Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 35. Mittwoch� den 19 Februar. 1903 lNachvrull vervolen.) vs) Sckilf uncl ScKlarnm. Noman von Vicente Blasco Jbanez. Sangonera protestierte unverändert. Nein, er war nicht betrunken, im Gegenteil, er hatte an diesem Tage sehr wenig getrunken. Der Beweis dafür war, daß er wach blieb, ob- Wohl sein Körpw nicht mehr gehorchen wollte. Der Abend brach herein, der Albuferasee hatte eine dunkel violette Färbung, der Himmel wurde auf den Bergen tiefrot. wie mit unzähligen Blutflecken besudelt, und im Hintergrunde sah Sangonera einen Mann, der über den Weg schritt und, sich vom Himmel abhebend, gerade auf ihn zuschritt. Der Vagabund zitterte noch bei dieser Erinnerung. Der Blick des Unbekannten war sanft und traurig. Sein Bart war geteilt und sein Haar sehr lang. Wie er gekleidet war? Er erinnerte sich nur an eine weiße Gestalt, die eine Tunika oder eine sehr weite Bluse trug. Auf der Schulter hatte er eine ungeheure Masse, die sehr schwer drücken mußte, die aber Sangonera nicht zu erklären vermochte. Das war gewiß ein Hinrichtungsinstrumcnt, mit dem die Menschen erlöst werden sollten.... Die Erscheinung neigte sich zu ihm. und das ganze Licht der Dämmerung schien in ihren Augen aufzu- leuchten. Sie streckte die Hand aus und streifte mit den Fingern die Stirn SangoneraS, der bei der eisigen Berührung vom Kopf bis zu den Sohlen erbebte. Sie murmelte leise harmonische, seltsame Worte, die der Vagabund nicht verstehen konnte und entfernte sich lächelnd, während er unter der Heftigkeit seiner Aufregung in einen schweren Schlummer verfiel, aus dem er erst im tiefen Dunkel der Nacht erwachte. Er hatte ihn nie vorher gesehen, doch war er sicher, das war er. Er kehrte in die Welt zurück, um sein von den Menschen geschändetes Werk zu retten: er suchte von neuem die Armen, die Einfältigen, die elenden Lagunenfischer auf. Sangonera selbst war einer der Erwählten. Nicht umsonst hatte er ihn mit seiner Hand berührt. Und der Vagabund versicherte mit dem Eifer des Glaubens, er werde seinen Ge- fährten verlassen müssen, sobald die holde Erscheinung von neuem auftauchen würde. Doch Tonet, der wütend war, daß man seinen Schlaf in dieser Weise unterbrach, drohte ihm mit grober Stimme. Er solle schweigen! Er hatte eS ihm oft genug gesagt, das alles wäre nur der Traum eines Trunkenboldes. Wäre er ver- »lünftig und nüchtern gewesen, wie er es sein sollte, als er ihm seinen Auftrag gab, so hätte er gesehen, daß der geheim- nisvolle Mann nichts weiter als ein italienischer Landstreicher war, der sich zwei Tage in Palmar aufgehalten, um Messer und Scheren zu schleifen und seinen Schleifstein auf der Schulter trug. Sangonera schwieg schließlich: er fürchtete, die Hand seines Beschützers könne auf ihn herabsinken, doch da sein Glaube angegriffen war, so protestierte er stillschweigend gegen die gewöhnlichen Erklärungen Tonets:„Er würde ihn ganz sicher wiedersehen; er hatte die Gewißheit, daß er noch einmal seine seltsame und sanfte Sprache hören würde: nur eins bedrückte ihn, das war die Möglichkeit, die Vision könne von neuem erscheinen, wenn er seinen Durst bereits mehr- malS gelöscht und seine Beine bereits wankten." So verbrachten die beiden Gefährten den Winter. Sangonera hegte die seltsamsten Hoffnungen, Tonet dachte an Neleta, die er nie mehr sah, denn bei seinen kurzen und spärlichen Besuchen in Palmar verließ der junge Mann nie den Kirchenplatz und wagte nicht mehr, sich Canamels Hause zu nähern. Da diese Abwesenheit sich Monate und Monate hinzog, so wurde die Erinnerung an die verflossene Glückseligkeit immer stärker und wuchs durch das trügerische Mißverhältnis, das zwischen Wirklichkeit und Phantasie bestand, immer mehr. Neletas Bild schwebte vor seinen Augen, er sah sie im Wald, wo sie sich als kleine Kinder verirrtejn, auf dem See, wo sie sich im süßen Geheimnis der Nacht geliebt hatten. Er konnte sich in diesem Kreise von Schlamm und Wasser, in welchem sein Leben verfloß, nicht bewegen, ohne daß jeden Augenblick etwas auftauchte, das ihn an sie erinnerte Durch