Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 60.

10]

Proletarier.

Mittwoch, den 25 März.

( Nachdruck verboten.)

Won Christen Bundgaard,.

6.

Trüb und stumpf hatte Martin, der Kleinknecht, weiter geradkert. Aber die Kälte in seinem Innern nahm zu, das mederdrückende Gefühl von seiner Verlassenheit und Un­bedeutendheit.

Nun gab es feinen Landstreicher mehr mit gewaltsamen Gedanien, an denen die Phantasie sich anflammern fonnte, feinen, mit dem er die langen und falten Stunden der Stammer teilte. Hier saß er nun allein mit den eigenartigen Visionen seiner Kinderseele, Visionen, in Kälte und Dunkel­heit geboren.

Die Gefühle in feiner Seele wuchsen ins Krankhafte, und fein ganzes Naturell hatte sich aufs Absonderlichste verdreht and war mißgestaltet geworden in der Vereinsamung, der er überlassen war. Sein Inneres wurde durchsetzt vom fauren Gift des Lebens, und dieses Kind, das so still und ein­geschüchtert erschien, brütete über einer Bitterfeit und einem Haß, der einmal übers andere als Niederichlag erwachender und unentwickelter Triebe reagierte. Und dieser weiche Kinder­mund mit den bebenden Angstzügen hatte Worte gesprochen, bor denen Erwachsenen grauen würde. Er hatte in den ein­samsten Stunden der Nacht, vom Weinen übermannt, den Höchsten selbit verwünscht und verhöhnt. Sein verirrter Blick war in einem fühnen Moment hinter den Vorhang geflattert, wo Er selbst sitzt, der den Nagel der Welt in seiner Hand hält. Durch die verlassenste Tiefe der Nacht, über die öden Gründe des Lebens geht der Weg nacter Proletarierfinder. Sie grüßen den Tagesschimmer mit dunkelheitersticktem Schrei denn die Stunde der Erlösung bricht an für alle erdgeborenen Nachkommen.

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Hoch oben in der verschleierten Luft hing die Sonne wie eine glühende Metallplatte.

In dem heißen Licht lagen Feld und Wiese zu beiden Seiten der Landstraße, und inmitten des grünsten Grasbodens standen die Blumen und dufteten- taufende blaue und tausende rote. Aber die Landstraße selbst erstreckte sich weiß und ftaubig in die Landschaft hinein. Von jedem Ort führen viele Wege in die Welt hinaus, aber Martin kam diesen ent­Tang. Er war nämlich auf dem Wege in die Welt. Nun wollte er versuchen, was sie für ihn bereit hatte, deshalb war er von allem fortgelaufen.

So lief er denn, mit einem kleinen Bündel unter dem Arm, ein ungeduldiges Sehnen in seinen großen aufrichtigen Augen mit der allerfröhlichsten Unbekümmertheit dem Leben direkt in den Schlund hinein; trotzdem ihm jeder Narr hätte erzählen können, daß er gerade so gut in die leere Luft hinein oder ins Wasser hätte spazieren oder den Herrgott bitten Fönnen, ihn zu fich zu nehmen.

Aber gab es denn nicht viele, arm wie er, die es zu etwas gebracht hatten, vorwärts gekommen waren? Erzählte man fich nicht hundert und mehr Märchen von armer Leute Kinder, Die in die weite Welt hinausgezogen waren und Königreiche, alle Schätze der Welt errungen hatten?

Aus den Erzählungen des Landstreichers war es ihm so dunkel im Gedächtnis haften geblieben, daß unten in der Marsch so fürchterlich viel Geld zu verdienen war.

Und da er keine andere Vorstellung hatte, vertauschte er sein letztes Fünffronenstück mit einem kleinen braunen Billett. Er konnte sich nicht helfen, er mußte bei dem Handel seufzen nun war ja alles auf eine Karte gefekt.

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Und als er nach Tondern kam und der Vermieter ihm sagte, daß er keine Arbeit für ihn hätte da stand der arme Junge und konnte gar nicht begreifen, was das bedeutete. Er hatte nur eine Vorstellung davon, daß er dann auch nicht leben könne, aber es fonnte sich ja doch nicht so verhalten. Kommen Sie ein ander mal wieder", sagte der Ver­mieter. Vielleicht findet sich später etwas."

