in das gespannte, peinliche Schweigen hineinbrachten. Der fette Goldglanz der Uniformen wurde trüber und weicher, ein Hauch mutiger Zuversicht und lebendiger Kraft berührte und regte das Herz der Mutter an. Auf den Bänken hinter ihr. wo bis dahin die Menschen in gedrückter Erwartung gesessen hatten, er- tönte halblautes Murmeln. Die sind nicht bange!" hörte sie Ssisow flüstern, auf der rechten Seite aber schluchzte Samoilows Mutter leise. Still!" ertönte ein strenger Ruf. Ich mache darauf aufmerksam.. sagte das Männchen. Pawel und Andrej saßen nebeneinander, außer ihnen saßen auf der ersten Bank noch Masin. Samoilow und die Gussews. Andrej hatte sein Gesicht rasiert, sein Schnurrbart war gewachsen, hing herab und machte seinen runden Kopf dem einer Katze ähnlich. Ein neuer Ausdruck lag in seinem Gesicht: etwas Scharfes und Beißendes in den Falten um den Mund herum und etwas Dunkles in den Augen Aus Masins Oberlippe schimmerten zwei schwärzliche Streifen, sein Gesicht war voller geworden: Samoilow war ebenso lockig wie früher und Iwan Gussew lächelte noch ebenso breit. Ach, Fedja. Fedja I" flüsterte Ssisow und senkte den Kopf. Die Mutter bemerkte, daß sie jetzt freier atmen konnte. Sie hörte die undeutlichen Fragen des Vorsitzenden ev stellte sie ohne die Angeklagten anzublicken, und sein Kopf lag unbeweglich auf dem Uniformkragen. Dann hörte die Mutter die ruhigen, kurzen Antworten ihres Sohnes. Ihr schien, daß der Vorsitzende und alle Beisitzer keine bösen und grausamen Menschen sein könnten. Sie betrachtete aufmerk- sam die Mienen der Richter, versuchte aus ihnen etwas her- auszulesen und horchte gespannt auf das Erscheinen einer neuen Hoffnung in ihrer Brust. Der porzellanene Mensch las gleichgültig aus einem Heft vor, seine ruhige Stimme erfüllte den Saal mit Lange- weile, die über die Anwesenden dahinfloß. Sie saßen un- beweglich wie erstarrt da. Die vier Advokaten unterhielten sich lebhaft mit den Angeklagten: sie machten kräftige, schnelle Bewegungen und glichen großen schwarzen Vögeln. Auf der einen Seite des Vorsitzenden füllte ein dicker» aufgedunsener Richter mit kleinen schwimmenden Augeti den Sessel mit seinem Körper, auf der anderen faß ein Krumm- gewachsener mit rötlichem Schnurrbart im blassen Gesicht. Er hatte den Kopf müde gegen die Stuhllehne geworfen und dachte mit halbgeschlossenen Augen über etwas nach. Das Gesicht des Staatsanwalts war ebenfalls müde, langweilig und gleichgültig. Hinter den Richtern faß das Stadt- oberhaupt, ein beleibter, gesetzter Mann, der sich nachdenklich die Backe streichelte, der Adelsmarschall, ein grauer Mensch mit langem Bart, rotem Gesicht und großen, gutmütigen Augen: der Bezirksälteste im Wams, mit riesigem Bauch, der ihn augenscheinlich genierte, denn er bemühte sich forr- während, ihn mit dem Nockschoß zu bedecken, doch ohne Erfolg. Hier gibt es keine Verbrecher und keine Nichterl" er» tönte Pauls feste Stimme.Hier gibt es nur Sieger und Besiegte...." Es wurde still, ein paar Sekunden lang hörte die Muttee nur das feine schnelle Kritzeln der Federn auf dem Papier und das Schlagen ihres Herzens. Der Vorsitzende schien ebenfalls auf etwas zu horchen und wartete. Seine Kollegen rührten sich. Da sagte er: M ja... Andrej Nachodka I... Bekennen Sie sich schuldig..." Jemand flüsterte: Steh auf... Stehen Sie auf!..." - Andrej erhob sich langsam, richtete sich auf, zog an seinem Schnurrbart und blickte finster auf das Männchen. Worin kann ich mich wohl schuldig bekennen?" er- widerte der Kleinrusse achselzuckend, singend und gemächlich wie immer.Ich habe nicht gemordet und nicht gestohlen, ich stimme einfach mit dieser Lebensrichtung, bei der die Menschen gezwungen werden, zu rauben und sich gegenseitig zu töten, nicht überein...." Antworten Sie kurz ja oder nein.. sagte der: Alte mühsam, aber deutlich. Die Mutter fühlte auf den Bänken hinter sich Unruhe. die Leute flüsterten leise und bewegten sich hin und her, als befreiten sie sich aus dem Spinngewebe der grauen Wort? des porzellanenen Menschen. Hörst Du, wie sie sind?" flüsterte Ssisow -V�» «Fedor Masin, antworten Sie...." Ich will nicht!" sagte Fedja deutlich, indem er aufsprang.. Sein Gesicht war vom Rot der Erregung überströmt, seine Augen blitzten. Ssisow stöhnte leise, die Mutter riß erstaunt die Augen auf. Ich habe auf eine Verteidigung verzichtet... Ich werde nichts sagen... Ihr Gericht halte ich für ungesetzlich!... Wer sind Sie? Hat das Volk Ihnen das Recht gegeben« über uns Gericht zu halten? Nein, das hat es nicht getant Also kenne ick Sie nicht an!"