Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 97.

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Mittwoch, den 20. Mai.

( Nachdruck verboten.)

Semper der Jüngling.

Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Ertragenuß vergönnen. Heute war Dienstag, und am Frei­tag gab es Lohengrin " im Theater. Diesmal wollte er wirklich hin.

Aber nun tu's auch!" riefen Asmus und Nebeffa wie

aus einem Munde.

Ja, ja natürlich!" beteuerte Ludwig.

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1908

Renitente. Als ich ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen getauft ist er nämlich auch nicht da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was ihr Mann wolle, das wolle sie auch."

Hm," machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war schon festgestellt.

Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem Schul­meister von Stanz", als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis ge. knoteten Bindeschlipsen, und als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, da las er unaufhörlich

Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: 1X1X1X1XIXI... ,, Geh nun aber auch wirklich hin!"

"

Gewiß, gewiß!" sagte Ludwig.

Am Donnerstag sagten sie: Wirst du nun auch nicht Abendstunden eines Einsiedlers" träumte er sicherlich nicht; wieder sagen: Ach, wozu soll ich hingehen?"

Nein, nein wenn ich's doch sage!"

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Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau Rebekka:

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Du, dudu mußt jetzt gehen."

" Ach, ich hab mir's anders überlegt," sagte Ludwig. wenige Tage später mitten in einen Garten von sechzig jungen Was soll ich da."

Ja, was sollte er da. Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das eigentlich für den Rest seines Lebens allein auß­reichte und das er jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn ungestört betrachten konnte.

Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß eine Steigerung nicht mehr denkbar war. Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Bigarrentische, sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom Schwanenritter allein, und belebte sich der Stauberfüllte Raum mit Klängen, die an kein irdisches Instru­ment und feine menschliche Schrift gebunden waren.

Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. Ich versteh den Mann nicht," rief sie.

Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand, daß man selig sein kann im Glück seiner Träume.

Drittes Buch. Kampf und Liebe. 36. Kapitel.

( Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche Kinder singen.)

Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem Houptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten Billardkugel, der man einen Rettich schwanz als Bart angeheftet und die man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Naje, Mund und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. Herr Drögemüller kanzelte gerade einen fleinen, fümmerlich dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holz­pantoffeln zur Schule kam. Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden Rinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen Tadel in Ord­nung" geben.

Wenn man das hingehen läßt," sagte Herr Drögemüller, ,, dann kommen immer mehr mit Holzpantoffeln, und man fann das Geflapper auf den Treppen nicht mehr aushalten."

Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: Aus Uebermut trägt wohl der Mensch keine Holzklöße an den Füßen; Stiefel find ihm ohne Zweifel bequemer, wenn er sie hat"; aber er wollte sich nicht gleich opponierend einführen und sagte des­halb nur:

,, Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?"

,, Gewiß!" versetzte der Hauptlehrer; ich möchte ihm ein Baar Stiefel anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz

Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von Lienhard und Gertrud" war dieser Mann gewiß nicht, aber das konnte man auch schließlich nicht berlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen Fähigkeiten gerade an der ihm unterstellten" Schule angestellt zu sehen. Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich Menschenpflanzen gestellt sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren Be­wegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel unaufhörlich durch die Schulstube fause wie die Sense des Mähers übers Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebe­voll vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der Aussicht drohen: Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon bläuen." Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß der Herr Lerrer" kein Menschenfresser sei und sogar großartigen Spaß" mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen Schrittes auf die Tür zu.

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Wohin?" fragte Asmus.

" Ich will'n büschen' raus!" versetzte das Bürschchen un­

befangen.

"

Was willst Du denn draußen?"

Och,' n büschen spielen."

" Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart' nur noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen Säger und Hund". alle hinaus und spielen Jäger und Hund".

Das leuchtete dem Flüchtling ein, djä!" rief er, fenkte beide Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.

,, Du, ich hab' Limburger Käse aufs Brot!" rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den Inhalt zahlloser Früh­stücksdosen bewundern.

" Ich hab' Leberwurst auf'm Brot!" Ich hab' ' ne Apfelsine!" Ich hab' Schokolade!" schrie es durcheinander. " Ihr könnt wohl lachen!" sagte Asmus. Meine Mutter hat mir keine Schofclade mitgegeben."

Da!" Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade hin.

Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schoko­lade und wollte sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.

Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; es waren die Augen eines düftig gekleideten, blassen Bürschchens.

Soll er sie haben?" fragte Asmus den Spender. Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der köstlichen Leckerei.