Martin empfand, als er aus der Stadt ging, wie alle Menschen es ihm ansehen konnten, was für ein armer Kerl er war, der nicht wußte, wo er in der Nacht schlafen, noch wie er am anderen Tage das Leben fristen sollte

1908

Jekt

Ein ander mal wiederkommen. Ja, aber überkam es ihn mit sonnenflarer Angst, daß er der Unmög lichkeit gegenüberstand. Ein ander mal fonnte er ja gar nicht mehr auf der Welt sein. Draußen auf dem Felde fonnte man seinen zernagten Körper finden.. dort draußen, wo er notgedrungen sterben mußte denn es war ja faftisch - es war unmöglich. stehen sollte. Er wußte nicht, wo er gehen und

Er sank an einer Haselhecke um und schlief- schlief gleich hier auf der harten Schwelle der Welt, an diesem öden Ort unter allen Menschen.

Und die Träume vermehrten seine Leiden. Er ermattete und wand sich im Fieber.

Die Sonne war fort, und starke Windstöße jagten über ihn Plößlich fuhr er aus seinem wirren Schlaf in die Höhe. bahin, große, falte Regentropfen fielen ihm auf Gesicht und Sände. Er sprang auf, fekte fich den Hut auf den Kopf, er­griff den Rucksack und stolperte auf die Straße hinaus. Wo sollte er Schutz suchen, und wo gab es für ihn eine Stätte in der Nacht?

Nie war es ihm noch passiert, daß er in der Nacht kein Bett zum Schlafen gehabt hätte. Ein Gefühl der Heimat­losigkeit ergriff ihn mit all seiner Unheimlichkeit, aber der immer heftiger herabpeitschende Regen zwang ihn vorwärts.

In furzer Entfernung, links von der Landstraße, sah er einiges Buschwerk, und um ein wenig warm zu werden, lief er dorthin so schnell er konnte.

Die Straße entlang fam jemand- er hielt deshalb mit Laufen inne und ging ruhig und langsam. Der Kommende ging ohne Gruß dicht an ihm vorüber, aber er fah ihn so merkwürdig an, kam es Martin vor.

Und da fielen ihm alle die Geschichten von Mord und Ueberfällen und Vergewaltigungen ein, die hier in den Grenzdistriften, wo allen möglichen Auswurf aus beiden Ländern der Weg hinüberführt, so häufig vorkommen sollten. Es ist wohl das beste, zu warten, bis er fort ist, dachte Martin damit er nicht sieht, wo ich hingehe.

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Obwohl der Regen ihm falt über den Rücken rieselte, blieb er doch stehen und sah dem Wanderer nach, bis dieser ungefähr in der Stadt war. Dann beeilte er sich, das Ge büsch zu erreichen.

Dies erwies sich als einstiger großer Garten, dort fand sich sogar noch ein Gartenhäuschen mit vielen Fenstern und Glasscheiben in der Tür.

Aber was es so schnell wie möglich zu erreichen galt, wav ein Obdach vor dem Regen und eine Schlafstätte für die Nacht.

An der einen Seite des Gartens führte ein mit Dornen überwucherter Graben entlang. Der Graben war trocken, aber Disteln, Schierling und allerhand Unkraut bemühten sich, ihn völlig zu verschließen. Gelang es Martin, durch die Dornen in den Graben hineinzuschlüpfen, so war er für diese Nacht einigermaßen geborgen. Die Dornen zerstachen ihm die Kleider bis auf den Körper, und als er endlich im Graben war, mußte er sich zunächst die Dornen aus den Fingern ziehen.

Dann machte er sich unter Unkraut und Zweigen einen Platz zurecht und legte sich zur Ruhe, den Rucksack unter dem Kopf und die Jacke, die er ausgezogen hatte, über das Gesicht.

Hier fühlte er sich sicher und beruhigt, und in einer Art von Behagen zog er die Beine in die Höhe, während er auf den sausenden Regen und auf den Sturm lauschte, der die Bäume über feinem Stopf rüttelte.

Und während die Dunkelheit immer dichter wurde, schlief er ein ein armer Snabe, dessen zukünftiges Heim nichts anderes war, als ein Straßengraben.

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Als Martin erwachte, war er durchweicht und steif gefroren. Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht; vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht die halbe Nacht. Durch die Stockdunkelheit peitschte der Regen herab und jedesmal. so bald der Wind sich in den Bäumen verfing, ergossen sich Ströme Wassers über ihn.

Das Wasser patschte im Graben unter ihm, und er fonnte dort nicht länger bleiben. Er mußte hinaus, durch die stechenden Dornen, hinaus in den Regen und die Dunkelheit