Anterhaltungsblatt des Alr. 138. Dienstag, den 21. Juli. 1903 IlBachdruck verbotene t°) I�IafLa. Koman aus dem moderne« Sizilien von Emil R a S m ü s s e n. Sie hatten wie gewöhnlich Pläne gemacht, Pinna zu foppen, der, wie man wußte, die heutige Pacht bei Carmela 0U verbringen gedachte; man mußte die armseligen Freuden, die die Stadt bot, ausnützen. Es hatte sie argwöhnisch gemacht, daß der begehrliche Neapolitaner, der sonst seinem Magen über das Notwendige hinaus nichts gönnte, sich heute erlaubt hatte, Boens mit drei Spiegeleiern zum Frühstück zu speisen natürlich ab­gesehen von den Herrlichkeiten, dieGellias" Wirt für die vereinbarten dreiundvierzig Lire monatlich zu servieren in der Lage war. Abends datte er eine Zabaione(Eierpunsch) von drei Dottern bestellt. Es war klar, daß er sich zu irgend- einem heimlichen Waffengang oder einer Kraftprobe stärkte, und als man erst auf der Spur war, kam man bald auf den Zusammenhang. Als Pinna sich um acht Uhr von den Kameraden bei Nomeres verabschiedete er schützte Zahn­schmerzen vor t- wußten nicht bloß sie, sondern die halbe Stadt, daß er Carmela für die ganze Nacht gekauft hatte. Der Vorschlag, ihn in seinem Vergnügen zu stören, wurde denn auch mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen. Denn war auch Pinna in feiner Einfalt ein ganz gutmütiger Mensch, so war er doch Neapolitaner, ein wahrer Capitar, Fracassa an Selbstvcrgötterung, der seine eigene breit- schulterige, brünette Schönheit anbetete und sich für unwider- stehlich hielt. In allen Fragen zeigte er ein überlegenes Besserwissen: es gab kein Ding unter der Sonne, über das er nicht seine Supcrklugheit auskramte. Darum wurden die Kameraden nicht müde, ihn einzuseifen, ohne daß es ihm selbst je einfiel, sich für den Gefoppten zu halten; er fühlte sich nur geschmeichelt durch die große Aufmerksamkeit, die man seiner Person schenkte. Auf dem Korso traf die kleine Schar den Ingenieur, der spazieren ging und sich mitziehen ließ. Carmela pflegte nicht zu öffnen, wenn sie nächtliche Feste gab; zum Glück aber fand man den allgegenwärtigen Pcnnfo vor der Diire. Er ließ die ganze Gesellschaft ein. Das Haus hatte etwas Arabisches an sich. Durch einen langen engen Gang kam man in einen kleinen Hof, aus welchen drei kleine schmutzige Zimmer mündeten. Hinter dem Zimmer zur Linken lag im Hintergrunde das Allerheiligste. die einzige ordentliche Stube des Hauses, ein luftiges Zimmer, dessen Fenster auf irgendeine kleine Seitengasse gingen. Die Gchellschaft nahm in dem kleinen dunkeln Raum rechts im Hofe Platz, welcher als Wartezimmer oder Empfanassalon diente, eine Art zwangloser Salon, in welchem sich die Kunden fast jeden Abend versammelten. Angelo schlug vor, man sollte sogleich einbrechen und eine Art Kriegstanz um das überraschte Paar, Mars und Venus, tanzen. Belcaro dagegen fand diesen Plair banal. Pinna sollte langsam mit Hilfe der Langeweile aus seinem Fuchsloch geräuchert werden. Pamfo, der vor Entzücken tanzte, lockte Carmela heraus, »ind als sie erst in dem fröhlichen Haufen war, nahm man sie gefangen und verschloß die Türe. Carmela war ein schönes Bauernmädchen von junonischen Formen. Einfältig, aber im Besitz eines gemütlichen, guten Bauernhumors, wirkte sie angenehm durch eine gewisse provinzielle Geradheit und bäuerliche Natürlichkeit, die die Dinge zwar derb anpackte, jedoch nie in Roheit ausartete. Wenn sie häusig sündigte, so beichtete sie auch nicht seltener, und über ihrem Kopfkisien brannte eine ewige Lampe für die heilige Anna, vor der sie sich mitunter mit der tiefsten Jnbrurrst auf die Knie warf. Als Carmela einsah, daß kein Pardon gegeben wurde. war sie rasch mit bei dem Spaß. Pamfo wurde nach Wein ausqesandt; mit gefüllten Gläsern und gepfefferten Ge- schichten verkürzte man sich die Zeit und wartet� gespannt, wie Pinna sich in feiner Einsamkeit gebärden würde. Allein die Stunden verstrichen, ohne daß er ein Lebens- zeichen von sich gab. Endlich schlich