Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 27.
27]
Freitag den 7 Februar.
( Rachdrud verboten.)
Schilf und Schlamm.
Roman von Vicente Blasco Ibanez . Im Hintergrunde des Sees erschien, fern wie ein gespenstischer Strand, an dem sie nie anlegen sollten, die gezahnte Linie der Dehesa. Mit ununterbrochenem Lachen. das etwas Gezwungenes an sich hatte, erinnerte Releta ihren Freund an die Nacht, die sie im Walde verbracht, an ihre tolle Furcht und an ihren ruhigen Schlummer. Sie glaubte, dieses Abenteuer erst am vorigen Tage erlebt zu haben, so frisch stand es noch in ihrer Erinnerung.
Doch das hartnädige Schweigen ihres Gefährten, sein starr auf den Boden der Barke gerichteter Blid erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie sah, daß Tonet ihre kleinen, gelben, eleganten Schuhe, die einen hellen Fleck bildeten, und die sie weiter vorstreďte als es bei der Bewegung der Barke nötig gewesen wäre, mit den Augen verschlang. Sie beeilte sich, fie wieder zurückzuziehen und blieb schweigsam, mit streng zusammengepreßtem Munde und geschlossenen Augen, während sich eine schmerzliche Furche durch ihre Stirn zog. Neleta schien eine heftige Anstrengung zu machen, um ihren Willen zu besiegen.
Sie fuhren langsam weiter. Es war eine mühsame Arbeit, mit einer beladenen Barke über den Albuferasee zu kommen. Andere, leere Barfen, die kein anderes Gewicht, als des die Ruderstange handhabenden Mannes, aufzuweisen hatten, schossen blitzschnell wie Weberschiffchen an ihnen vorüber und verloren sich im Schatten, der jeden Augenblick dichter wurde.
Tonet arbeitete mit der Ruderstange seit mehr als einer Stunde und stützte sich bald auf den Muschelgrund, bald auf die Begetation, die die Fischer das Fell des Albufera nannten. Man sah ihm an, daß er an eine solche Arbeit nicht gewöhnt war. Wäre er allein in der Barke gewesen, er hätte sich auf den Grund des Bootes niedergelegt und gewartet, bis der Wind sich erhob oder bis eine gutmütige Seele ihn ins Schlepptau nahm. Doch Neletas Anwesenheit erweďte in ihm ein gewisses Ehrgefühl, und er wollte nicht innehalten, bevor er nicht vollständig vor Ermüdung zusammenbrach. Seine Brust feuchte, während er sich auf die Ruderstange stüßte, um die Barfe vorwärts zu stoßen. Ohne die Stange Los zu lassen, trodnete er sich von Zeit zu Zeit mit dem Handrücken den Schweiß ab, der seine Stirn bedeckte.
Neleta rief ihn mit sanfter Stimme, die einlullend wie ein Mutterlaut flang. Man sah nur ihren Schatten auf dem Haufen Bindfaden, die das Hinterteil der Barke füllten. Die junge Frau wünschte, er solle einen Augenblid anhalten und sich ein wenig ausruben, es fam wenig darauf an, ob man eine halbe Stunde früher oder später anfam. Sie ließ ihn auf dem Bindfadenhausen Blak nehmen und erklärte, er würde sich hier behaglicher fühlen als am Schiffshinterteil. Die Barke blieb unbeweglich, und Tonet, der wieder zu Atem gekommen war, empfand die süße Nähe dieser Frau. Er hatte dieselbe Empfindung als wenn sie am Schenktisch des Gasthauses nebeneinander saßen.
Die Dunkelheit war vollständig hereingebrochen. Man fab kein anderes Licht als das herrliche, aber unflare Glißern der Sterne, die auf dem schwarzen Wasser zitterten. Das tiefe Schweigen wurde nur von den geheimnisvollen Lauten des Waffers unterbrochen, die das Hin- und Herhuschen unfichtbarer Tiere hervorrief. Die vom Meere fommenden Lubinen machten auf die kleinen Fische Jagd, und die dunkle Oberfläche des Wassers zitterte zeitweise von dem ruckweisen Aufflatschen einer wilden Flucht. Auf einem benachbarten Felde ließen die Bläßhühner ihr klagendes Geschrei vernehmen, während die Nachtigallen ihre langen Triller ausstießen.
Und in diesem Schweigen, das von dumpfen Geräuschen und eigentümlichen Lauten bevölkert wurde, hatte Tonet die Empfindung, die Zeit wäre nicht weiter gegangen, er wäre noch ein Kind und befände sich in einer Waldlichtung neben seiner Spielgefährtin, der Tochter der Malhändlerin, die ein Kind war wie er. Jekt hatte er Furcht; die geheimnisvolle Wärme, die dem Körper seiner Gefährtin entströmte, schüchterte ihn ein, die verwirrende Nähe dieses Körpers berauschte ihn und stieg ihm wie ein starkes Getränk zu Stopfe.
