Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 67. Freitage den 3. April. 1903 lNachdmck verboten.) *] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Auf anderen Wegen schwärmten andere Herzen, und nach den drei Grazien zu urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge durchaus nicht zu miß» fallen: sie verfielen wenigstens aus einer zeitweiligen ent- rüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und träu- mendes Hinschlendern: aber sei es nun. daß irgendwo ein Jüngling dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem franzö- fischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen Präparandengrüne Jungen". Man war sich sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. Am fol- genden Tage dachte man milder über die Sache: man be- durfte ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß man, die unquali- fizierbare Aeußerung des Direktors auf dessen preußische Un» bildung zurückzuführen und ihn zu verachten. Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu be- zwingen. Der Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich gegen das fliigelspreizende Wappentier entlud. Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur Klasse:Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen..." und wandte sich seinen Geschäften zu. Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt be- ginnt eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr Roth- grün begann, Geschichtszahlen zu repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl nennen: Amenemha III.?" 2200." Vertreibung der Hyksos?" 1S80." Durch wen?" Durch Thutmosis." Amenophis?" 1500." Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und d'er Schüler das geschichtliche Faktum, was genau ebenso bildend und inter- essarit war. So ging es die ganze Stunde hindurch: denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte. Er war wieder mal nicht präpariert", sagten die Prä- paranden, als er fort war. In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach effektvollem Eintritt und imperatorcnhafter Besteigung des Katheders von neuem: Pbul?" 770." Tiglat Pilesar?" 740." Und so fort über Acgypter. Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, Griechen und Römer bis zu den Franken und Mero- wingern. Wer die Zahl wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm. Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward eS abgemacht: Wenn er die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer er- innerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei unmännlich". Man solle eine Abordnung zu Herrn Roth- grün schicken und sich über seinen Unterricht beschweren. Ja, willst Du das tun?" riefen einige höhnend. Ich gehe mit", sagte Asmus. Aber die anderen wollten nicht, und da sagte Asmus:Allein will ich auch nicht." Sems'er will artig Kind spielen", spottete einer. Du bist ein Esel!" rief Asmus.Trampeln tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich mit." 3. Kapitel. (Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt mußte.) Die nächste Gcschichtsswnde erschien, und Herr Rothgrün begann:Tiglat Pilesar?" 740", sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender Donner klang. Herr Rothgrün wurde weiß. Was soll das?" rief er. Keine Antwort. Was soll das heißen?" Eisiges Schweigen. Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und. zu sagen, was das bedeuten soll?" schrie der Lehrer. Niemand rührte sich. Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu melden, daß ich durch ein unerklärliches Ge- räusch im Unterricht gestört nwrden bin." Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Mel- dung: denn er wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze:Unterrickstet nur gut: dann kommt der Respekt der Schüler von selbst." Auch erklärte sich Herr Roth- grün dasunerklärliche Geräusch" sehr schnell und richtig: er begann sofort zu erzählen: diesmal erzählte er freilich.noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich: denn wenn er wollte, so konnte er's vielleicht am besten von» allen Lehrern der Anstalt. Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, er glaubte die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seinerFaust"-Lektllre wußte er sehr wohl: Die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. WaS ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, Darin die Zeiten sich bespiegeln." und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte man von all dew Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, be- absichtigtcn und wünschten, und davon hörte man so gut wie nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnen- strahl in eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß man aus der Ge» schichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbcsicdeltes deutsches Land, indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da könig- liche Väter büßend vor unstMürlichen Söhnen knieten und lange Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen. bekannten, und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum