Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 2.
1]
Dienstag, den 5. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Das tägliche Brot.
Roman von C. Biebig.
1
Hinter dem sandigen Hügel hebt sich eben die Sonne empor. Die Kiefern auf der Höhe werden rot umstrahlt, haarscharf zeichnet sich jede Nadel der struppigen Aeste auf dem durchglühten Morgenhimmel ab. Ein scharfer Frühwind weht; das Hungermoos, das, grauweißen Bartzipfeln gleich, an den Stämmen hängt, flattert. Zudende Lichter überHuschen die spärliche Grasnarbe, die kaum die knorrigen Wurgeln deckt; fingernde goldene Strahlen greifen hierhin und dorthin, strecken sich länger und länger, leuchten wärmer und wärmer.
Unten in der endlosen Weite der Felder noch bleichgrauer falter Dämmerschein. Dampfende Nebel steigen aus den Senfungen und ziehen ihre weißen Gespinste über den Ader, bis sie fern an der blauen Wand des Waldes in Fezen zerflattern.
Fahl schimmern in der Dorfgasse die gefalften Giebel Ser Hütten, mur die hohen Mauern der Kirdre zeigen schon warme Reflere. Die Kastanienbäume am Portal schütteln fich, daß ein Regen von nachtfeuchten, gelben Blättern niedertrieft; ein herber bitterlicher Herbstduft steigt auf vom fallenden Laub.
Auf dem Pfuhl an der Straße rudert eine Schar Enten; Lautlos, langfam, wie verschlafen, folgt eine der anderen, einen helleren Streifen im dunklen Wasser nach sich ziehend. Jetzt richtet sich der Enterich ferzengrade auf, schlägt das Waffer mit den Flügeln, daß Tropfenperlen rings versprühn, die ganze Schar bricht in lautes Geschnatter aus. Auf Barthel Heinzes Dunghaufen erhebt der Hahn ein Surchdringendes Riferiti; feurig glühn die Firste der niedrigen Strohdächer, die Heinzen stößt die Läden auf- in der Stube wird es hell.
Der Tag ist da.
Mach der nu uf," sagte der Bauer zur ältesten Tochter und erhob sich schwerfällig hinterm Tisch, der die Neste des Frühstücks: Brotfrumen, Kartoffelschalen und den geleerten Suppennapf zeigte. Laß der'ich gutt gehn, un schreib ooch! Halt der brav! Daß de tüchtig was sparst im Dienst! Schid's Geld nur glei heeme, ich tu's in Schwerin auf de Sparkaß. Raß der nich beifallen, daß de' s berjurst! Das sao ich der: femmste heeme un hast nischt vor der gebracht, kriegste de Hucke voll!"
Ich wer' schon, Vatter, ich wer' schon," versicherte die Lochter.
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„ Ei, die Mine is doch en guttes Kind," sagte die Mutter weicher und strich mit der knochigen Hand dem Mädchen die Falten am fornblumenblauen Sonntagskleid herunter. Was Der Stoff sich scheene trägt! Berrujenier nischt, Mine! Ei, Heinze, laß mur, se wird sich schon schicken in Berlin . Arbeiten fann je- ju, ju, das hammer se gelehrt. Da is feine Herrschaft nich betrogen. Laß der nischt vormachen, Mine, laß der nich die Butter vom Brot nehmen, ooch von de Herrschaft nich! Kuck, daß de zu was fommst, schick brav heeme und bleib gesund!"
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1909
Mit einem Schmerzenslaut fant Mine wieder auf den Seffel zurück und hielt sich die Hände vors Gesicht.
,, Nu, nu," begütigte die Mutter, barm nich gar so fehre!" Sie schnüffelte gerührt und wischte sich mit dem Handrücken unter der Nase her. Hast ja selber partu nach Berlin machen wollen- Mine, sei doch verständig! Dent an, was de verdienen kannst, bares Geld! Ihr seid der Kinder sechse, ju ju."
