Ilnterhaltimgsblatt des Vorwärts 9lt. 144. Mittwoch, den 29. Juli. 1908 !(NaHvNlZ vexboten.Z so JMafia» goman' aus 6cm modernen Sizilien von Emil Rasmuss�n. Ettore war eben erst in Schlaf gefallen, als Lo Forte ihn wecfte, schon in voller Arbeitsrüstung, mit Revolver im Gürtel und der Büchse über, der Schulter, bereit, in die Mnen auszufahren. Während sie von anderen Dingen sprachen, fragte Ettore plötzlich: «Wer ist das sunge Mädchen, das bei Assunta sitzt?/' «Wie sieht sie aus?" «Ein kleines energisches Geschöpf, von guter Figur übrigens: ein charakteristisches Gesicht mit einem ziemlich vorspringenden Profil und intelligenten, ein wenig ver- schleierten Augen." «Ich nehme an, daß es Diambra Füll ist, die Tochter der Regina Fuä." «Unserer großen Schauspielerin?" «Ja. Sie hat einige Jahre in Südamerika gespielt und läßt ihre Tochter so lange hier im Kloster. Uebrigens geht diese ins Lizeum, und man sagt, sie und Belcaro seien ein- ander geneigt." «Ach so! Wenn alle sich so entflammen könnten, wie sie, dann sähe es für Sizilien Heller aus." «Du hast gestern abend mit ihr gesprochen?" «Ja und eben jetzt träumte ich von ihr, Nein, Du brauchst nicht zu lächeln." «Nanu! Ich muß nun jedenfalls fort. Es ist bald sechs." Sie schieden auf sizilianisch, unter Küssen und Um- armungen, ohne Scheu, ihren starken Gefühlen entsprechenden Ausdruck zu geben. Ettore blieb bis weit in den Vormittag liegen und kämpfte mit sich selbst, ob er heimgehen sollte, Aber er konnte es nicht. Vor dem Frühstück sah er nochmals zu Assunta, die nun außer Gefahr war, aber immer noch in halber Betäubung lag. Als er ging, fühlte er, daß er über irgendetwas ent- täuscht war. Er hatte Diambra nicht geseHen. Mit dem Dreiuhrzug fuhr er nach Rom zurück. Keiner aus seiner Familie hatte ihn aufgesucht. 7. Assunta liegt in schwerem Schlafe: kaum merkbar hebt und senkt sich die Brust. In dem weißen Antlitz kündet sich eine schwache Röte an. Auf der Stirne steht der Schweiß in großen Perlen. Diambra kommt hereingeschlichcn und löst die Mutter ab. Sie setzt sich an das eine Fenster und vertieft sich in ihr Buch. Assunta schlägt die Augen auf, ohne daß sie es merkt. Unten in dem kleinen Klostergarten steht die schlanke Palme. Durch das offene Fenster sieht Assunta ihre Krone schau- keln und schwanken in der leichten Abcndbrise, folgt dem gra- ziösen Spiel der Zweige, wie sie steigen und sinken, steigen und sinken, so lässig, zärtlich. So lässig zärtlich. Sie trocknet die feuchten Hände an dem Laken und schlägt die Decke halb beiseite, um Kühlung zu haben. Du bist wach? Wie geht es Dir?" Es ist heiß. Ich will Dich nicht stören. Ich habe ein wenig Kopfschmerz." Diambra windet ein Tuch in kaltem Wasser aus und legt es auf ihre Stirn. Ist Angela hier gewesen?" Sei nur ruhig! Er kommt." «Du sagst jeden Tag: er kommt! Nun glaube ich Dir nicht mehr. Er hat mich vergessen, oder er ist böse auf mich." «Du mußt bloß Geduld haben." Ich glaube, sie sind alle böse auf mich außer Dir. Schwester Filomena, die heute Nacht bei mir wachte, war so streng. Sie sagte, wenn ich gestorben wäre, wäre ich in die Hölle gekommen." Was weiß sie davon?" «Aber es ist so unheimlich, davon reden zu hören, fvenr man nachts so allein liegt. Darf ich Dich nicht bitten, heute Nacht zu wachen, wenn jemand wachen soll?. Ich fürchte mich so vor Schwester Filomena." Ich will gerne wachen. Ich habe ja jetzt Ferien. Ich sitze ja doch auf oder liege und lese.". «Du bist so gut!" Die Priorin steckte den Kopf in die Türe und rief Dianibra. Sie teilte ihr mit, Lidda sei da und wünsche mit ihr zu sprechen. Assunta hatte den Namen herausgehört. Sie erhob sich in heftiger Bewegung halb vom Bette und rief Diambra zurück. Sie müsse ihr versprechen, Lidda zu ihr herein- zuführen.