Auterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 176. Freitag, den 11. September. 1903 =»t2 53] Mfia. ;(5JaS&rmt verbolen.) Roman aus dem moderneu Sizilien von Emil Ras muffen. Carmela bekam so bissige Vorwürfe zu hören, daß sie anfing, sich ganz schuldbeladen zu fühlen. Schluchzend wagte sie den Gedanken auszuwerfen, ob es nicht vielleicht wiederum der böse Geist sein könnte, der sein Spiel mit ihr treibe und ob nicht Gebet und Hand- auflegung... Stille mit dem Gewäsch!" herrschte der Priester sie an. Das Unglück war fast gleich fatal für Priester wie Schullehrcr. Denn wenn es mich nicht um Rock und Kragen ging, so gab es doch so viele boshafte Menschen, die einem das Leben verleiden konnten. Weißt Tu was, Calogero," sagte der Priester endlich, ich finde nichts Besseres, als daß Du Carmcla heiratest. Das Kind ist ja doch wahrscheinlich Deines." Calogera kratzte sich, ohne zu antworten, wahrend Carmela ihn erwartungsvoll ansah. Ich bin nicht abgeneigt, Schadenersatz und eine jähr- lliche Unterstützung zu leisten," fügte der Priester hinzu. Ehrlich gesprochen, Rcverendo, es nrackit mir keinen Spaß. Ich habe die Freuden der Ehe einmal vcrsilcht, und habe für dieses Leben genug daran." Des Priesters Stirn wurde immer glänzender: aber da kam Calogero plötzlich eine plausible Idee. Ich habe gehört, daß Pamfo nicht bloß Geister ver- treiben kann. Wie wenn wir uns an ihn wendeten!" Du meinst doch nicht...?" fragte Ton Gerlando zaghaft. Fa, warum nicht?" In derlei Dinge will ich mich nicht einmengen, Calogero. Verstehst Tu! Ich gehe jetzt!" Tarauf nahm er seinen Hut und ging. Calogero suchte Pamfo noch am selben Abend auf. Es folgte nun eine strenge Zeit für Carmela. Sie kam unter Pamfos Kur, die sich jedoch als vollkommen erfolglos erwies. Schäumend vor Wut ging Calogero direkt zu Pamfo hinauf. Ganz langsam hatte er einen Plan ausgeheckt, der alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumen und ihm zugleich Rache an diesem kleinen dickwanstigen Spitzbuben verschaffen sollte. Es blitzte so unheimlich in seinen Augen, daß Pamfo erschreckt zurückwich, als er eintrat. Ich komme, um Dir mitzuteilen, daß Carmelas Qualen nun ein Ende haben sollen und daß es unwiderruflich be- schlössen ist, daß Du sie heiratest!" Ich diese!" Lästere Deine Gattin nicht! Wisse, daß dies unaus- weichlich ist. Selbst wenn Dil mir entkommst, steht eine ganze Reihe hinter mir, der Tu nicht entwischst!" Das war endlich eine so deutliche Rede, daß Pamfo nicht einmal den Versuch zu weiteren Einwendungen machte. Einen Monat später mußte Pamfo mit Carmela den schweren Gang zur Kirche antreten. Don Gerlando vollzog die Trauung. Niemals seit Menschengedenken war die Stadt so ver- gnügt gewesen wie an Pamfos Hochzeitstag. Die ganze Be- völkerung nahm teil daran. Als Zuschauer, wohlgemerkt: denn Pamfo veranstaltete an diesem Tage keine Festlichkeiten. Den ganzen Nachmittag merkte man, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Anzüge sei, ein solches Schwätzen und Kichern gab es auf dem 5torso. Kaum war die Sonne untergegangen, als man von allen Seiten vor Pamfos Hause aufzog. Einige stellten ihm Koch- töpfe vor die Türe, eine Ehrenbezeigung, die man sonst nur Witwern, welche eine zweite Ehe eingehen, erweist: andere brachten bunte Lampions auf langen Stangen mit; und end- (ich war alles, was sich an Mandolinen, Gitarren und Har- »noniken in der Stadt befand, an Ort und Stelle erschienen, um Serenaden zu bringen. ES wurde ein richtiger Karneval. Pamfo aber wußte diese ferne Popularität heute nicht zu würdigen. Er ging in seinem kleinen Stübchen hinter ce°- schlossenen Läden umher, gramvollen Sinnes. Mitten