Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 41.
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Donnerstag den 27 Februar.
( Nachdrud verboten.)
Schilf und Schlamm.
Roman von Vicente Blasco Ibanez . Es fehlte an Barken und Fischern, um diese Fülle von Fremden zu bedienen. Der Onkel Paloma, der den Jägern wohl bekannt war, wußte nicht mehr, wie er alle Anforderungen erfüllen sollte. Er war seit langer Zeit von einem reichen Bürger angenommen, der ihm seine bedeutende Kennt nis aller Angelegenheiten des Albuferasees auf das freigebigste bezahlte. Deswegen verabsäumten die Jäger nie, sich an den Patriarchen der Schiffer zu wenden, und der Onkel Paloma ging hierhin und dorthin und suchte für alle, die ihm aus Valencia schrieben, Boote und Schiffer.
Am Tage vor der Jagd sah Tonet seinen Großvater in die Schenke treten. Er suchte ihn. Dieses Jahr würde es mehr Schützen als Wild auf dem See geben. Er wußte nicht mehr, wo er Schiffer hernehmen sollte. Alle Leute aus Saler, aus Catarroja, ja sogar aus Palmar waren angenommen, und jetzt verlangte ein alter Runde, dem man nichts abschlagen fonnte, eine fleine Barke und einen Mann für einen seiner Freunde, der zum ersten Mal zur Jagd kam. Er bat Tonet, er möchte dieser Mann sein und seinem Großvater aus der Verlegenheit helfen.
Der Kubaner lehnte ab. Neleta war frank. Am Morgen hatte sie plötzlich den Schenktisch verlassen müssen, denn sie fonnte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Der so sehr gefürchtete Augenblick nahte, und er konnte die Schenke nicht berlassen.
Doch seine lakonische Weigerung wurde von dem Alten als Beleidigung ausgelegt und er geriet in Wut.
Jetzt, wo Tonet reich war, erlaubte er sich, feinen armen Großvater zu verachten und brachte ihn in eine lächerliche Lage. Er hatte alles von Tonet zu erdulden gehabt; er hatte fogar unter seiner Faulheit gelitten, als sie die Sequiota ausbeuteten, er schloß die Augen über seinen Verkehr mit der Wirtin, der der Familie gerade nicht zur Ehre gereichte, aber ihn bei einer Verpflichtung in Stich zu lassen, die er als Ehrensache ansah, das war wahrhaftig zu viel... Bei Christus, was werden seine Freunde aus der Stadt von ihm sagen, wenn sie sehen, daß der Mann, den sie für den Herrn des Albuferasees halten, nicht einmal einen Schiffer für sie aufzutreiben vermag? Seine Traurigteit war so tief, so fichtbar, daß Tonet seine Antwort bereute. Seine Hülfe bei den großen Jagden verweigern, hieß dem Onkel Paloma seinen Nimbus rauben und bedeutete gleichzeitig gewisser maßen einen Verrat gegen dieses Land von Schilf und Schlamm, in dem sie beide zur Welt gekommen waren.
Der Kubaner ging deshalb refigniert auf die Bitte seines Großvaters ein. Bei sinkender Nacht kam er nach Saler, denn als Schiffer sollte er im Verwaltungshause der VerLosung der Jagdplätze zusammen mit seinem Herrn bei
wohnen.
Die Umgegend von Saler, das nach Valencia zu, am äußeren Ende eines Kanals liegt, bot infolge der vielen Fremden, die zu den großen Jagden hier zusammengekommen waren, einen eigentümlichen Anblick.
1908
kommenden Tartanen" noch verstärkt wurde. Die Jäger waren Bürgersleute aus Valencia , die mit ihren hohen Gamaschen und ihren großen Filzhüten wie Krieger aus Transvaal aussahen, stolz auf ihre mit zahlreichen Taschen, Börsen und Patronenbehältern beschwerte Bluse schlugen, lustig ihren Hunden pfiffen und hochmütig ihr modernes Gewehr zeigten, das sie in einem prächtigen, gelben Lederetui über der Schulter trugen: reiche Grundbesizer aus der Provinz, mit schönen, farbigen Mantillen, die Jagdtasche im Gürtel, das Taschentuch in Mitraform auf dem Kopfe, wie ein Turban zusammengelegt oder breit auf den Hals hinunterflatternd, und so mit einem Wort die verschiedenen Arten der Kopfbedeckung der Provinz Valencia verförpernd. Das Gewehr und die Jagd verwischte alle Standesunterschiede. Sie behandelten sich alle ohne Ausnahme mit der Kollegialität von Waffengefährten und gerieten bei der Aus. sicht auf das Fest des folgenden Tages in Entzücken. Sie sprachen von dem englischen Pulver, von der Vorzüglichkeit der Perkussionsgewehre und zitterten mit der stolzen Wollust arabischer Vollblüter, als atmeten sie mit ihren Worten schon den Pulverdampf ein. Die großen, schweigsamen Hunde liefen von Gruppe zu Gruppe und berochen die Jäger, bis sie ihren Herrn gefunden hatten, zu dessen Füßen sie sich niederlegten.
In allen zu Ausspannungen umgewandelten Hütten waren die Frauen eifrig mit der Abendmahlzeit beschäftigt; das Fest versetzte sie in Aufregung, denn mit seiner Hülfe konnten sie das ganze Jahr von dem dabei verdienten Geld leben.
Tonet erblickte das sogenannte Infantinnenhaus, einen niedrigen Steinbau mit ungeheurem Tach, das hier und da mit verschiedenen Luken versehen war; eine Art große Kaserne aus dem 18. Jahrhundert, die langsam verfiel, seit die Jäger von föniglichem Geblüt nicht mehr nach der Albuferagegend famen. Augenblicklich war es zu einem Gasthause umge wandelt. Gegenüber lag die Domänenkammer, ein zweiftöckiges Gebäude, das sich unter den Hütten riesenhaft ausnahm und auf seinen verfallenen Wänden verschiedene ver. gitterte Imposten und auf dem Dach eine Glocke aufwies, die die Jäger zur Plazverteilung herbeirief.
niedrigen Saal, in dem die Zeremonie stattfand. Eine ungeTonet trat in dieses Haus und warf einen Blick in den heure Laterne warf ein trübes Licht auf den Tisch und auf die Site der Albuferapächter. Die Estrade war von dem übrigen Saal durch eine Eisenschranke getrennt.
Der Onkel Paloma befand sich hier in seiner Eigenschaft als Schifferpatriarch und unterhielt sich mit den berühmten Sägern, den fanatischen Freunden des Sees, die er seit einem halben Jahrhundert kannte. Es waren da Reiche und Arme; aus der Stadt oder bescheidene Erdarbeiter aus den kleinen die einen waren Großgrundbesizer, die anderen Schlächter benachbarten Dörfern. Sie sahen sich und sprachen sich zu feiner anderen Jahreszeit, aber wenn sie sich alle Sonnabend auf dem Albufera bei den kleinen Jagden begegneten oder bei den großen, jährlichen Jagden zusammentrafen, dann näherten sie sich liebevoll wie Brüder, boten sich Tabak oder Patronen an und hörten gegenseitiç, die merkwürdigen Jagdabenteuer mit der größten Geduld an. Die gemeinsamen Neigungen, die gemeinsamen Lügen schufen gleichsam ein brüderliches Band. Fast alle zeigten die Narben der Wunden, die ihnen ihre Hauptleidenschaft eingetragen, und die auf ihrem Körper noch sichtbar waren. Die einen wieſen unter heftigen Gestikulationen die Stümpfe ihrer Finger vor, die ihnen infolge einer Explosion abgerissen worden waren, den andern hatte das Pulver die Wange verbrannt. Die ältesten, die Veteranen, sprachen von dem Rheumatismus , den die Unbilden der Witterung zur Folge gehabt; trotzdem aber wollten fie die großen Jagden nicht versäumen und sie klagten über die Weichlichkeit und den geringen Eifer der neuen Jäger.
In dem breiteren Teile des Kanals, den man pomphaft den Hafen nannte, gruppierten sich zu Dußenden die schwarzen Barken, die feinen Raum sich zu bewegen hatten; ihre Ränder stießen aneinander, und sie zitterten unter dem Gewicht der dicken Planten, die man mitnahm, um die Jäger über die Wasserläufe zu bringen. Außerdem bildeten sie ein Schutzdach für die Nacht, und man konnte von hieraus versteckt auf die Vögel schießen, ohne von ihnen gesehen zu werden. Zwischen den Häufern von Saler hatten ein paar brave Mädchen fleine Tische mit gerösteten Erbsen und Mandelfuchen aufgestellt; diese Waren beleuchteten sie mit Kerzen, die sie mit Hülfe von Papierhülsen vor dem Winde schüßten. Die Versammlung ging zu Ende. Die Schiffer teilten Vor den Türen der Hütten ließen die Frauen die Kessel den Jägern mit, daß das Essen bereit wäre, und gruppenkochen und boten den Jägern Tassen Kaffee mit Likören, in weise gingen sie hinaus und begaben sich in die Hütten, die denen viel mehr Kaffee als Likör und viel mehr geröstetes rote Reflere auf den Schmutz des Weges warfen. Ein starker Schilf als Staffee enthalten waren; auf dem Marktplatz Alkoholgeruch schwebte in der Luft. Die Jäger fürchteten schwaste eine zahlreiche Bevölkerung, die jeden Augenblick das ungesunde Wasser des Albufera, sie mißtrauten der aus durch die Ankunft der mit den Jägern von der Stadt dem See entnommenen Flüssigkeit, die die Leute aus der