Nnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 83. Mittwoch, den 29 April. 1903 (Nachdruck verboten.) m Semper der Jüngling. Ein Bilbungsroman von Otto Ernst . Bismarck , der Johannes Semper und Heinrich den See tahrer verbannt hatte, war in Berlin , und das war Asmussen eben recht: er hätte ihm damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal„Das Blatt im Buche" in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu unterdrücken war.„Ich Hab' eine alte Muhme'� so beginnt das Gedicht, und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den Sachsenwald kannte der Deklamator: er kannte jeden Weg und Steg, und Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie Plötz- lich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich Asmus nicht mehr, daß das„geschätzte Mitglied hier herum Weg und Steg kannte: denn diese Försterstochter Jpar wohl das Hübscheste, was der Sachscnwald zu geben yatte. Sogleich empfand Asmus in der Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des „Blattes im Buche" mit argwöhnisch brennenden Blicken an sah. Nach dem Essen sollte Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem Tempelherrn, weil es Morieux„kolossal" fand, wie er zugleich das edle Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so gut wie je, und als er ge- endet hatte, klatschte auch die Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal: sie hatte nämlich eine Motte ge- fangen, die sie schon minutenlang mit den Augen verfolgt und nur mit Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unauf- gefordert, der Führer durch den Sachsenwald, um das„Blatt im Buche" zu rezitieren. Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und zerrungenen Händen ab: nur Morieux explodierte natürlich in einem jähen Nasen- laut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein dringend nötiges Ausschnupfcn maskierte. Die Tochter des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehülfen, als wollte sie sagen:„Ein Küstler bist du auch noch?" „So'n Sirupskringell" knirschte Asmus in sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehülfen, obwohl es in gewissem Sinne auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt: aber doch blieb er ganz in ihr gefangen: sie war eine Brezel, die der himmlische Menschen- bäcker mit unendlich vielem Sirup bestrichen hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und„Dritten ab- schlagen" spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß sie Förstcrstochter vor dem alten Muhmendcklamator stand, und dann legte er— dieser Frechling— ganz ungeniert, wie im Eifer des Spiels die Hände lim die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.„Der Schuft," dachte Asmus. und die Treue von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die Hände um die Hüsten zu legen.„Nie," sagte er sich. Wenn sie es ihm verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als „Dritter" den Platz räumen mußte, um nicht„abgeschlagen" zu werden da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot holte er dann nach, was er nnttags ver- säumt hatte: in seiner grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm vorkam: Schinken. Rühreier, Schwarz- brot und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden: aber sie sollte es sich nicht einbilden, daß kie ihn verwundet habe, und mit blutendem Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl an tausend Füße hatte, fühlte er sich be- deutend ruhiger. Und als er nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders„Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit " las und plötzlich aus einer Wald» Wirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde. Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde bringen. 21. Kapitel. (Wie Asmus eine bessere Liebe fand.)' Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte.„Als ich deinen Vortrag über Schillers„Antritt des neuen Jahrhunderts" gehört hatte, war ich dir für immer verfallen," sagte Sturm in vertrauter Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der„Treue von 1880" eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend selten be- sitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabak- Humor, der noch ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein hält: was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare — obwohl sie's heucheln— nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der tief» sinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn„blöd- sinnig", und die Knoten heißen ihn„unvornchm". Diesen Humor nun, wie alle kräftigen Humore. liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem Steg» reif eine Hintertreppenfamilientagödie mimte, oder einen Volksredner oder auch die Jlsebill aus dem Märchen„vom Fischer und syner Fru" verkörperte, dann lachten zwar die andern auch: aber Asmus lachte so, daß er endlich rufen mußte:„Hör auf, ich sterbe!" Aber dieser Humor ivürde viel- leicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaft» sicher Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Ver- vollkommnungsstreben verbunden hätte. Diese beiden Eigen- schaften, die immer wie Gegensätze aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Men» scheu, der ihm endlich zu jedem ersehnten Aufschwung ver- helfen könne, und wenn Asmus solche enthusiastischen Ueber- schätzungen mit Händen und Füßen ängstlich abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio : „Hab ich nur deine Liebe, Die„Treue" brauch ich nicht." Aber das quälte ihn. das er diese Liebe nicht ganz zu be- � tzen glaubte: er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux, Mit dem sollte Semper sich nicht einlassen. „Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux Verkehren! Morieux! Auf dem Dom*) gab es früher ein Affentheater von„Morieux". Das paßt. Dieser ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!" „Nein, das ist er nicht." räumte Semper ein.„Er ist oft ein unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein blaues Bein und ein gelbes, eine ») Der H �nburgcr Weihnachtsmarkt wird„Tom" genannt.
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25 (29.4.1908) 83
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