in einer zudringlichen Serenade wurde es ihm so unbehaglich zu Mute, daß er durch die Hintertüre die Flucht ergriff und, von der Dunkelheit gedeckt, gelangte er unbemerkt durch eine öde Gasse in die Campagna. Die Tränen glucksten ihm im Halse. Nimmermehr wollte er zurück zu der dicken Carmela und in diese abscheu­liche Stadt. Biel lieber sich gleich ertränken! Nachdem er eine Weile vor sich hingestiefelt ivar, warf er sich plötzlich platt auf die Erde und weinte aus Herzensgrund. Allmählich aber erschöpfte sich sein Kummer und machte einer jäh aufflackernden Rachlust Platz. Dieser lange Calogero sollte es ihm entgelten. So oft der Lärm von da oben zu ihm herabdrang, erfand er eine neue Qual, die der schändliche Schulmeister zu erleiden haben sollte. Und das Kruzifix, das er bezahlt hatte, damit es ihm gegen Calogero helfe! Hatte er nicht immer bemerkt, was für hinterlistige Augen es hatte! Gewiß, es wollte nur seinen Schaden! Und je mehr er über die Sache nachdachte. desto klarer wurde es ihm, daß das Kruzifix von Caloger« bestochen worden fei und hinter dem ganzen Bubenstück stecke. Da verzerrte ein geradezu bestialischer Haß sein rundes friedliches Gesicht. Mit einem schrecklichen Knotcnstock bewaffnet, trabte er zur Stadt zurück. Als' er näher kam, hielt er an, um zu lauschen. Alles war still: er begegnete niemandem: si waren also doch endlich des Spektakels müde geworden. Vor fichtig schlich er die enge, einsame Gasse hinauf, in welcher dal Kruzifix hing. Bei dem Schein der kleinen Votivlampe kroch er hinauf, zog den von ihm gespendeten Goldring von des Mannes Finger und steckte ihn in die Westentasche. Es war gut. zu allererst das Pekuniäre in Ordnung zu haben. Darauf packte er seinen Knüppel mit beiden Händen und langte dem Manne da oben eine ins Gesicht, daß es in seinem Holzkopfe sang. Er nieste förmlich dabei, aber das entflammte Pamfos Rachedurst noch mehr. Du glaubtest mich prellen zu können. Du Schuft! Aber Tu kannst Dich verlassen, daß Pamfo Dich Mores kehren wird. Du Affe!" Hieb um Hieb hagelte auf das hilflose Kruzifix nieder, dessen schielend-drohendcr Blick Pamfo stets auf neue empörte, und es war in einer jämmerlichen Verfassung, als der Rächer endlich seinen Blutdurst gelöscht hatte und sich entfernte. Ein Stück weiter wandte er sich noch einmal um und brüllte zurück:Schuft! Infamer Verräter!" Es war Tagesanbruch, als Pamfo sich seinem Heim näherte. Plötzlich war es ihm, als höre er wieder von dort her Gesang. Er schlich näher und sah Carmela im Fenster liegen, breit und lächelnd, nur mit Hemd und Unterrock bekleidet. Unten stand Calogero, von all seinen Schulknaben um« geben, und dirigierte einen Liebeshymuus, den er mit ihnen einstudiert hatte, um die beiden neuvcrmähtten Turteltaube» rast Sang und Spiel aus süßer Ruhe zu wecken. Diesmal nahm Pamfo die Situation mit Ueberlegenheit. Er kehrte den Weltmann heraus, dankte Calogero und den Kindern gerührt und gewann ihre Herzen durch eine reich« liche Bewirtung. Carmela weinte aber es geschah vor Freude 23. Die Mafia war mächtiger als je geworden. Ter ganze Stadtrat mit dem Sindaco und der Giunta (Stadtrat) an der Spitze stand in ihren Reihen. Daraus folgte, daß sie alle kommunalen Aemter, von den Distrikts- ärzten bis zu den Straßenfegern, mit ihren eigenen Mäimern besetzen konnte. Aber auch auf andere einflußreiche Per« sönlichkeiten konnte sie bauen, so aus den Direktor der Filiale der Banca di Sicilia. Ein Mann, der ihr besonders wichtige Dienste leistete, war der Postmeister. Endlich war Brunos Schwiegersohn, Profesior Pinna, nach den Sommerferien zum Direktor des Lyzeums ernannt worden, und die fachgelehrten