Nnterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 74. Dienstag, den 14 April. 190» (Nachdruck verböte».) 10] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Noch einen stärkeren Widerhall aber fand AsmuS bei einer Frauenseele, von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38 jährigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine Nadel war. in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und unter» stützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, die sie las. wußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen fühlte, da sagte sie:Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt." In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben konnte, w sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: o,Jch habe immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch'mal auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!" Vielleicht heirate ich auch die!" dachte Asmus Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus schenkten ein» ander zu Anfang nur wenig Beachtung, unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die Dame in Trauer", die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner Präparandcnzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, das konnte er nicht mehr wissen. 11. Kapitel. (Wie Asmus Plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den Hund kam.) Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines Präparandentums eines Morgens in die Schule kam. ließ ihn der Oberlehere in sein Zimmer rufen.Herr Dohrmann hat sich krank gemeldet," sagte er. und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht kommn können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung auserseben. Uebernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden." Asmus konnte vor Ueberraschung nicht sprechen: er nickte nur stumm und verließ das Zimmer. Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbeln- der Jubel. Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und jüngste von den drei Präporanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum nicht Morieur, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach ja. er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen einen zusammengerafften, ent« schlossenen Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte ep Erscheinung". Eine düstre Wolke seh':ch schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum. Gleichwie starrgewalt'ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur, Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur. Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts Also sah ich düstre Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnet, Eines fremden Lichtes leiser Hauch. Augen sah ich, die dem Hirn entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit sel'gem Glanz erfüllt. Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick. ein überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang sein« Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen Jugend« beinen auf der Erde umher. Das wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit. Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentllr auf. Er stand vor den Kindern. Sie verstummten vor Ueberraschung. Was will der denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, ihre Sachen untev den Tisch zu legen und sich ordentlich hinzusetzen. Sie gs> horchten; aber einige duckten sich hinter den Rücken deS Vordermannes und kicherten, weil der kleine Schreiber auS dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allercrnsteste auf und sah den Aufsässigen ruhig in die Augen da saßen sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war nicht so schwer; aber da» Unterrichten! Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die ein« fachste Sache von der Welt. Man sagt� den Kindern, waS sie wissen sollen, und dann wissen sie's ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist's ja gerade! Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man's aus ihnen herausholen: so verlangt es daserotematische" oderkateche« tische" oderheuristische" Lehrverfahren. Asmus kannte diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der Darmgcgend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn es war Brauch, daß, wenn ein Prä- parand unterrichtete, die andern zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesfer mußten sie aufpassen,