>ie wolle einmal ihre Nebenbuhlerin sehen. Die beiden Freundinnen gingen in Diambras Zimmer, Ein junges Mädchen, eine der Pensionärinnen, lag auf ihrem Bette und schlief. Sie erwachte, als die beiden ein- traten und Diambra bat sie, sie allein zu lassen. Das junge Mädchen entfernte sich in stummer Untertänigkeit. Wie lange es ist doch her, seit ich Dich gesehen," begann Diambra. «Ich habe dies nicht verwinden können." -Du hast Deine Verlobung aufgehoben, denke ich." Sie sagte dies mit ihrem eigentümlich ruhigen Lächeln, unter dem sie ihre schonungslos bloßstellende Ironie, die sich geradenwegs gegen Freund und Feind richtete, zu ver- bergen pflegte. Nur ein schwaches Zittern verriet ihren Kampfescifer. Lidda konnte dieser ruhige Spott, dessen Stachel sie gewöhnlich nicht abzubrechen vermochte, in Raserei versetzen.*'***«» Was kann Angela dafür, daß dieses kleine Mädchen dahergereist kommt, und daß seine Mutter sich so dumm be- nimmt?" Nein, dafür kann Angela nichts. Er kommt wohl auch bald und besuchtdies kleine Mädchen"? Ich meine, um zu zeigen, daß er mit seiner Mutter nicht solidarisch ist." Wozu sollte das führen? Sie noch unglücklicher zu machen? Er hat doch wohl seiner Verlobten gegenüber größere Pflichten." Das kommt darauf an, ob er auch Dich verführt hat." Lidda war es einen Augenblick, als versinke der Boden unter ihren Füßen. «Wer sagt, daß er sie verführt hat?" fragte sie zaghaft. «Sie selbst." Dann ist es wohl�Lllge. Eine Frauensperson, die sich in einer so intimen Sache jemanden anvertraut, ist so er- bärmlich, daß sie auch lügen kann. Siehst Du nicht, wie sie alle Mittel gebraucht? Ist es eines Weibes würdig, einem Manne nachzulaufen, der es nicht haben will? Und hätte Angelo mich tausendmal verführt, ich würde nicht drei Schritte weit nach ihm gehen, von dem Augen». blicke an, da ich wüßte, daß er mich vergessen hat." Aber wußte Assunta das? Er hatte mit ihr geschwärmt und ihr vorgespielt. Er hatte sie genommen, ihr sein Wort gegeben. Sie hört, daß er sich mit einer anderen verlobt hat. Wie kann sie wissen, daß es nicht eine lose Verbindung ist, wie Rusidda und.,. O Diambra, Du kannst mich rasend machen...."'' War Rusidda etwa kein vorübergehendes Gefühl? Was kann da ehrlicher, eines Weibes würdiger sein, als dem Manne nachzureisen, dem sie sich hingegeben, ihn zu fragen, wo sein Herz ist und stolz den Tod zu wählen in dem Augen- blicke, da sie sich verschmäht ficht?" i Sie fürchtete sich allein im Gefängnis das war alles!"... Woher hätte sie dann das Gift genommen? Nein, laß uns nicht zu pomphaft von weiblicher Wurde sprechen. Du, die Du Dich unter Demütigung um Demütigung duckst wie ein Hund, der. die Peitsche bekommt willst Du Dich mit ihr messen?"; Lidda war nähe daran, zu explodieren. Giftige Zunge!" rief sie, und ihre Finger bohrten sich in Diambras Haar, während die Augen blitzten, als wollte sie sie morden.»:. Reiß nur zu!" sagte die Freundin mit einem höhnischen Lächeln. Das kühlte.