Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 37.

87]

Freitag, den 21. Februar.

( Nachdrud verboten.)

Schilf und Schlamm.

Roman von Vicente Blasco Ibanez . Nachts, gerade als sie sich zu Bett legen wollte, glaubte Neleta vom Kanal her ein leises Pfeifen zu hören, das ihr von ihrer frühesten Kindheit an wohl bekannt war. Sie öffnete einen Fensterladen, um nachzusehen. Er war da! Er wanderte dort wie ein trauriger Hund in der unbestimmten Hoffnung, man würde ihm öffnen. Tonets Idee war wirklich ein Wahnsinn. Sie war doch wahrhaftig nicht so dumm, ihre Zukunft durch eine Aufwvallung wilder Leidenschaft aufs Spiel zu feten. Sie war, wie ihre Feindin, die Samaruca, ganz richtig sagte, schlimmer als eine Alte.

Indessen fühlte sich die Gastwirtin doch von der Leiden­schaft Tonets geschmeichelt, der so schnell zu ihr kam, da er fie allein glaubte und sie schlief mit dem Gedanken an ihren Liebhaber ein. Man mußte die Zeit nur ihr Werk vollenden Lassen. Eines schönen Tages, wenn man am wenigsten daran glaubte, würde die alte Seligkeit schon wiederkehren.

In Tonets Leben hatte sich eine neue Veränderung voll zogen. Er hatte wieder angefangen, gut zu werden, bei seinem Vater zu leben und auf den Feldern zu arbeiten, die Dank der zähen Ausdauer des Onkel Toni schon fast voll­ständig mit Erde bedeckt waren.

Das tolle Treiben des Kubaners in der Dehesa hatte ein Ende genommen. Die Gendarmen der Ruzafaebene durch Streiften häufig den Wald, und diese schnurrbärtigen Soldaten mit der inquifitorischen Miene hatten ihren festen Entschluß ausgesprochen, auf den ersten Schuß Tonets mit einer Mauserkugel zu antworten. Der Kubaner ließ sich das gefagt sein. Diese Leute mit dem gelben Wehrgehänge waren nicht wie die Feldhüter der Dehesa; die waren imstande, ihn am Fuße cines Baumes liegen zu lassen und die Sache dann mit einem Protokoll zu erledigen, indem sie die Ge­schichte nach ihrer Manier hinstellten. Er verabschiedete deshalb Sangonera, und der unglückliche Vagabund nahm sein Landstreicherleben von neuem auf, bekränzte sich mit Blumen, sobald er betrunken war, und verfolgte über den See die geheimnisvolle Erscheinung, die so tiefen Eindrud auf ihn gemacht hatte.

Was Tonet betraf, so hing er sein Gewehr in der Hütte feines Vaters auf und schwor, seine Neue würde nun ewig dauern; man sollte ihn von jetzt ab als durchaus ernsthaften Menschen ansehen. Er wollte zu dem Onkel Toni respekt voll und gut sein, wie dieser stets zu dem Großvater gewesen. Das Herumstreifen hatte ein Ende. Gerührt umarmte der Vater Tonet, was er feit seiner Rückkehr aus Kuba nicht getan, und beide bemühten sich nun um die endgültige Zu­schüttung der Felder; sie arbeiteten mit dem Fiebereifer von Leuten, die von einem Werke bereits das Ende absehen fönnen.

Der Kummer verlieh Tonet neue Kräfte und stählte feinen Willen. Unter der Einwirkung der Leidenschaft, die ihn verzehrte, war er, wenn er Neleta allein wußte, ver­schiedene Abende um die Schenke herumgeschlichen. Er hatte bemerkt, wie ein Fensterladen sich leicht öffnete und sofort wieder schloß. Zweifellos blieb sie stumm und unzugänglich. Er hatte nichts zu hoffen. Zu seinem Troste blieb ihm nur die Zärtlichkeit der Seinen, und tagtäglich wurde seine Intimität mit dem Vater und der Borda inniger. Er teilte mit ihnen ihre Illusionen und ihre Leiden und lebte, ihre cinfachen Sitten bewundernd, ihr Elend mit. Er trank jeßt faum noch und brachte die Abendstunden damit hin, daß er feinem Vater seine Kriegsabenteuer erzählte. Die Borda strahlte vor Glück, und wenn sie mit einer Nachbarin plauderte, so geschah das nur, um ihren Bruder zu loben. Der arme Tonet! Wie glücklich machte er seinen Vater durch seine Zuneigung.