Belcaro auf Socken hinein, um durch das Schlüsselloch zu gucken. Der heiligen Anna Lampe brannte weiter, aber das Bett war leer. Die ganze Gesellschaft eilte herbei. Die Türe war von innen versperrt. Pinna war ausnahmsweise einmal der Klügere gewesen. Ohne den Schimpf abzuwarten, hatte er den Venus- tempel versperrt, den Schlüssel zu sich gesteckt und war durch das Fenster hinausgesprungen. Der Göttin blieb nur die Wahl, die Türe zu sprengen oder im Hundeloch zu schlafen. Ein wenig beschämt trabten die Freunde heimwärts, trennten sich auf dem Korso und gingen jeder nach Hause. Angelo begleitete den Ingenieur. Ohne daß sie& wußten, folgte Pamfo ihnen in einiger Entfernung. Schwer mid stumm stampften sie die kleine Steintreppe zur Piazetta hinauf und reichten einander die Hand zum Abschied. In diesem Augenblick erscholl ein durchdringender Todesschrei aus Calogeros Stube. Zugleich wurde die Türe aufgercfsen, und in dem Lichtschein, der herausdrang, sahen sie Calogero, mit einem Messer bewaffnet, der wahnwitzig schreienden Rusidda nachsetzen. Lo Forre sprang hervor, um Calogero zu packen, der, sowie er die beiden Männer gewahrte, über die Gaste abbog, mußte sich jedoch Angelos erwehren, der als echter Sizilianer ihn hindern wollte, den Mörder zu verfolgen. Einen Augenblick zeigte sich Pamfo, aber als er Angelo in das Haus gehen und hinter sich abrieKeln sah, ver­schwand auch er eiligst in den dunkeln Gäßchen. Auf dem Platze war Nusidda allein zurückgeblieben, kreischend wie eine Wahnsinnige: im Laufe weniger Minuten aber gab es schreiende Weiber in allen Fenstern, auf allen Altanen, und eine wahre Kanonade wurde von den Männern eröffnet, die ihre Nevolver in die Luft abschössen, um endlich die Polizei herbeizurufen. Calogero hatte einen Vorsprung bekommen, aber Lo Forte holte ihn ein und hielt ihn fest, bis der starke wütende Bauer den Augenblick ersah, ihm das Messer in den rechten Arm zu jagen und zu entkommen. Als Lo Forte mit blutüberströmtem Arm auf den Platz zurückkam, gab es hier ein Menschengewimmel, zumeist Weiber, die laut jammerten und heulten. In dem Stall, der Calogeros einzige Stube war, standen zwei Karabiniere(Gendarmen) über das Bett gelehnt, wo sein Weib in den letzten Zuckungen lag, eine breite Messerwunde in der Brust. Da zeigte Gräfin Lucia sich mitten in der Menge und nahm Rusidda, die heiser zischte und vor Schluchzen fast er­stickte, mit sich fort. Die Karabiniere blieben als Wache bei der Leiche zurück, während der Platz sich allmählich wieder leerte. Eine Stunde darauf war es so öde und still, als sei nichts passiert. Es war ja nur ein Alltagsereign� Nur Angelo wachte noch. Auf seinem Tische fand er einen Brief von Lidda. Sie hatte geweint, seit er sie verlassen hatte. Sie hatte eS bereut, sich vergangen zu haben. Er möge gleich nächsten Morgen zurückkommen, sie könnt nicht ohne ihn leben. 5. Der große Tag des Jahres war da: das lange vor» bereitete Fest für den Beschützer der Stadt, den schwarzen Heiligen Calogero, nach dem jeder zweite Bürger genannt war. so daß es zugleich in bieten Häusern Namensfeste gab. Den Abend zuvor war er in seinem Boote aus Afrika angesegelt gekommen. Das Festkomitee hatte dieses mit Blumen und Bändern geschmückt und es vom Empedocle» Hafen hcrausgesckleppt. In, Volke gab cS keinen, der daran zweifelte, daß just dies Calogeros Boot sei, und man war. überzeugt, daß, hätte man am Festabend nach uralter Sitte das Boot verbrannt, Calogero von seinem Vaterland ab- geschnitten und gezwungen gewesen tväre. zu bleiben, wenn sie ihm auch das Leben in Girgenti noch so sauer gemacht hätten. Alle Kirchsnglocken der Stadt läuteten; jedes Haus hatte sich nnt bunten Teppichen geschmückt, die auS den offenen Fenstern weit über die Mauern herabfielen. Die Altane des Korsos drohten unter dem Gewicht weiblicher Neugierde zusammenzubrechen. Unten auf d.'m Korso herrschte wimmelndes Leben. Alles, was sich von den steilen Seitenaassen berabbewcoen