Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 249.

Dienstag, den 24. Dezember.

( Nachdrud verboten.)

87] Die Brüder Zemganno.

Von Edmond de Goncourt . Aber sprechen Sie, was denken Sie von der Sache? Bermögen Sie keine Erklärung zu finden für die Vertauschung der Leinwandtonne mit einer Holztonne, die zuvor im Zirkus nicht eristierte und die plötzlich da war wie durch ein

Wunder?"

Der Direktor des Zirkus, der gekommen war, um Nello einen Besuch zu machen, richtete diese Worte an Gianni, mit dem er nach Verlassen des Krankenzimmers in der Tür des fleinen Häuschens in den Ternes sprach.

Ah, ia, eine Tonne von Holz!" sagte Gianni zögernd, als ob er weit fern in seinen Erinnerungen suche. Richtig, es ist so, wie Sie sagen... diese Unglückstonne war mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen, seit ich... seit ich so unglücklich bin, mein Herr!... Aber warten Sie... wahr­haftig, wie fam es, daß sie da war, sie, diese Person, die sonst nie in der Vorstellung war, wenn sie nicht arbeitete daß sie an diesem Abend auf einer Bank im Stallgang stand ich sah sie noch dort, als ich mit meinem Bruder in den Armen vorüberging, um ihn hinauszutragen. Man hätte meinen können, daß sie dort auf den Anblick gewartet!.. Und dann noch eines: jener Unbekannte, wegen dessen man mich abrief, weil er einen Brief an mich abzugeben habe, so daß ich auf einen Augenblick die Manege verließ... ohne daß der Mann dann zu finden war was hatte es damit für eine Bewandtnis?"

Ich sehe, auch Sie hegen Verdacht gegen die Tompkins, wie Tiffany, wie die ganze Welt, wie ich. Und Ihr Bruder? Wie denkt er darüber?"

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Oh, mein Bruder! Das Unglück ist so jäh über ihn ge­kommen, daß er von nichts weiter mehr weiß, als von seinem Sturz. Er hat keine Ahnung davon, ob er an eine Tonne von Holz gestoßen ist oder an etwas anderes. Der arme Junge glaubt einfach, den Sprung verfehlt zu haben, wie es vorkommt, daß einmal eine Produktion mißglückt, das ist alles. Und Sie begreifen, daß ich ihn nicht aufklären mag." Ja, ja, die Sache ist verdächtig genug," bemerkte der Direktor, seine eigenen Ideen verfolgend, ohne auf Gianni zu hören. Sehr verdächtig! Um so mehr, als jenes Vieh von Kerl, bei dem man nie flug daraus werden konnte, ob seine Betrunkenheit echt oder nur Komödie war- der Mann, der die Tonne hereinbrachte und an ihren Plat stellte auf die Empfehlung der Tompkins engagiert worden war. Ich habe versucht, ihn zum Reden zu bringen... vergebliche Mühe! Er ließ sich wegiagen, ohne ein Wort dagegen zu haben... aber mit allem Bösen, das sich nur denken läßt, auf seinem Tölpelgesicht. Ah, der Amerikanerin ist zuzutrauen, daß sie sich diesen infamen Streich ein tüchtiges Stüd Geld hat kosten lassen.... Nun, mein Lieber, ich habe alles getan, was möglich war... ich habe die Sache anhängig gemacht, eine Untersuchung ist eingeleitet.- Wissen Sie, daß die Tompkins am Tage nach dem Vorfall Paris verlassen hat?" Sprechen Sie mir nicht von dem boshaften Tier! Wenn sie die Ursache ist, daß das Unglück geschah... was Sie auch gegen fie unternehmen, gibt mir gibt mir meines Bruders Beine nicht wieder!" sagte Gianni in jener Tiefe der Niedergeschlagenheit, in welcher die Verzweiflung nicht mehr Raum läßt für den Haß.

1907

einen Tag, an welchem der Stranke das Bett verlassen dürfe, zu dem ersten Versuch im Zimmer, an Strücken zu gehen

Der sehnsüchtig erwartete Tag war erschienen, a welchem Nello endlich aus der Unbeweglichkeit und der an baltenden horizontalen Lage, zu der er fast zwei Monate hindurch verurteilt gewesen, erlöst werden sollte. Gianni machte die Bemerkung, daß ihre Zimmer eigentlich sehr.eng feien, und da das Wetter schön war, schlug er Nello vor, seine ersten Gehversuche in dem Musikpavillon unten auf denz Hofe zu machen. Er selbst ging und fegte ihn sorgsam rein, beseitigte jedes Gräschen, jedes Steinchen, auf dem sein Bruder hätte fehltreten oder auf dem er hätte ausgleiten fönnen. Dann trug er Nello in seinen Armen hinunter nach dem anmutigen Raum, in welchem sie im verflossenen Sommer so reizend miteinander konzertiert, so hübsch in Tönen miteinander geplaudert hatten. Und der jüngere Bruder begann seine Laufübungen, während der ältere Bruder stets an seiner Seite blieb, ihn Schritt für Schritt begleitete, jeden Augenblick bereit, ihn mit seinen Armen zu stüßen, wenn Nellos Beine schwach werden sollten, ihm be hülflich zu sein, wenn Nello umwenden wollte.

