Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 159.

86]

Mafia.

Mittwoch. den 19 August.

( Nachdruck verboten.)

Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. 3weites Buch.

13.

Ein Jahr war seit Liddas Flucht und kurz darauf er folgten Hochzeit mit Belladonno verstrichen. Da wollte es das Schicksal, daß Gräfin Lucia eines Morgens ihren Ge­mahl tot im Bette fand mit blauem und stark aufge­

schwollenem Gesichte.

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Es wurde niemand eingelassen als Dr. Nenda, der gute Hausfreund, der den Totenschein ausstellte.

Werk.

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Zwei Tage später fand das Begräbnis mit Pomp und vielen Tränen statt und dann begannen die Bungen ihr Man erinnerte sich an die zunehmende Bissigkeit der Gräfin, so oft der Gemahl sich erlaubte, zum Vorschein zu tommen, an ihr knurrendes Zähneweisen, sobald er den Mund auftat, an die kurzen giftigen Kläffer, wenn er zu antworten wagte. Hinzu kam dieser plögliche Tod ohne die geringste vorhergehende Krankheit.

1908

Allmählich konnte sie die Macht der neuen Gruppe an der Frechheit ermessen, mit der sie es wagte, der Gräfin Freunde an Gut und Leben anzugreifen. Das forderte Repressalien und das Ganze drohte in einen richtigen Bürgerkrieg auszu­arten.

Da sah die Gräfin ein, daß eine Versöhnung die einzige Rettung sei. Sie ging zu Bruno und sprach offen heraus: auf diese Art würden sie einander schließlich aufreiben. wer konnte sagen, ob in diesem Falle die Regierung nicht Eine dritte Partei konnte entstehen und Macht gewinnen, und dieser ihre Unterstützung zuwenden würde. Denn welchen Nußen sollte sie von einer Partei erwarten, deren Gewährs dieser ihre Unterstüßung zuwenden würde. männer jeden Tag durch Meuchelmord fallen konnten?

Bruno verlangte als erste Bedingung eines Ausgleiches, daß er zum Deputierten gewählt und zwar sofort gewählt würde. einer Berechnung heraus, die von einer ganz männlichen Klug­Nach einstündiger Bedenkzeit schlug die Gräfin ein, aus heit zeugte: fie vermutete, daß der ehrgeizige Rechtsanwalt, fern von all den lokalen Intrigen, in denen es den Augen­blick zu benüßen und rasch zu handeln galt, auf der Insel das an Einfluß verlieren mußte, was er möglicherweise in Rom gewann. Mit faltem Blut ja mit einem Gefühl der Befreiung opferte sie den Grafen.

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Da aber meldete sich ganz unerwartet eine neue Schwierigkeit.

Aber erst als die neue Wahl ausgeschrieben wurde und die Gräfin hißig für die Kandidatur ihres früheren Tod­feindes, des Advokaten Bruno, ins Feuer ging, begann man nach tieferliegenden Motiven zu dem Morde zu spähen. Doktor Renda war nicht bloß ein Freund der Gräfin, Denn daß ein Giftmord vorliege, gewöhnte man sich rasch sondern auch ein guter Freund des Präfekten und hatte oft als Tatsache zu betrachten, die an und für sich keine größere bei wichtigen politischen Verhandlungen als Mittler gedient. Aufmerksamkeit erregt hätte, als die anderen zwei bis Kaum hatte der Präfekt den Tod des Grafen erfahren, dreihundert Morde, die jährlich in der Proving Girgenti als er nach Rom telegraphierte und die Bestätigung feines berübt werden, wenn sich nicht besondere Zukunftsinteressen Freundes als Regierungskandidaten erhielt, indem er her­an diesen Fall geknüpft hätten. borhob, Nenda sei ein naher Freund des verstorbenen De­putierten gewesen.

Die öffentliche Meinung mit ihren außerordentlich empfindsamen Sinnesorganen und ihrer reichen Schulung in der Aufspürung von Intrigen kam bald auf die rechte Spur und verfolgte dieselbe fast bis zum Ziele. Der Zweck war dabei keineswegs, Stimmung zu machen, geschweige denn Anklagen zu erheben, jeder wollte sich nur behufs Siche rung seiner eigenen kleinen Existenz in den neuen Verhält­nissen orientieren.

Das Einverständnis mit Bruno bedeutete für die Diplo­matie der Gräfin, die einen Augenblick zu scheitern gedroht hatte, einen endlichen Sieg.

