Nnterhaltungsblatl des Nr. 197. Sonnabend den 10 Oktober. 1903 (NachdruS verboten.; 8] Hndrcaa Völt. Bauernroman von Ludwig Thoma . ,.Jn derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis vor. Im Himmelreich ist es wie mit einem Könige, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Da er zu rechnen anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Als dieser nichts hatte, wovon er bezahlen konnte, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen." Hier knüpfte der hochwürdige Herr an und sagte: „Warum befahl der König, nicht nur den Schuldner, sondern auch sein Weib und seine Kinder zu verkaufen? Ihr Leute, das will ich euch erklären. Wo es in einem Hause schlecht geht, hat selten eines allein die Schuld. Von den anderen wird häufig dazu Anlah gegeben durch Einwilligung, Stillschweigen, Uebcrsehung. Da gibt es Leute, welche der Meinung sind, sie wären so gescheit, daß sie überall darein reden dürfen. Sie widersprechen der weltlichen Obrigkeit und «eben Ratschläge, wie man es besser macht: ja sogar die geist- liche Obrigkeit muß es sich gefallen lassen, daß so ein Sieben- gescheiter seinen Willen durchsetzen will. „Aber wie sieht es oft aus bei einem solchen in Dingen. die ihn mehr angehen? In seiner Familie, in seinem Hause? Da merkt man nichts von der großen Gescheitheit und vom guten Regiment. Einer, der Herr sein will über den Staat und die Kirche, vermag seine Dienstboten nicht in Ordnung zu halten, ja nicht seine Kinder. Wäre es nicht besser, er hätte seinen Willen darauf gerichtet, daß man ihn als rechtschaffenen Hausvater betrachten kann, als daß er sich um fremde Dinge bekümmert? „Das ist auch eine sichtbare Warnung für alle, die einem solchen anhängen. „Diese sollten sich fragen, ob sie dem Rate eines Mannes folgen dürfen, der in seinem eigenen Hause das Schlechte duldet oder nicht unterdrücken kann. „Und sie müßten sagen: NeinI Dieser Mann kann uns kein Beispiel sein. „Denn wie sagt Jesus zu seinen Jüngern? „Hütet euch vor den falschen Propheten, und an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. „Jeder gute Baum bringt gute Früchte, aber ein schlechter Baum bringt schlechte Früchte. „Darum, wenn man sieht, daß in dem Hauswesen eines Mannes unziemliche Dinge vorkommen, so wissen wir, daß man seinen Worten nicht folgen darf „Seine Früchte sind schlecht, und er selbst kann nicht als gut erfunden werden. Amen." In der Kirche saß keiner, der den Pfarrer nicht verstand. Der Hierangl hatte überall erzählt, daß sein Sohn vom Schuller angepackt worden war, weil er sich nicht dazu her- geben wollte, den Vater von der Ursula ihrem Kinde zu machen. Eine Dienstmagd, die der Schuller davongejagt hatte, erzählte auch, daß die Ursula in andern Umständen sei, und so war es leicht zu sehen, wen der Pfarrer meinte. Der Schuller war nicht in der Kirche, aber seine Bäuerin kam mit brennrotem Kopfe heim und erzählte ihm, was sie hatte anhören müssen. �. „J hätt' mi am liabcrn vaschloffa, so hon i mi g schämt," sagte sie. „Do brauchst di du gor it vaschliaffen." „Ja. was moanst denn? In de vordern Bank' Hamm sie si alle umdraht nach meiner und die Bäcker Ulrich Marie hat d' Pratz'n vors Mäu g'habt und hat recht eini g'lacht, daß's ja alle Leut' sehg'n." „Da brauchst du di gor it vaschliaffen." wiederholte der Schuller,„de Schand' trifft an andern, der wo so schlecht es und immt d' Kanzel her zu seiner Feindschaft." „An den Früchten werdet ihr es erkennen, wo eS in einem Hause schlecht ist." hat er g'sagt.