Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 228. Mittwoch den 23 November. 1903 (Nachdruck verdolen.) � Hndreas Vöft. Bauernroman von Ludwig Tboma� 14. Kapitel. In das Haus vom Schuller war eine schlechte Stimmung eingezogen. Der Mißmut war obenauf, und die Fröhlichkeit hatte nirgends mehr Platz. Den Tag über war der Schuller in seinem Walde bei der Holzarbeit; wenn er heimkam, saß er schweigsam auf der Ofenbank. Die Bäuerin wollte ihn zum Reden bringen. Sie schimpfte über den Pfarrer und den Hierangl, über den Geitner und den Bürgermeister Kloiber. Sie brachte neue Geschichten heim, welche die Schlechtigkeit dieser Feinde offen- bar machten, und sie erzählte alte Geschichten, welche das näm- liche bewiesen. Alles, was der Schuller selber einmal getadelt hatte, brachte sie vor und meinte, das müsse ihm ein Gefallen sein. Aber er gab ihr nicht an oder sagte, sie solle sich um ihre Weiberleute kümmern und das andere mit Ruhe gehen lassen. Dann ging die Schullerin seufzend in die Küche und be- redete mit der Ursula, wie sich der Vater herunter kümmere. Auch mit den Dienstboten redete sie darüber: sie sagte zu den Mägden zornige Worte über die Nachbarn und fragte die Knechte, was sie im Wirtshaus gehört hätten. Eine solche Vertraulichkeit tut nicht gut: sie ist gegen den Respekt und das ordentliche Regiment. Jetzt hatten Knecht und Magd ihr heimliches Getue und wisperten sich Neuigkeiten in die Ohren, wenn sie arbeiten sollten. Und wenn einer faulenzen wollte, stellte er sich in die Küche hin und erzählte der Schullerin, wie er es dem Knecht vom Hierangl hingerieben habe, daß sein Herr kein Pfund Lumpen tauge. Dafür bekam er Dank und billige Nachsicht für seine Faulheit. Die Weibsleute waren zufrieden, wenn sie recht viel Be- dauernis und Mitleid sahen. Was die Schullerin davon übrig ließ, brauchte die Ursula für ihren besonderen Zustand. Die Dienstboten nützten es aus und machten sich darüber lustig. Wenn sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten saßen, gaben sie sich heimliche Zeichen und stießen sich mit den Ellen- bogen an. Eine üble Nachrede findet bei niemandem schneller Boden, als bei Untergebenen. Wer von ihnen etwas ent- schuldigen oder erklären will, ist übel daran. Gehorsam muß Achtung haben. Der Schuller merkte an vielen Dingen, daß in seinem Hause die Ordnung gelockert war. Früher hätte er sich schnell geholfen: jetzt schien es ihm nicht der Mühe wert. Alle seine Gedanken waren nur auf das eine gerichtet. Da lag im Kirchenbuch ein Zettel, der ihm zeitlebens Schande anhing. Und noch länger. Wenn die Männer von heute einmal tot waren und die Jungen ans Ruder kamen, dann war das Papier noch da, auf dem es geschrieben stand, daß er ein schlechter Kerl war, dem jeder aus dem Wege gehen mußte. Und dann glaubten es alle: auch die, welche hernach auf dem Schulleranwcsen hausten. Den Kindern von seinem ältesten Buben wurde die Lüge erzählt, noch abscheulicher aufgetragen wie jetzt. Denn jeder mußte denken, wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt hatte, mußte es das Aergste gewesen sein. Keiner wußte etwas von ihm. Daß er als ehren- geachteter Mann lange Zeit den Hof regiert hatte. Keiner wußte etwas vom Baustätter und von seinem Hasse. Nur das Geschriebene galt. Wie hätten sie später die Wahrheit finden sollen, wenn er sie selber mit allen Mühen nicht herstellen konnte? Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint, er müsse sein Stecht kriegen. Er war im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor. Kroiß ließ ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab. „Was das für ein Prozeß sei, wenn er nicht einmal wisfc gegen wen er klagen wolle? Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun hätte? Oder mit den Aufschreibungen eines Verstorbenen?" Jetzt fuhr der Schuller nach München und ging zum Landgericht. Die sagten ihm, wenn er wirklich klagen wolle, müsse crs in Nußbach tun: sie hätten gar nichts damit zn schaffen. Er solle doch einen Advokaten nehmen. Und er ging zu einem Advokaten. Der lächelte etwas ungläubig. Was das wieder für eine Geschichte war! Aber er hörte doch aufmerksam zu und fragte dazwischen. „Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen?' „Na." „Ist alles erfunden? Und kein Wort wahr?" „Koa Wort is wahr, Herr Dokta!" Der Advokat lächelte wieder. Ja, ja, Bauern sind Spitz» biiben. Wenn sie ihren Advokaten anlügen, meinen sie, wie schlau sie sind. Und dann sagte er: „Da wirst nicht viel machen können. Schuller. Det jetzige Pfarrer red't sich auf den alten aus, den alten kannst nicht verklagen, weil er tot is. Wenn Du gegen die anderen klagst, sagen sie. daß sie bloß gesagt haben, was geschrieben steht. Und bringst Du Zeugen, was können die bestätigen? Höchstens, daß sie nie was gesehen haben. Deswegen ist nicht gesagt, daß der Pfarrer Held oder der jetzige gelogen hat. Ich glaub' Dir ja alles, aber das Gericht is nicht so vertrauensvoll. Die Herren sagen:„Ja, der bat halt niemand zuschauen lassen. Sehr einfach." Und der Advokat patschte die Handflächen ineinander. Dann merkte er doch, wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging. „Ich tät' Dir gern helfen. Schüller," setzte er hinzu „Aber mit einer Klag' is da nicht viel zu machen. Eines könnten wir probieren. Beschwer Dich beim Ordinariati Das wär' noch ein Mittel. Da geht Du hin und erzählst den Fall wie mir. Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern. Es kann sein, daß sie Euer» Pfarrer zu einer friedlichen Lösung anhalten." Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen Kümmernissen und seinem Zorn über breite Plätze und durch enge Gassen, bis er vor der Wobnung des Domkapitulars Späth angelangt war. An den hatte ihn der Advokat gewiesen. Ein altes Fräu- lein öffnete ihm und sagte, der hochwürdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause, aber in einer halben Stunde komme er. Der Schuller fragte, ob er nicht warten dürfe, und als es ihm erlaubt wurde, setzte er sich auf eine kleine Bank, die im Hausgange stand. Eine Stunde verging, und der Herr Domkapitular kam noch iminer nicht. Von Zeit zu Zeit streckte das Fräulein den Kopf zu einer Türe heraus und überzeugte sich, daß der fremde Bauersmann noch immer da war. Der saß geduldig und regungslos auf seinem Platze. Das Warten wurde ihm nicht lang, denn er hatte Gedanken genug, die ihn be- schäftigten. Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und näherten sich der Wohnungstüre. Ein alter Geistlicher trat ein, und wie er den Schuller sitzen sah, fragte er ihn nach seinem Be- gehren. Er hatte ein kluges, freundliches Gesicht, und der Schüller fing mit größerem Vertrauen seine Erzählung an. Da hieß ihn der alte Herr in sein Zimmer cintreren und Platz nehmen. Und hörte ihn aufmerksam an. Der Schuller erzählte seine Geschichte etwas weitläufig, mit vielen Nebensächlichkeiten. Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte, wollte er jetzt alles recht ver- ständlich vorbringen und nichts weglassen. Der Geistliche schüttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prüfenden Blicken am Aber er unterbrach ibn
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25 (25.11.1908) 228
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