Sie hatte Bamfo in Brunos Cosca anmelden lassen, um durch ihn zu erfahren, wer die Mitglieder wären und was sie planten. Durch die Zusammenstöße zwischen Bamfo und Angelo, die sie selbst arrangiert hatte, war es ihr auch gelungen, Bruno irre zu führen. Er hatte allerdings bei der vor Gericht vorgebrachten Bezichtigung Pamfos durch An­gelo das Gefühl eines Komödienspiels gehabt, fand jedoch eine hinlängliche Erklärung darin, daß Angelo mit der Mög­lichkeit rechnete, Calogero fönnte eines schönes Tages ent­wischen, und es daher für alle Fälle gut fand, während des Prozesses als sein Verteidiger aufzutreten.

Dennoch behielt Bruno Pamfo, selbst nachdem dieser seinen Gehorsam durch die Opferung seines teueren Neffen doku­mentiert hatte, wohl im Auge, und binnen furzem begann er einem begründeten Argwohn Raum zu geben, daß die Gräfin versuche, ihm eine Nase zu drehen.

Er war flug genug, fich nichts merfen zu lassen; er sette bloß Bamfo außer Spiel. Er verriet das Gespräch, das als Losungszeichen diente, an alle und jeden, so daß Pamfo des Wunderns fein Ende fand, welch reißenden Zuspruch die Cosca in letzter Zeit gefunden. Wohin er fam, hielt man sich die Wange, jammerte über den hohlen Backenzahn und Leierte die ganze Lektion ab. Da erkannte die Gräfin, daß man Bamfo zum Besten habe und daß ihre List durchschaut sei. Rings umher hörte sie von wohlorganisierten Verbrechen: bon Rachemorden, Bichdiebstählen, Gelderpressungen, welche nur einer gut disziplinierten Gruppe zuzuschreiben sein fonn­ten, die augenscheinlich mit den Briganten und entlaufenen Sträflingen der Gegend gemeinsame Sache machte. Aber über all dies war Pamfo so unwissend wie ein Kind.

Als der Präfeft mit seinem Kandidaten zur Gräfin kam, erhielt er unvermutet eine sehr heftige und ärgerliche Absage.

Selbst wenn die Gräfin nicht gebunden gewesen wäre, hätte sie an Renda verschiedenes auszusehen gehabt. Er war Freimaurer und als solcher Freidenker und ein geschworener Feind der Klerikalen. Die Gräfin aber war gute Katholikin und wollte vor allen Dingen die Klerikalen nicht vor den Kopf stoßen. Worauf es jedoch hauptsächlich anfam: sie fonnte einen Kandidaten nicht brauchen, der einer Bruderschaft an­gehörte, die sie weder kannte, noch kennen zu lernen Gelegen heit hatte, und auf die sie also keinen Einfluß erlangen fonnte. und abgesehen hiervon, hatte sie ja schon ihre Wahl ge troffen, die nicht mehr zu ändern war.

In dem tiefsten Innern des Präfekten steckte noch ein Rest von jungem Idealismus, den eine entartete Umgebung und eine hartnäckige Tradition, in Verbindung mit den not­wendigen Rücksichten auf Brot und Familie wohl anzu­fressen, aber niemals ganz zu töten vermocht hatten. Und diese arme, verfrüppelte Beamtenseele in ihm frümmte sich bei dem Gedanken, die Hand dazu bieten zu sollen, um einen Mann wie Bruno in die Kammer zu entsenden, damit er über Wohl und Werden des Landes zu bestimmen habe.

Er sprach heftig und ließ sich sogar zu den Worten hin­reißen, daß es in diesem Augenblice, wo Mordgerüchte durch die Luft schwirrten, von Wichtigkeit sei, einen Mann nicht fortzustoßen, der diese sowohl nähren als niederschlagen fonnte.

Da sah die Gräfin ihn mit einer Miene an, in der ihm zum ersten Male die Frechheit des niedrigsten Verbrechers ganz unverhüllt entgegenblißte.

,, Nun denn, Herr Präfekt! Ich habe meinen Mann ver giftet! Was wollen Sie also von mir? Lassen Sie mich den sehen, der die Anklage erheben will! Lassen Sie mich den sehen, der sie beweisen kann! Und lassen Sie mich endlich die Jury sehen, durch die Sie mich verurteilen lassen wollen! Und was Nenda betrifft, so stellen Sie ihn nur auf; aber passen Sie auf, daß ich Sie nicht zugleich mit ihm fliegen lasse! Will die Regierung einen Freund in der Kammer haben, so möge sie mich ihn bezeichnen lassen; sonst lasse ich einen Oppositionsmann wählen. Ich habe die Stimmen