„und einem Manne dürfet ihr nicht trauen, der wo die Schlechtigkeit duldet. Mi Hamm bo's Deandl mit Rechten aufzog'n, und für dös kinna mir's aa it derschlag'n." Die Schulleriu weinte. „Z'weg'n dem brauchst it trentzen," sagte der Bauer,„was der red't, is gar nix. Des sell acht i gar it." „Warum hat er nacha nix predigt, wia'r an Schreiber sei Zenzl a Kind kriagt hat? Da hat ma nix g'hört von einem schlechten Haus. Grad' ins tat er de Schand' o vor allsamt Leuten." Der Schuller gab ihr keine Antwort: er sah zum Fenster hinaus auf die Straße. Schräg gegenüber beim Schuhsteffel standen noch einige Kichgängerinnen und steckten die Köpfe zusammen. Hie und da drehte sich eine herum und warf einen ge- schwinden Blick herüber. Da sagte der Schuller:„Bälrrin. tua mir an Rock außa« I geh' ins Wirtshaus." „Geh, bleib dahoaml De red'n heut' do nix anders, als wia vo dera Predigt." „Grad' desz'weg'n geh'n i. Sinscht moana d' Leut', ß versteck' mi." Er legte den dunkelblauen Fcitertagsrock an und ging durch das Dorf. 5° ie Bäck-r Ulrich Mine, sich hinter ihre Haustiire stellte und ihm lange nachsah, wunderte sich über seine ruhige Miene und sagte zu der Zwergerin: „Er muaß's no it wissen." Die Zwergerin kannte die Menschen besser.„Do bist irr'/ sagte sie,„wenn'st moanst, der Schuller loßt si was mirk'm Der woaß's scho lang'." Beim Wirt saßen viele Leute: man hörte ihre Unter- Haltung schon im Hausgange. Aber wie der Schuller eintrat, war es mit einem Male still, und alle drehten sich nach ihm um. Er grüßte kurz und setzte sich wie immer an den Ofen- tisch, wo die größeren Bauern saßen. Der Haberlschneider rückte ein wenig hinein und machte ihm Platz. „Wo kimmst denn her?" fragte ihn der alte Lochmann „I? Bon dahoam." „I ho mir denkt, du bist z' Webling g'wen." „Na." Es trat wieder eine Pause ein, und der Webcrgürtler, det! ein oft gesehener Gast im Pfarrhause war, zahlte sein Bier und ging. Der Haberlbauer unterbrach die Stille und fragte: „Bist scho bald firti mit'n bau'n. Schuller?" „No reit völli. D' Schaffelbroat'n Hab' j no, nacha i? g'schehg'n." „Was baust denn?" „An Woatz." „Hast z'letzt an Raps dort g'habt?" „ � a» „Er waar scho recht, da Raps, wann ma no net gar so weni löset dafür." Das Gespräch war in Gang gekommen, und der SchulleZ konnte seine Sachkenntnis zeigen. Aber wie der alte Lochmann aufstand, rückte der Geitnex um einen Platz herauf. Er war als ein Mann bekannt, des gerne herumhorchte. Niemand traute ihm, aber da er jedem schön tat und offene Feindseligkeit vermied, kam keiner dazu, daß er ihm die Wahrheit gründlich sagte. Der Geitner rückte herauf und sagte plötzlich, indem eli mit der Hand auf den Tisch schlug: „Und dös glaub' i amal net, daß der Schuller a schlecht'S Hauswesen führt. Dös glaub' i durchaus gar net." Obwohl niemand widersprach, steigerte er seinen Eise? und schrie so laut, daß ihn alle Leute hören mußten: „Dös glaub' i net. Und bal's oana änderst sagt, nacha bin i scho dol Der Schuller Wirtschaft' it schlecht. Dös gibt's gor it." „Geh, sei staadl" sagte der Haberlschneider. „Na, do bin i it staad. DöS glaub i amal net. Siehg'st. Schuller, i woaß, daß di bös verdriaßen muaß, was heut'
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25 (10.10.1908) 197
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