dieses Vagabundenleben noch mehr gekräftigt, lag Tonet so manche Nacht in unruhigem Schlummer, und Sangonera hörte ihn so manchesmal mit heiserer Stimme Neleta rufen. Eines Tages ließ sich Tonet von der Leidenschaft, die ihn verzehrte, fortreißen, denn er fühlte, daß er sie wieder- sehen mußte. Eanamel, der immer kränker wurde, war nach der Stadt gefahren. Der Kubaner trat eines Mittags, als alle Gäste in ihre Häuser zurückgekehrt waren und er hoffen durfte, Neleta allein zu finden, in die Schenke. Als die Wirtin ihn an der Tür auftauchen sah, stieß sie einen Schrei aus, als sähe sie ein Gespenst. Ein Freuden- blitz schoß in ihren Augen auf: doch sofort verdüsterte sich ihr Gesicht, als hätte der Verstand in ihr wieder die Ober- Hand gewonnen, sie senkte das Haupt und machte eine ab- weisende Bewegung. „Geh, geh," murmelte sie,„willst Du mich zu Grunde richten?" Er sie zu Grunde richten!... Diese Vermutung tat ihm so weh, daß er nicht zu protestieren wagte. Unbewußt wich er zurück und war blitzesschnell, als bereue er seine Schwäche, bereits am anderen Ende des Platzes und fern von der Schenke. Einen neuen Versuch, sie wiederzusehen, machte er nicht. Wenn er dem Drängen seiner mühsam zurückgehaltenen Leidenschaft nachgeben wollte und wieder zu ihr zu gehen beabsichtigte, so brauchte er sich nur. an ihre Bewegung zu erinnern, um auf der Stelle einen heftigen Kummer zu empfinden. Es war alles endgültig zwischen ihnen aus. Eanamel, über den er sich früher lustig gemacht, war ein unüberstcigbares Hindernis geworden. Der Haß, den er gegen den Gastwirt hegte, veranlaßte ihn, seinen Großvater aufzusuchen, denn alles Geld, daS er ihm entlockte, war seiner Ansicht nach ein herber Verlust für Neletas Gatte. Geld! Er wollte Geld haben! Sie wurden reich bei der Secunota und ihn, den Herrn und Gebieter, vergaßen sie. Infolge dieser Forderungen kam es zwischen dem Großvater und seinem Enkel zu Streitigkeiten und Zänkereien, die merkwürdigerweise noch nicht zum Austausch von Schlägen am User des Kanals ausgeartet waren. Tie alten Fischer bewunderten die Geduld, die der Onkel Paloma bei den Streitigkeiten mit Tonet zeigte, und wie langmütig er zu Werke ging, um ihn zu überzeugen. Das Jahr war schlecht, die Sequiota lieferte nicht den Ertrag, auf den man gerechnet hatte. Eanamel war krank und deshalb unaus- stehlich. Der Onkel Paloma wünschte selbst, das Jahr möchte zu Ende gehen, damit ihn eine neue Ziehung von der Stellung befreite, die ihm so viele Unannehmlichkeiten bereitet hatte und die er jetzt zu allen Teufeln wünschte. Sein altes System war das richtige. Jeder für sich, nicht in Gemeinschaft, nicht einmal zusammen mit einem Weibe. War es Tonet gelungen, seinem Großvater einen Dura zu entreißen, so pfiff er fröhlich Sangonera, und von Schenke zu Schenke zogen sie bis Valencia , verbrachten dort ein paar Bummeltage in den elendesten Spelunken der Vorstadt, bis ihre leichte Börse sie zwang, wieder nach dem Albufera zurückzukehren. Bei seiner Unterhaltung mit dem Großvater hatte sich der Kubaner nach dem Gesundheitszustand Canamels er» kundigt. In Palmar sprach man von nichts anderem, denn der Gastwirt war noch immer die erste Persönlichkeit des Dorfes, und jedermann nahm Zuflucht zu seiner Börse, wenn er sich in Not befand. Canamels Klagen und Wimmern wurde immer heftiger, daS waren nicht mehr Befürchtungen, wie zu Anfang: seine Gesundheit war wirklich erschüttert. Die Leute, die ihn täglich dicker, angeschwollener, von Fett gleichsam überfließend, in der Schcnkstube sahen, erklärten mit größtem Ernst, er würde an einem Uebermaß von Kraft und gutem Leben sterben. Jeden Tag litt er mehr, ohne erklären zu können, worin sein Leiden eigentlich bestand. Der von der Sumpferde hervorgerufene Rheumatismus wandelte durch seinen dicken Körper, spielte gleichsam Versteckens mit ihm. und umsonst versuchte man. ihn mit Umschlägen und Wundermitteln zu kurieren, die ihn in seinem tollen Lauf nicht aufzuhalten ver- mochten. Der Gastwirt klagte morgens über Schmerzen im
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