Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 81.
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Sonnabend, den 25. April.
( Nachdrud verboten.)
Semper der Jüngling.
Ein Bildungsroman von Otto Ernff. Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie lachend ihren großen Mund aufrib und rief:" Du willst Lehrer werden? Du bist wohl verrüdt!"
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Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn warf und ans Bigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens bereitete er seinem Sohn den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick feines Vaters auf ihm ruhte. Er freut sich, daß es mir schmeckt," dachte Asmus. Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas werde, was er nicht werden durfte."
ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück auswidelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. Die Luft dieser alten Schulfasernen belegt alle Luft- und Speisewege wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn Herr Rothgrün in Der Geschichtsstunde:
"
Stehen Sie morgens so früh auf?" sach- o nein," sagte Asmus ohne Berständnis.
Sie schliefen nämlich eben," fuhr Herr Nothgrün pifierten Tones fort.
" Ich? Nein!" erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch vom zweiten Samniferkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr Rothgrün erledigte folche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser Aufmachung interessierten Asmus die Samniterfriege nur äußerst schwach. Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Beiten verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als eine Schmach, und daß er Herrn Rothgrün in seiner Eitelfeit verlegt hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer; aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.
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1908
ruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrfäße zu beweisen und die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. Daß jede Größe sich selbst gleich ist - natürlich, die Wahrheit dieses Sapes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewißheiten, fie machten ihm in diesen Jahren Bein. Aber noch mehr: alles, was er logisch begriffen hatte, wollte er auch finnlich erfassen. Es war der Künstler in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, logisch begreifen und beweisen, das fonnte ein Kind; aber er wollte auch sehen, daß die Produkte der nicht anstoßenden Abschnitte einander gleich seien. Und das fonnte man nicht. Ja, man fonnt' es ja ausrechnen, aber das war fein Sehen! Und nun fam noch hinzu, daß er mit einem Mangel in seiner AnTage zu fämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, der Anatomie, der Botonik und so weiter machte ihm das drei. dimensionale Borstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen Gefäßsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den Querdurchschnitt vor. zustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, daß c3 schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das Gefühl, als fönne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner geballten Faust. Taß die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist selbstverständlich. Warum wirfte am doppeltlangen Hebelarm das halbe Pfund genau so starf wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstüßung. Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und befanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht darunter" falsch" und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug. der unterwegs nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch:" So" und dann sah er ins Heft und sagte: Die" und dann sagte er unsicheren Tones: Das" und nachdem er noch Sm" gesagt hatte, rief er ärgerlich:" Ja, richtig sind sie wohl; aber was follen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es alle anderen machen!" und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe
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19. Rapitel
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( Asmus flagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf erklärt.)
Das war kein Studieren mehr, was er jekt trieb! Das war nichts als ein Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben und seinem Feuereifet schien fast alles wichtig holte er sich alle Dar stellungen und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte fie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Bestalozzi und Herbart, die Abhandlungen eines Schiller und Lessing , die Darstellungen eines Ranke und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, Ja, die Gefeße des Hebels und die Wunder des Spekfelbst zu finden; er hielt sich gleichsam selbst Vorträge; ja, er trums und vor allem jener fatale Abgrund, der zwischen diskutierte im Schlafzimmer laut mit sich selbst und stellte Körperwelt und Gedankenwelt klafft, jener Abgrund, den wir Grund und Gegengrund sozusagen im kontradiktorischen Ber - immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie hatten fahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, die für den seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber es waren Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: Junge, Du nicht scheute, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder priesterst ja wieder ordentlich." Er hatte nun einmal dies in allem geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns Leidenschaftliche Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine stärker und freier machen, solange uns Hoffnung bleibt. Stimme in ihm rief: Nichts Dunkles hinter Dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Stünftige, und er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren Gedanken be
Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden konnte er nur dis notdürftigste paufen, konnte er eigentlich nur für den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er