Was willste denn ooch derheeme?" sprach der Vater. Der Mare und die Cille find lang groß genug, de Male wird Ostern eingefägent- wer schaffen unsre Arbeit alleene." Mit feuchten Blicken sah Mine die Geschwister der Reihe nach an. Ja ja, der Vater hatte recht, groß genug! Da war der Mar, ein kräftiger Bursche von nahezu achtzehn, gewachsen wie eine Tanne. Da war die Cilla, stämmig und breithüftig, wie eine Frau anzusehn trob ihrer sechzehn Jahr. Da die Male, die die Zöpfe auch schon aufsteckte; da der Heinrich, der die Gänse, die Schweine und die Kuh hüten konnte, und da die Emma. die auch schon zur Schule ging. Mine nidte verständnisinnig so war's schon recht, eine mußte weg! Das waren der Mäuler gar zu viele für Barthel Heinzes Acker; das Haus war eng, man konnte doch nicht so aufeinander hocken. Wenn nicht der Peter und die Lisa, die nach ihr im Alter famen, schon als Stinder miteinander im Enten pfuhl ertrunken wären, hätte sie längst fortgemußt. Und hatte sie denn auch nicht selbst den Wunsch, endlich einmal einen Groschen eigen zu haben? Die Mädchen, die nach der Stadt gezogen waren, erzählten Wunderdinge. Buweilen fam eine zu Besuch nach Haus, dann lief das ganze Dorf zusammen, stellte sich vor der Tür auf oder lugte durch die Fleine blasige Scheibe, hinter der die Heimgekehrte, in der Pelerine mit Perlenbesat, in dem großen weißen Strohhut mit Seidenband und langer weißer Feder stand und sich von den stolzen Eltern bewundern ließ. Selbst recht wohlhabende Bauerntöchter verschmähten es nicht, für ein oder zwei Jahre nach Berlin zu gehen: in Pennßiohn", wie sie sagten. Mit Bligesschnelle zogen die Gestalten städtsich geputzter Mädchen an Mines innerem Auge vorüber manch eine fam heim mit' nem schönen Sparkassenbuch, heiratete gut oder machte auch in Berlin eine Partie, die sich sehen lassen fonnte. Da lag ja ohnehin das Glück auf der Straße; leichte Arbeit, hoher Lohn. Nein, es war doch gut, daß sie selber ging und fich nicht von der Cilla zuvorkommen ließ, die immer drum redete. Gut, daß fie zu der gesagt:„ Hör uf mit dent Gebelfer, ich bin die ält'ste, ich han die Vorhand."
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Mit einem energischen Rud sprang Mine auf und wischte sich, wie vorhin die Mutter getan, mit dem Handrücken die Nase; dann auch die Augen. Groß und stark stand sie vor den Eltern und reichte ihnen die Hand zum Abschied.
Adje! Bleib gesund, Vatter! Adje, Mutter! Bleib
gesund!"
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Adje, Mine," sprach der. Vater, nahm die Pfeife aus dem Mund und betrachtete sie kritisch. Scheene is se nich mehr. Kannst mer zu Weihnachten ' ne neue schicken. Geh ooch zur Kirche, Mine!"
" Ich- wer' schon!" Nun schluchzte das Mädchen. die Obgleich Wilhelmine Heinze schon zweiundzwanzig Jahre zählte und eine große, breitschultrige Person war, die ihren Bentnersad Kartoffeln auf dem Rücken schleppte, so weinte sie Doch wie ein Kind. Nun es ernstlich an den Abschied ging, wurde ihr der so schwer, wie sie es nie für möglich gehalten. Mit einem langen Blid sah sie sich im Zimmer um, wo die Kududsuhr an der Wand tidte und neben dem Ofen das Hochgetürmte Bett der Eltern an der Wand stand.
Sie machte ein paar Schritt nach dem schmalen Zürchen hin, das in die Kammer führte, darin sie so lange mit den Drei jüngeren Schwestern gehaust. Da drinnen hing das Jahrmarktsspiegelchen, vor dem fie fich Sonntags immer gepufft, denn jede wollte zuerst hineinschauen; da standen auf dem Fensterbrett die Beranien und Pantoffelblumen, die so überreich blühten,
u ju," fiel die Mutter ein. „ Spar fleißig!"
" Un schid's glei heeme!"
„ Schreibt bald!" Nun kamen der Tochter doch wieder Tränen.
„ Schreib du ooch bald!"
Mine reichte den Geschwistern der Reihe nach die Hand, erst den Großen, dann den Kleinen. Emma hing sich ihr an den Hals; sie hatte das Kind, das sie von seiner ersten Stunde an gewartet, immer sehr lieb gehabt, nun füßte sie es schallend auf Mund und Wangen. Immer tiefer bückte sie sich, unt ihren Kummer zu verbergen.
Bist Du wehleidig," lachte Cilla und gab ihr einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Siehste, hättste mir ziehn lassen!"
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" Ich geh schon," murmelte Mine und richtete sich auf. Adje all zusammen, bleib gefund! Komm, Mare, faß an." Berdrossen schlorrte der lange hübsche Bursche heran. Sie zogen den Reiseforb aus der Kammer; klein war der mur und nicht schwer, aber funkelnagelneu, für vier Mark