1908
Mit gesenktem Haupte, ohne daß er es wagte, die Augen zu erheben, streckte er den Arm vor und legte ihn um Neletas Taille. Fast in demselben Augenblick fühlte er eine sehr janfte Liebkosung, eine Berührung, weich wie Samt, eine Hand legte sich auf seine Stirn und wischte den Schweiß ab, der fie benette.
Er erhob den Kopf und sah in furzer Entfernung den Glanz der beiden starr auf die seinen gerichteten Augen, die das Glizern eines fernen Sternes wiederspiegelten. Er fühlte auf seinen Schläfen das Prickeln und Kizeln der hübschen roten und feinen Haare, die Neletas Kopf wie ein Glorienschein umgaben. Die heftigen Parfums, die die junge Frau mit Vorliebe benutte, drangen ihm plöglich bis auf den tiefsten Grund seines Wesens.
,, Tonet, Tonet," murmelte sie mit ersterbender Stimme, die wie ein schwaches Stöhnen flang.
Wie in der Dehesa!... Doch sie waren nicht mehr Rinder, fie hatten die einfältige Unschuld verloren, die sie sich aneinanderschmiegen ließ, um sich zu erwärmen; iegt umschlangen sie sich mit vcllen Armen, und ihre Lippen preßten sich leidenschaftlich aufeinander.
Die Barke stand noch immer unbeweglich mitten auf dem See als wäre fie verlassen, und in der Ferne ließ sich der schläfrige Gefang einiger Schiffer vernehmen. Sie trieben ihre Ruderstange durch die murmelnden Wellen, ohne zu ahnen, daß gar nicht weit von ihnen in der Stille der Nacht, von den Tönen der Seevögel begleitet, die allmächtige Liebe zweier Menschenfinder in ihren Bann geschlagen hatte.
6.
Das Fest des Jesuskindes, das größte Fest in Palmar, rüdte heran.
Es war im Dezember. Ueber den Albuferasee wehte ein falter Wind, der die Hände der Fischer anschwellen ließ, während sie die Ruderstange handhabten. Die Männer trugen wollene Müßen, die sie bis über die Ohren gezogen hatten und ließen die gelbe Wachsleinenjacke, die bei jeder Bewegung ein Rascheln hervorbrachte, nicht mehr vom Leibe.
Die Frauen wagten faum noch die Hütten zu verlassen; alle Familien lebten am Herde, in der räucherigen Atmosphäre von Eskimohütten.
Der Spiegel des Albufera war gestiegen. Der Winterregen ließ das Wasser anschwellen, die Böschungen und Felder waren mit einem flüssigen Mantel bedeckt, der zeitweise von den Spitzen der überschwemmten Gräser unterbrochen wurde. Der See erschien größer. Die vereinzelten Häuser, die am Festlande standen, machten jetzt den Eindruck, als schwammen sie auf den Wassern, und die Barken legten direkt an ihrer Tür an.
Dem feuchten und schlammigen Boden von Palmar schien eine unerträgliche, schwarze Stälte zu entsteigen, die die Leute in ihrer Wohnung gleichsam eingesperrt hielt. Die Frauen erinnerten sich nicht, ie einen so grausamen Winter erlebt zu haben. Die unruhigen und gefräßigen Sperlinge fielen, von der Kälte erstarrt, mit leiſem, traurigem Schrei, der ähnlich wie das klägliche Gejammer eines Kindes klang, von den Strohdächern. Die Feldhüter der Dehesa waren angesichts des furchtbaren Elends gezwungen, die Augen zu schließen, und jeden Morgen zerstreute sich eine Armee von Kindern in den Wald, um trockenes Holz aufzulesen und die Hütten damit ein bißchen zu wärmen.
Canamels Kunden setzten sich am Ofen nieder und entschlossen sich nur dann, ihren Strohstuhl am Feuer zu verlassen, wenn sie sich am Schenktisch einen neuen Trank eingießen lassen wollten.
Balmar schien erstarrt und in Schlaf versunken. Man sah weder Leute auf den Straßen, noch Barken auf dem See. Die Fischer gingen morgens einen Augenblick aus, um die Fische herauszunehmen, die sich in der Nacht im Net gefangen hatten, kehrten dann aber schleunigst ins Dorf zurück. Ihre Füße erschienen riesengroß mit den umgewidelten Wollstücken, die sie herumlegten, bevor sie ihre Strohschuhe anzogen. In die Borken legte man Reisstroh, um die Kälte zu mildern. Häufig schwammen wie fable, undurchsichtige Kristalle bei Tagesanbruch große, spite Eisstücke auf dem See.
Alle fühlten sich von der Temperatur besiegt. Sie waren Söhne der Wärme und daran gewöhnt, den See förmlich