Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 111.
1908
47)
Freitag, den 12. Juni.
( Nachdruck verboten.)
Semper der Jüngling.
Ein Bildungsroman von Otto Ernst .
Nun fand Asmus Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, sang er:
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur,
Wie glänzt die Sonne
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch!
und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein HäufLein Schnee zwischen Hals und Kragen.
Sie freischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem langen Blid, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit berauschte fie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und ihm das Geficht mit Küssen bedeckte. Ich hört ein Bächlein rauschen Wohl aus dem Felsenquell
fang er.
Wo?" rief fie lachend.
Da legte er wieder den Arm um sie und sagte. Ueberall. Ueberall hör' ich Quellen rauschen. Hörst Du sie nicht?" Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort Deine Stimme hören und gar nicht wieder aufwachen."
Der Reimer Thomas lag am Bach, Am Kieselbach bei Huntley- Schloß. Da sah er eine blonde Frau, Die faß auf einem weißen Roß.
Eine braune Frau!" rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.
,, Eine blonde Frau," versetzte er.
" Einé braune Frau."
Eine blonde Frau."
Hast Du schon einmal eine blonde Frau geliebt?" fragte
fie ängstlich forschend.
Ich habe keine Frau geliebt vor Dir."
Dann sah sie lange vor sich hin und sagte Wie schrecklich dumm bin ich gewesen Du?"
Ja. Weißt Du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?" Eifersüchtig?"
" Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem Du zusammen fangst, auf dem Fest in der" Treue"- ,, Auf die kleine Lizzy?"
a. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich Dir gleich. gültig sei; aber als ich Euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als Eure Stimmen so innig zusammenlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen fühlte- aus Flangen das gab mir den Gnadenstoß. Bald darauf verTrauer aus Bangigkeit aus Troy- ich weiß es nicht mehr."
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,, Auch aus Troß?" fragte er.
Ja, ja, o, Du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut halten, wie Du es tust- ich bin lange nicht so gut, wie Du glaubst-"
Du?" sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit schwärmenden Blicken umschrieb:
Du bist die Himmelskönigin, Du bist von dieser Erde nicht.
Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem
Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Finger sang sie: Armen hin und her und sang mit leiser, leiser Stimme:
Horch, horch, die Lerch' im Aetherblau!
Und Phöbus, neu erweckt,
Tränkt seine Rosse mit dem Tau
Der Blumenkelche deckt,
Der Ringelblume Knospe schleußt
Die hellen Aleuglein auf:
Mit allem, was da reizend ist ,. Du süße Maid, wach auf!
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Da machte sie langsam weit- und ihre Augen waren tiefernst.
"
weit die Augen auf,
Du bist ein böser Mensch," sagte sie. Weißt Du, daß Du ein böser Mensch bist? Ein Zauberer bist Du!" und sie riß sich fast ängstlich von ihm los und lief ein groß Stück Weges vorauf.
Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um ihre Süfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen fristallenen Dom von uralten Bäumen.
Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm wie Dryas und Dreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr:
Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt Stummen Flugs durch die träge Luft, Und vom faum gebognen Zweig der Schnee Lautlos fällt auf Schnee
Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen fie vor die auf geringer Erhöhung liegende Mooshütte und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig drinnen; fie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel in den Schnee, fud sie zum Niederfißen und setzte sich ihr zu Füßen. Er mußte heue immerfort fingen. Und während von den Zweigen ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, fang er
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, Ich bin die Elfenkönigin.
Nimm deine Harf' und spiel und fing Und laß dein schönstes Lied erschall'n! Doch wenn du meine Lippe füßt, Bist du mir sieben Jahr verfall'n.
Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie: Wohl fieben Jahr zu dienen dir,
OKönigin, das schreckt mich kaum! Er füßte fie
da küßte er sie--
da küßte sie ihn.
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fie küßte ihn-
Rein Vogel singt im Eschenbaum," rief Asmus, aber das schadet nichts; wir können's ja selbst."
Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:
Sie ritten durch den grünen wu Wie glücklich da der Reimer war! Sie ritten durch den grünen Wald Bei Vogelsang und Sonnenschein
und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und sang:
Und wenn sie leis am Bügel zuv Dann flangen hell die Glöckelein. 52. Kapitel.
( Silde berliebt sich in Gemper den Aelteren, bekennt sich zu Chamisso und entpuppt sich als eine alte Bekannte.)
Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber feinen Eltern wollt' er's nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner Mutter Ludwia