Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 93. Donnerstag den 21. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) 841 Semper der Jüngling. Ein MIdungsroman von Otto Ernst . Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen auseinanderfielen, sprach er: „Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!" Sie waren plötzlich still. Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank. „Was ich wohl hier im Schrank habe!" sagte er. „Frühstück!" ..Nein." „Schokolade!" „Nein." ».'n Bilderbuch!" -„Nein. In diesem Schrank Hab' ich einen Vogel: wenn man den streichelt, dann singt er." „Oooh— laß ihn mal'raus!" riefen einige. �,Ja, ich will ihn mal herauslassen." Er öffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten heraus. „O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!" riefen ein paar Ge- scheite. „Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er nicht herausfliegt," sagt er zu den Nächsten, und sie spreizten die Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit Mund und Händen auf- fangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus. „Hurra— hallo," schrien sie alle: aber dann wurden sie noch stiller als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen. Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen g bis zum dreigestrichenen. Da waren sie plötzlich wie„voll süßen Weins", sie gingen über Tisch und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten. „Was soll ich nun'mal spielen," fragte Asmus. Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten: die meisten aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer: denn das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr ge- sungen. Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen wollte, und dann sang er: Als der Mond schien helle, Kam ein Häslein schnelle, Suchte sich sein Abendbrot. Hu, ein Jäger schoß mit Schrot. Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und wie es dem Jäger entkam. Häslein ging zur Ruhe. Zog aus Rock und Schuhe, Legte sich ins weiche Moos, Schlief wie auf der Mutter Schoß.. und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei Meister Bruhn gehört und gegeigt. und die saugende Andacht all dieser reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht wurden. „Nun will ich's einmal spielen," sprach er und spielte das Lied. „Wollt Ihr jetzt'mal mitsingen?" Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag. Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, und der klang wir das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel eingesperrt hat „Wer will mir nun'mal was vorsingen?" fragte Asmus. Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg. „Denke Dir, mev-i Liebchen, Was ich im Traume gesehU" oder „Dat Scheunste, wat man hett, Dat is so'n Zigarett'" oder ,Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! Meine teure Hulda ist wegl" nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bllrschlein frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen. „Genug, genug!" rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren Eindruck gemacht. Di« Schule lag in der Hafengegend: unter ihrem Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den Schülern waren auch Kinder„anrüchiger" Straßen. 37. Kapitel. (Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.)' So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je schwieriger sie war. Die wohl- gepflegten Kinder reicher und„guter" Familien erziehen, das war keine Kunst— so dachte er wenigstens damals: er sollte noch anders darüber denken lernen— aber hier galt es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein„Riesenerfolg" in seinem Glauben an sein Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte:„Ist Heinrich Loh- mann hier?" Jawohl, Heinrich Lohmann war da: es war derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers Klasse gekommen. „Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn." sagt« Herr Drögemüller.„Pack' Deine Sachen und komm mit." „Nee," sagte Heinrich Lohmann munter,„ick will hier blieben." Selbst Herr Drögemüller mußte lachen. „Ja, mein Junge, das geht nicht," sagte er,„komm nur schnell." „Ick will ober leever hier blieben," wandte Lohmann mit schwächerem Widerstande ein. „Na, nu' mach flink. Junge, mach flink!" drängte der Hauptlehrer. Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn Drögemllller: aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte Asmussens Bein und schrie:„Ick will bi Di blieben! Ick will bi Di blieben!" Asmussen wurde es wunderlich ums Herz. „Kann er denn nicht hier bleiben?" fragte er den Haupt» lchrer.„Vielleicht kann ja ein anderer--?" „Nein, das geht nicht!" versetzte Drögemüller kurz.„Er wohnt ja nicht in unserm Bezirk.— Jetz komm. Junge. sonst--" Asmus klopfte dem-Kleinen die Wangen und sagte: „Na, Heinrich, dann geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst Du mich mal, was? Und ich besuch' Dich auch mal, ja?" Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine Bibliothek zusammen und schlich davon. Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsägltch froh. Ueberhaupt lebte er , wie in einem Ra,'che. Diese tausendfältigen, rückhaltlosen > Offenbarungen de. Kindesseele überwältigten seine Beob- l achtungskraft: er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in dl«
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25 (21.5.1908) 98
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