Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 150. Donnerstag, den 6. August. 1903 27) JMafia. Nachdruck hervoten.) Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Ras müssen. Der Dichter Feliciangeli hatte nämlich noch den be- sonderen Vorzug. Schulinspektor zu sein, eine Stellung, zu der er sich durch eine wenig einträgliche advokatorische Tätig- keit herangebildet und auf die er durch seine Gedichten- sammlungen und die persönliche Bekanntschaft mit einem Minister Anspruch erworben hatte. Bei feiner Anstellung wurde jedoch auch hervorgehoben, daß er. mit für Italiens Freiheit gekämpft hatte. Während neue Redner das Wort nahmen und die Auf- merksamkeit mit Erfolg von den internen Streitstoffen ab- lenkten, schlenderte Belcaro in den Lesesaal und ließ sich in einer Ecke nieder, wo Belladonna allein und in finsterer Grübelei versunken saß. Auf dem Sofa daneben hatten Fräulein Bruno und ihr Student Platz genommen. Auf dein Antlitz des jungen Mädchens lag es wie eine schlaffe Schani. Nur um die stark- glänzenden Augen brannte eine dunkle Nöte: die Pupillen waren stark erweitert, aber ohne Spiegelung. Der Marchese und Lidda kamen durch den Saal, beide xp ihren Ueberkleidern, um heimzugehen. Ist sie wirklich schön?" fragte Fräulein Bruno. Sehen Sie das nicht selbst?" Seine Stimme klang brutal wie die eines Mannes, der den Einsatz verloxen, eben als er den Gewinn einstreichen wollte. Ihr Kopf ist ja ganz zusammengedrückt." Es ist nur natürlich, daß ein Kopf, der Gehirn enthält, breiter ist als andere, Und das dichte Haargeringel um die Schläfen" Dies Negerhaar! Dazu ein Paar Augen wie Knopf- löcher!" Ja, sie stehen nicht allen und jedem offen. Aber wenn sie sie öffnet, leuchten sie dunkel von Klugheit und Charakter. Man weiß, daß diese Augen nicht in feigem Vorbehalt zurück- nehmen, was sie verheißen haben." Dann ist wohl auch ihr zitronenfarbiger Teint schön?" fuhr sie spitzig fort. Sie hat den goldenen Ton, der Tizians Frauen so bewundernswert macht. Aber ihre ganze Schönheit ist ja nicht die selbstverständliche, bei der jeder Bauer anbeißt. Sie wirkt fremdartig, wie neue bahnbrechende Kunst. Man stutzt vor ihr wie vor einem ganz neuen Schönheitstypus. Es nützt nichts, zu zerlegen. Man wird warm, man wird herzenswarm bei ihrem bloßen Anblick. Was bedeutet alle Kritik gegenüber diesem einen Faktum?" Fräulein Bruno saß da und bohrte sich die Nägel in die Handfläche. Mir erscheint sie in allem und jedem wie eine Negerin." In diesem Augenblick steckte Pinna seinen wachsamen Kopf in die Türe, nur eine Sekunde lang: aber sie sah ihn. Professor Pinna!" rief sie und erhob sich mit einer hingemurmelten Entschuldigung. Er kam zurück, seinen Ohren nicht trauend. Aber als sie ihm entgegengeeilt kam, flammte sein Ge- ficht auf in einfältigem Glück, wie das eines Jungen, der .Geburtstag hat, und als er drüben in dem Ecksofa Belcaro entdeckte, nahm er Revanche für den kurzen Hals und den verschnittenen Frack, führte die Wiedergefundene mitten in den Saal und ließ seinen Witz und seine Zähne glänzen. Der Student erhob sich vit erzwungener Gleichgültigkeit und verschwand. Belcaro blieb mit boshaftem Lächeln sitzen und notierte eine philosophische Betrachtung, die er soeben gemacht, zn weiterer Ausarbeitung in sein Taschenbuch. Drinnen im Konversationssaal war man mit den Reden fertiggeworden und der Tanz begann wieder. Angelo trat ein, von einer Schar Studenten umgeben, die beim Grafen wohnten. Sie ließen sich an dem Tische nieder, an dem vorhin der Student gesessen, und beganiien laut von Lidda zu sprechen, so daß der Rivale es hören mußte. Ich will nicht sagen, daß die Marchesina mir ganz gehört hat," xjef er,aber soviel kann ich sagen, daß es nicht einen Fleck, buchstäblich nicht einen Fleck an ihrem Körper gibt, den ich nicht geküßt habe." Auf Belladonna fielen diese