Ilntethattimgsblatl des Vorwärts Nr. 102. Mittwochs den 27. Mai. 1908 (Nachdruck verboten.) 881 Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland , wenn man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: ..Seht den Hanswurst, er spielt sich aufl" Und dann zog Asmus das Seitengewehr und rief:„Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe Gebrauch machen!" und nahm Aufstellung zum Brudermord. Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienst zeit machte Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte.„Wenn das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof sein," dachte Asmus, und als die Entlassung aus dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus in die Nachbarschaft des- selben Leutnants, der sich bald als Gymnasiallehrer Dr. Rumolt zu erkennen gab. Man sang das gefühl- und weihevolle Lied: „Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! Ertvartcn euch die himmlichen Freuden, jal" „Ja. ja, die himmlischen Freuden!" sagte Rumolt.„Jetzt geht's wieder in die Schulstube." „Ja!" versetzte Asmus mit Fröhlichkeit. „Freuen Sie sich darauf?" „O jal" „Dann sind Sie ein glücklicher Mensch." „Sind Sie nicht gern Lehrer?" „O," machte Rumolt,„ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein— wenn man es nur sein könnte." „Wie meinen Sie das?" fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller ein Lab- sal werden sollte. 41. Kapitel. (Die Schule am Wiesenhaug.) Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren frisch-fröhlichcn Anfang, und in Asmussen stiegen leb- haste Zweifel darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträg- lich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buch- staben zu sondern wußte: er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein Künstler sei, der zu feinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune und einer schaffens- fröhlichen Stimniung bedürfe, den man deshalb mit Libera- lität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln miisse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber über- legenes Lächeln, als spräche man Chinesisch zu ihm und als verstiinde er das Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es Drögemüllcr nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung und treu- stem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit fort- geschritten war wie irgendeine— er kannte keine Scham vor dem Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Ge- fchaffcne zu würdigen und zu mehren, sondern auf Ueber- tretungen zu fahnden— darin erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall mit seinem Notiz- buch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser eines Tages eine Türe, hinter der er Herrn Dröge- müller ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten traf. 1 „Pardon," sagte Asmus,„ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür ständen." Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem Reisenden. der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichet sieht: eine große, freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn Trost und Erquickung, mit Dr. Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu können. Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Land- straße der Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel. „Sehen Sie", sagte Rumolt,„das war' eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und Seefahrt. von den Flotten der Hansa und von. Störtebekers Räuber- fahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunter- rudern oder-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande kämpften und wo Heitel von Hegelingen gewohnt. Meinen sie nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen zwischen vier Mauern als„Welt" vorgetäuscht wird?" „Das meine ich allerdings." „Hinaus ins Freie! � Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen vor- zeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. — Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir hin sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles erlernen, was der Mensch wissen und brauchen kann." „Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern lang- weilig werden." ».Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daß die Natur überall Millionen An- knüpfilngspunkte bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können: nur was man kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten meine Schüler ohne Ausnahme Acker- bau treiben. Nicht, daß sie alle Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben— aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch die Tat!" „Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken," sagte Asmus, „würde allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl vor- aussetzen." „Gewiß," fuhr Rumolt fort.„Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und zwölf, die ehrwürdige Patri- archenzahl, erscheint mir da als das äußerste Maß." „Da brauchen wie viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich vielseitiger Bildung." „Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste Kraft in einem öden Datenwisscn verzehren und verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen Lehrer nicht
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25 (27.5.1908) 102
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