Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 231. Sonnabend den 28 November. 1903 (Nachdruck v«bot«n.1 421 )Znäreas Völt. Bauernroman von Ludwig Thoma . Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe, daß ihr Bauer den Glauben abgeschworen habe und kein Christ, mehr sein wolle. Aber die Erlbacher hätten das auch ohne die Rederei bald gemerkt, denn bei allen heiligen Handlungen, die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen. fel,ltc der Andreas Vöst. Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein: er war nicht bei der großen Salz- und Wasserweihe, die am Abend vor dem Dreikönigstage gehalten wird, und er ging am Licht- meßtage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession. Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem Johanncswein, auf dafj die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon jedem Stück Vieh gegeben würde, welches in den Stall käme. Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren, wenn der Hausherr den Brauch nicht ehrte? Sogar den Blasiussegen verschmähte er. Er war nicht unter den Leuten, welche am Tage nach Lichtmeß vor dem Altare knieten; er ließ sich nicht die ge- kreuzten Kerzen an den Hals legen, daß er von Krankheit der- schont bleibe. Aber wenn der Schuller glaubte, daß er für sich allein nach eigenen Gesehen leben könne, irrte er sich. An seine Feindschaft mit dem Pfarrer hätten sich viele nicht gekehrt: die gab es zu allen Zeiten, voraus jetzt, wo sich die Bauernbündler zusammentaten. Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht, ver- liert den Boden unter den Füßen. Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weibervcrstande klarer gesehen wie der Bauer. Das Ansehen wurde ihm gemindert, in der Gemeinde, wie im Hause. Denn die Sitte ist älter als die Menschen. Und sie ist stärker. Weil sie das nüchterne Leben segnet, ist sie ehrwürdig, und weil sie ehrwürdig ist, kann sie keiner ohne Schaden ver- letzen. Sie ehrt die Arbeit,'sie gibt der Fröhlichkeit und der Trauer Bedeutung. Absonderlich der Bauer hängt mit zäher Treue an ihr. Sie begleitet ihn von dem Tage an, wo der Göd seinen Einbindtaler dem Täufling in die Windeln steckt, bis zu der Stunde, wo ehrsame Nachbarn seinen Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen, bevor sie ihn auf die Schultern heben. Daß der Schuller heraustrat aus dem festgefügten Kreise, mißfiel allen, Auch dem Haberlschneider. Er sagte dem Freunde offen, daß er unrecht damit tue, und daß ihn jeder tadeln müsse, der es gut mit ihm meine. Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz über den un- christlichen Haushalt auf der Kanzel verkündete, dachte mancher Rechtschaffene, daß er damit seine Pflicht tue. Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Ver- druß. Zu Lichtmeß sagten ihm alle Dienstboten auf. Sie wollten einem Herrn nicht dienen, der im Gerede stand; denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie. Die neuen, welche kamen, taugten nicht viel. Sie glaubten von Ansang, daß sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit hätten. Wenn sie dann straffes Regiment spürtem wurden sie störrisch und mißmutig. Der Roßknccht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen, der alle fiinf gerade sein ließ und seinen Stall unrein hielt. Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie ändere: er hatte nicht bloß in seinem eigenen Anwesen alte Mißbräuche abgeschafft, sondern auch Nachbarn und Freunde darüber belehrt, daß die alte Manier schädlich sel. Er sah streng darauf, daß jede Futterzeit Dünger und Streu entfernt wurden, damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel. Als ein richtiger Faulenzer wußte er immer Gründe anzugeben, wenn er die Streu liegen ließ. Der Boden sei zu hart, sagte er, und er dürfe doch nicht jedesmal einen großen Haufen ausbreiten; da sei es ge- scheiter, frische Streu auf die alte zu legen. Der Schuller machte ihm begreiflich, daß es ihm auf ein paar Strohbündel nicht ankomme. Uebertreiben müsse man es ja nicht; und ein hartes Lager sei immer noch besser, wie Schmutz oder Nässe. Der Hansgirgl hörte zu und faxte, er wolle in GotteS Namen jedesmal frische Streu aufschütten; aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles. Da mußte ihn der Schuller wieder mahnen. Er habe ihn doch angeschafft, daß er die alte Streu auf den Misthaufen bringen solle. Der Hansgirgl sagte, es sei draußen zu kalt, und er habe die Stalltllre nicht aufmachen dürfen, sonst wäre die'Luft hereingekommen. Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen. daß die kalte Luft nicht in den Stall komme. Das sei eine alte Dummheit, entgegnete der Schüller. Bei ihm müsse es anders gemacht werden. Nur auf mit der Tür, dreimal im Tag, und den M st hinausgefahren! Die Luft sei was Gutes für Mensch und Vieh. Ein paar Wochen tat es gut. Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu aiss die alte warf. Diesmal faßte der Schuller schärfer an. Ja, Hab' i Dir's it g'sagt, daß i dös it mag? Js mei Reden für gar nix?" 's Roß liegt oamal z'hart, und de alt' Strah is gar it naß; beim Dallhammer Hamm mir de Strah glei drer und vier Täg liegen lassen." Was geht denn dös mi o, was der Dallhammer tuat?" Der sell hat aa was verstanden, und's Roß braucht it so hart liegen." Bei mir g'schieht dös, was i will. Und dös wirkst Dir amal guatl" Der Hansgirgl räumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf. Wie er mit der Arbeit fertig war, band er den Schurz ab und zog seinen Janker an. Eine Viertelstunde später saß er beim Wirt, und drei Stunden später saß er noch dort. Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere, und jedesmal, wenn ihm die Kellnerin eine frische Halbe brachte, ließ er sia trinken. Er sagte, daß er sich nichts gefallen lasse. Und das müsse schon eine ganz andere Herrschaft sein, von der er sich was gefallen lasse. Er wolle die Arbeit tun, akkurat so, wie beim Dallhammer von Webling; das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht, und es reue ihn, daß er vom Dallhammer weggegangen sei. Die Pferde daheim wurden unruhig, als zur Futterzeit niemand kam. Da ging der Schuller in den Stall und sah, daß der Hansgirgl ausgeblieben war. Er schüttete selber vor und war zornig über den Knecht, der nach so kurzer Zeit schon liederlich wurde. Als er ihn später durch den Hof gehen sah, trat er auf ihn zu. Wo kimmst denn Du her?' .,J?" '.�Ja. Du. Woaßt Du it, wann Fuattcrzeit is?" I waar scho kemma." Du waar'st scho kemma! Müassen d' Roß warten, br' Du g'nua g'soffen hascht. Du stinkst nach'n Bier!" J ho gar it g'soffen. Wegen dera Halbe brauch' i m' net schimpfen lassen." Balst ma dös nomal tuast, daß d' unter der Zeit zu'» Wirt laafst, nacha schmeiß' i Di außi.' So, Du schmeißt mi außi?" Jawohl, schnell g'nua." Na, dös tuast Du net! I geh' a so und schaug mir um an richtigen Deanst in an richtigen Haus." Nimm Di z'samml"