Worte wie Funken. Schurke! Infamer!" schrie er. Angela sprang auf, grinsend, herausfordernd. Aber der bleiche schmächtige Belladonna hatte plötzlich die Kraft des Irrsinnigen erhalten, und ohne der Schar und Gc- fahr zu achten, ging er auf Angelo los und versetzte ihm einen schmetternden Schlag ins Gesicht. Fräulein Bruno schrie hysterisch auf, so daß die Leute vom nächsten Saale herbeiströmten. Belcaro warf sich äugen- blicklich zwischen die beiden, um einen Kampf zu verhindern. der auf Tod und Leben gehen mußte. Die jungen Studenten halfen ihin, sich ins Mittel zu legen, bis der Kapitän der Karabinieri hereingestürzt kam und Belladonna mit sich zog, während der Graf sich Angelas annahm. Die Stimmen kreuzten sich kreischend. Einen Augenblick sah es nach einem richtigen Handgemenge aus, bis Belcaro auf einen Stuhl stieg und bat, keine Händel zu beginnen, ehe nicht die Gäste fort seien. Als Augenzeuge könne er ver- sichern, daß Belladonnas Uebereilung die Antwort auf eine ganz unerhörte Kränkung der Ehre eines jungen Weibes gewesen. Trotz seiner Freundschaft für das gräfliche Hans müsse er sagen, daß Belladonnas Austreten ritterlich gewesen. Man beruhigte sich in dem starken sizilianischen Gefühl für Anstandspflicht. Aber die Stimmung war gebrochen: das Fest ließ sich nicht fortsetzen. Belladonna ging zwischen zwei Karabinieri heim, die bis zum hellen Morgen vor seiner Türe patrouillierten und auch der Graf wollte den schäumenden Angelo bewegen, mit heimzugehen. Als er dies nicht vermochte, begnügte er sich. dicht an seiner Seite zu bleiben, um jedwede Uebereilung zu verhindern. Die Säle leerten sich fast auf einmal. Das Fest fand in Carmelas gastfreiem Hundeloch seine Fortsetzung bis zum nächsten Vormittag. 10. Kaum waren die Palermitancr fort, als sich ein neuer Unruhstifter einfand, der zehn Tage lang alles Interesse um seine Person sammelte und die Stadt zu erneuter Kraft- anspannung zwang. Die Studenten waren Freitag abgereist. Am folgenden Sonntag war die vornehme Welt wie gewöhnlich auf der Promenade versanunelt, um ein paar Nachmittagsstunden totzuschlagen. Die Regimcntsmusit spielte im Hcmicykel, einem alten Steinbruch, der an die Promenade stieß und zu einem halbkreisförmigen weiten Platz mit hohen lotrechten Wänden umgebildet war. An kleinen Tischchen sitzend, konnten die Alten und Trägen bei einer Erfrischung zugleich die Musik und den freien Ausblick auf die grünende Cam- pagna und das perlmuttcrglitzernde Meer genießen. Die jungen Mädchen zogen die Allee auf und ab, im Schatten der stark duftenden Pfefferbäume, gefolgt von den Offizieren, die ihre körperlichen Vorzüge und Mängel einer lebhaften Erörterung unterzogen. Wie immer lenkten die dreikon- tincntalen" Schwestern Bruno die größte Aufmerksamkeit auf sich. Sie behaupteten ihren Ruf alskontinental", indem sie laut sprachen, lachten, unter großen auffallenden Geberden Bemerkungen machten und ihre Augen nach Belieben in jeden ihnen Begegnenden bohrten. Eine Zeitlang folgte ihnen die �unggesellenclique auf den Fersen. Sie hatte wieder einmal ihren guten Tag. Na- türlich auf Kosten des amen Pinna, der heute niit einer blauen Brills erschien und einen sehr niedergeschlagenen Eindruck machte. Die Kameraden hatten binnnen kurzem ent- deckt, daß eine seiner schwachen Seiten Angst vor Krankheiten war. Schon im Vorjahre hatten sie ihm eines Tages, als er Kopfschmerzen hatte, den Gedanken eingcblasen, seine Woh- nung aufzugeben, deren Zimmer, wie sie behaupteten, feucht und geradezu lebensgefährlich wären. Am Morgen nach dem Balle hatte er ein wenig Zug ins linke Auge bekommen, und die Kameraden verschworen sich beim Frühstück, daß Pinna nun eine blaue Brille tragen solle. Als er zum Arzt kam, fetzte dieser ein ebenso bedenkliches Gesicht auf wie die Freunde: es bliebe nichts übrig, als die BriLe anzulegen.