Es ist närrisch, wahrhaftig," rief dieser auf seinen Krücken aus: ich fühle mich wie ein kleines Kind... als ob ich anfinge, laufen zu lernen... zum ersten Male laufen zu lernen, meine ich!... Aber merkwürdig, das Laufen isi doch eigentlich sehr schwer, Gianni... und, wie dumin! es kommt einem so leicht, so natürlich vor... wenn man nicht die Beine gebrochen hat!... Und dann, denkst Du etwa, es sei bequem, diese Maschinen zu regieren? Wenn ich auf Stelzen lief, ohne mir dabei etwas zu denken... das ging besser!... Und dabei, weißt Du, muß ich Dir sagen, ich... ich... wahrhaftig, ich würde mich genieren, wenn jemand hier wäre und mich so sehen könnte! Ich muß eine jämmer­liche Figur spielen... oh! ah! ah! zum Teufel! es kommt einem vor, als ob der Erdboden nicht fest steht... Nun, be unruhige Dich nur nicht, das gibt sich ja... es macht nichts... sie ist jetzt nur wie von Baumwolle, meine armen Beine!"

Es war erschütternd, die Mühe zu sehen, welche dieser junge Körper hatte, und die Anstrengung, die es ihn kostete, sich auf den schwachen, den Dienst versagenden Füßen im Gleichgewicht zu erhalten, die zögernde Langsamkeit seiner Fortbewegung und das unsichere Schwanken seiner ganzen Gestalt, indem er einen Fuß vor den anderen setzte, oder viel mehr indem er bei jedem Schritt ängstlich den kränksten Guß vorauf gehen ließ.

Aber Nello war nun einmal entschlossen, zu laufen, und feine Beine begannen troß ihrer Schwäche und Unsicherheit allmählich, ihre einstige Gewohnheit, als Organe der Fort­bewegung zu dienen, wiederzufinden: ein kleiner Erfolg, der die Augen des Verlegten vor Vergnügen leuchten ließ und ein freudiges Lächeln auf sein Gesicht zauberte. Halte mich, Gianni, ich falle!" rief er plößlich scherzend aus, und als Gianni die Arme um ihn schlang und dabei seine Wange Nellos Munde näherte, füßte dieser die Wange des Bruders und biß im Uebermaß seines Entzückens liebkosend hinein, wie ein kleines Hündchen im tändelnden Spiel.

Ein fröhlicher Abend verfloß, erheitert von den Scherzen des luftig schwaßenden Nello, der munter erklärte, daß er, noch ehe vierzehn Tage verflossen, hingehen werde und seine Krücken an der Brücke von Neuilly in die Seine werfen.

*

Die heftigen Schmerzen in den gebrochenen Gliedern In dem Musikpavillon hatten fünf bis sechsmal solche waren gewichen, der Kranke empfand nur noch das Gefühl Uebungen stattgefunden, erfüllt von dem Glück des Augen­einer gewissen, nicht näher zu beschreibenden Unbehaglichkeit blicks und dem Vertrauen auf den folgenden Tag. Allein in denselben, das nervös machende Gefühl wie das Jucken nach Verlauf einer Woche machte Nello die Bemerkung, daß beim Heilen einer Wunde, hervorgerufen von der prickelnden er noch nicht besser lief als beim ersten Mal. Und auch vier­letzten Arbeit der Natur bei dem Zusammenwachsen der zehn Tage verstrichen, ohne daß er mehr Kraft in den ver­Knochen. Nello empfand wieder Appetit, er, er schlief legten Gliedern, größere Sicherheit in ihrem Gebrauch ge­nachts gut, und mit der zurückkehrenden Gesundheit begann wonnen hatte. Er versuchte zuweilen, sich ohne Krücken einige ihm auch der Frohsinn wiederzukehren, ein Frohsinn, den Schritte fortzubewegen, allein sofort überfam ihn jenes Ge­das Gefühl des Glückes, zu genesen, tief durchdrang und er- fühl der Angst, der Hülflosigkeit und des wirren Schreckens, füllte. Der Chirurg nahm die Schienen ab, legte um das das wir sich auf dem Gesicht Kleiner Stinder widerspiegeln rechte Bein eine in Dextrin getränkte Bandage und bestimmte i sehen, die beim Laufenlernen sich den beiden zu ihrem