Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 230.

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Andreas Vöst.

Freitag den 27 November.

( Nachdruk verboten.

Bauernroman von Ludwig Thoma .

Da Haberlschneider sagt's aa, Du gibst an Pfarra bloß a G'leg'nheit, daß er schlecht reden to über Di."

Wenn dös da Haberlschneider glaabt, is sei Sach'. I

glaab's anderst und bleib dahoam."

Und die Schullerin mußte allein gehen. Die Nacht war klar und falt.

Aus der Kirche drang helles Licht und legte sich auf die Schneedecke.

Und leuchtete weithin in die Gassen und Winkel und zu den Hügeln hinauf, von denen eilige Menschen herunterkamen. Sie schritten über die Felder dem Lichte zu, wie vor vielen hundert Jahren die Hirten, denen die frohe Botschaft ver­tündet wurde.

Heute ist euch der Erlöser geboren worden. Ihr werdet ein Kindlein finden, das in einer Krippe liegt."

Da verließen sie ihre Herden und eilten, um das Er­

eignis zu sehen.

Es muß wohl ein armer Häusler gewesen sein, bei dem der Herr Joseph eingefehrt war.

Bloß ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren; tein Roß fraß von der Raufe, teine Rub lag auf der Streu. Der Stall war niedrig und eng, daß er die Wärme hielt für das wenige Vieh.

Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten, blieben sie an der Türe stehen.

Das Kindlein lag nadend, wie es zur Welt gekommen war, und die Magd des Herrn fniete davor und faltete fromm die Hände. Man sah ihr das Leiden an, denn sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen herumirren müssen, bis sie endlich das Obdach fanden.

Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge um die Mutter und das Kind; wenn er seine schwie­ligen Hände zum Beten zusammenlegte, hat er in die Krippe geschaut, ob die Tiere das Stroh nicht unter dem Kinde weg­zogen, und ob er noch ein Büschel unterlegen müsse.

Das waren drei arme Menschen.

Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet.

Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen. Der leuchtet noch heute den Armen. In diesem nadten Kindlein erstand ihnen ein Streiter. Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfürch­tiger Liebe an den Händen der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah, ist in ihm der heiße Wunsch groß geworden, den Menschen zu helfen.

Und es ist der erste Kämpfer geworden gegen die Reichen und Mächtigen.

Die leidenden Menschen wissen es kaum; in der lauten Berehrung seines Namens ist gerade das zur Vergessenheit gekommen. Aber einmal im Jahre müssen sie daran denken. In der stillen Winternacht, wenn man die Geburt des Kindes feiert.

Da mögen die Armen glauben, daß der Mann sein Leben Iang zu ihnen gestanden ist, der im engen Stalle auf die Welt kam.

Dichtgedrängt standen die Leute in der Stirche, und immer noch ging die Türe auf und zu. Borne am Altare und an den Seitenwänden brannten Sterzen; davon war die gewölbte Decke erhellt; unten auf der Menge lag tiefes Dunkel. Aber hier und dort flacerte ein Licht, und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen ein ernsthaftes Gesicht ab. Eine alte Bäuerin, die ihren Wachsstod angezündet hatte und im Gebetbuche las.

Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde gehen.

Die Menge stand nicht still. Viele rührten sich, daß fie die Stälte nicht so empfindlich merkten. Die Füße scharrten den Boden, unterdrücktes Husten kam aus dem Dunkel heraus und ballte vom Gewölbe zurück.

Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Ge räusch; Herr Stegmüller griff drei oder vier kräftige Akkorde und ging zu einer Melodie über.

1908

Eine dünne Frauenstimme fiel ein, und wer zum Chor hinaufblickte, sah in schwacher Beleuchtung die Näherin, die Schallmaier Benzi, welche auch des Sonntags das Hochamb begleitete.

Für gewöhnlich mußte sie lateinische Worte singen; heute war es ein deutsches Lied. Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so eingeführt.

Es ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart Wie uns die Alten fungen, Aus Jesse kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht Mitten im falten Winter Wohl zu der halben Nacht.

Als das Lied zu Ende war, zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke; der Pfarrer schritt im goldgestickten Kleide zum Altare hin, die Ministranten klingelten, und einer schwang das Weihrauchfaß.

Jezt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte. Die Schullerin war in dem Gedränge bis zur Seiten.

tapelle geschoben worden. Hier hatte der Wesner eine Krippe aufgerichtet; darstellend die Geburt des Herrn. Ueber die Hälfte des Raumes nahm der Stall von Bethlehem ein; es war aber fein Stall, wie sie vielleicht in Palästina gebaut worden sind; es war ein richtiger, ordentlicher Stall, wie man sie hierzulande hat.

Alles darin war genau und gut nachgemacht; Barren und Raufe, ein hölzerner Verschlag, in dem man die Schweine unterbringt, oben die Luke, durch die man das Heu herunter­wirft; dazu Geräte und Handwerkszeug, ein Schubkarren, Tranffübel und ein Melfstuhl waren da; Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt.

Und hinter dem Barren stand ein Ochse; aber fein Ochse, wie man sie in Palästina hat, sondern ein richtiger Pinz gauer, rot und weiß gefleckt. Der Esel daneben ist eher orientalisch gewesen, denn der Meister hatte ihn ohne Vor­bild geschnitzt.

Bom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus; eine richtige, deutsche Schneelandschaft mit Hügeln und Bäumen. Am dunklen Himmel leuchteten die Sterne; einer besonders hell. Das war der Stern, der die Weisen aus dem Morgen. lande herbeiführte.

Zu dem sahen die Hirten hinauf; sie mußten aber die Augen vor seinem Glanze bedecken.

Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andächtig hinein. Da saß die Jungfrau auf dem umgestülpten Schubkarren und hielt zärtlich blickend das Kindlein im Schoße. Der Joseph stand daneben; mit der linken Hand strich er sich den langen Bart, die rechte hielt er freudig in die Höhe, und sie stieß beinahe an der Decke des Stalles an.

Die Schullerin schaute gar andächtig auf die Gruppe. Das war so, wie es im Liede gesungen wurde.

Und hat ein Blümlein bracht Mitten im falten Winter Wohl zu der halben Nacht.

Da mußte sie an ihr eigenes Kind denken, das sie den letzten Herbst zur Welt gebracht hatte.

Und das ihr der Pfarrer in ungeweihter Erde neben der Friedhofmauer einſcharren ließ, weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen, der da drinnen in der Krippe so hilflos auf seiner Mutter Schoß lag.

Es steht aber geschrieben: Acht Tage später wurde das Rind beschnitten und ihm der Name Jesus gegeben."

Eine ganze Woche später. Wenn da ein Unglück ge­schehen wäre, ob sie im Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt hätten?

Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben den Eltern, um auf die Auferstehung zu warten.

Daran mußte die Schallerin denken.

Wenn das nicht geschehen wäre, hätte vieles ein anderes Aussehen bekommen. Von dem Tage an war der Verdruß angegangen und hatte nicht mehr aufgehört. a. wäre das