Neleta perließ plötzlich die Schenke, um nach Nuzafa zu eilen. Diese Reise war so dringend, daß sie die Abfahrt der Bostbarke nicht erwarten fonnte, sondern den Onkel Paloma bat, sie nach Saler, nach Catarroja oder sonst nach irgend einem Punkte des Festlandes zu bringen, von wo sie weiter nach Valencia fonnte,

1908

Mit Canamel stand es sehr schlecht, er lag im Sterben. Das war aber noch nicht das Schlimmste für Neleta. Ihre Tante war heute morgen mit Neuigkeiten angekommen, die sie verblüfft und gleichsam betäubt hatten. Die Samaruca war seit vier Tagen in Ruzafa. In ihrer Eigenschaft als Berwandte hatte sie sich im Hause eingenistet, und die arme Tante hatte nicht zu protestieren gewagt. Außerdem hatte fte einen Neffen mitgebracht, der wie ein Sohn bei ihr lebte; es war derselbe, den Tonet in jener berühmten Ständchen­nacht so tüchtig verprügelt hatte. Zu Anfang hatte die Pflegerin mit dem gutmütigen Herzen einer einfachen Frau gefchwiegen; es waren Canamels Verwandte, und sie hatte fein so schlechtes Herz, daß sie den Kranken dieser Besuche berauben wollte. Doch sie hatte einzelne Unterredungen Canamels und seiner Schwägerin mit angehört. Diese Here suchte ihn zu überzeugen, niemand liebe ihn wie ihr Neffe und sie. Sie sprach von Neleta und behauptete, seit seiner Abreise komme der Enkel des Onkel Paloma jede Nacht in das Haus. Außerdem die Alte zitterte noch vor Angst, als fie das erzählte hätten die Samaruca und ihr Neffe am vorigen Abend zwei Herren mitgebracht; der eine richtete leise Fragen an Canamel, und der andere schrieb. Es mußte sich wohl um ein Testament handeln.

--

Als Neleta diese Nachrichten erhielt, zeigte sie sich in ihrem wahren Licht. Ihre leise, gezierte Stimme mit den fanften Betonungen wurde plöglich rauh; die hellen Tropfen ihrer Augen glänzten, als wären sie aus Glimmer, und ihre weiße Haut nahm eine Leichenblässe an.

Achtung!" rief sie wie ein Schiffer in einem Strudel. Um das zu erreichen, hatte sie Canamel geheiratet? Darum hatte sie sich durch ihre Sanftmut und Zärtlichkeit fast frank gemacht? Der Egoismus des Landmädchens, das fein Interesse über die Liebe stelite, begann sich mit aller Heftigkeit in ihr zu regen.

Im ersten Augenblick hatte sie Lust, ihre gute Tante, die ihr diese Mitteilung so spät machte, als vielleicht alles schon umsonst war, tüchtig durchzuprügeln. Dann aber dachte sie, daß sie mit diesem Zornesausbruch nur eine kostbare Zeit ber­lieren würde. Sie zog es vor, eiligst zur Barke des Onkel Paloma zu laufen, und dort ergriff sie selbst eine Ruder­stange, um sich schneller aus dem Kanal zu bringen; auch half sie dem Alten beim Segelspannen.

Gegen abend stürzte sie wie ein Wirbelwind in das kleine Haus in Ruzafa. Als die Samaruca sie eintreten sah, wurde sie merkwürdig bleich und wandte sich unwillkürlich nach der Zür; doch kaum hatte sie Miene gemacht, sich zurückzuziehen, da wurde sie von einer heftigen Ohrfeige Neletas an die Stelle genagelt, und die beiden Weiber gerieten sich sofort in der tiefsten Stille, schäumend vor Wut, in die Haare. Sie drehten sich um sich selbst, zerrissen sich das Gesicht mit ihren verkrampften Fingern, wie zwei Kühe, die auf der Wiese mit den Hörnern gegen sich anrennen, ohne vonein­ander loskommen zu können.

Die Samaruca war stark und flößte den Weibern von Palmar eine gewisse Furcht ein. Doch Neleta besaß trot ihres fanften Lächelns und ihrer honigfüßen Stimme die Behendigkeit einer Viper und biß ihrer Feindin mit solcher Wut ins Fleisch, daß das Blut in Strömen floß.

Was ist denn?" ertönte im Nebenzimmer Canamels Stimme, der sich über dieses Fußstampfen ängstigte, was geht denn vor?"

Der Arzt, der bei ihm war, verließ das Schlafzimmer, und mit Hülfe des Neffen der Samaruca gelang es ihm, nicht ohne so manchen Buff abzubekommen, die kämpfenden Weiber zu trennen. Vor der Tür waren die Nachbarn zu= fammengelaufen. Sie bewunderten die blinde Wut, mit der die beiden Frauen sich prügelten, und applaudierten zu den Mute der kleinen rothaarigen Frau, die jetzt vor Wut weinte, daß sie den Kampf nicht weiter fortseßen konnte.

Canamels Schwägerin entfloh mit ihrem Neffen, die Haustür schloß sich wieder und Neleta trat, mit zerzausten Haaren und das weiße Gesicht mit Kragwunden bedeckt, in das Zimmer ihres Mannes, nachdem sie sich das Blut ab­gewaschen hatte.

Canamel war eine Ruine. Seine angeschwollenen Beine waren ungeheuer dick geworden; das Wasser war, wie der