Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 3.

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Mittwoch den 6. Januar.

( Nachdrud berboten.)

Das tägliche Brot.

Roman von C. Viebig .

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Cilla hatte sich der Schwester an den Arm gehängt und tuschelte ihr noch allerlei in die Ohren, Schaff der bald ' nen Schatz an mit Freiers Emil war's doch nischte einen von Milletär, hörste,' nen Schneidigen! Und schreib mer ooch dervon!"

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Mine nidte. Kannst der Freiern nur sagen, ihr Emil kann mir jetzt den Buckel lang rutschen; um den wer ich mer wahrhaftig nich mehr haben."

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Das glaub ich. Un höre, Mine, schickst mer ooch balde ne schöne Schörz, oder sonst was. Ich tu der dafor ooch mal wieder en Gefallen. Mine versprach alles. Wie Schatten glitten an ihrem umflorten Blick die stillen Hütten rechts und links vorüber: noch schliefen die Nachbarn, nur ganz in der Ferne klappten zwei Dreschflegel flip flap- flip klap.

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Am allerlegten Haus, wo wo der Meilenstein an der Chauffee steht Schwerin a./. 7,6 Kilometer- nahmen die Geschwister Abschied.

Rüstig schritten Mine und Mar, den Korb zwischen sich, über die einsame Chaussee.

Noch war die Sonne nicht ganz durchgebrochen, sie kämpfte noch immer. Auch der feurige Schein auf dem Gipfel des Golmüßer Sandbergs war wieder erloschen, die Kiefern waren nicht mehr rot angestrahlt. Dichte weiche Schleier hüllten den goldnen Ball wieder ein; über die Neder, rechts und links bom Weg, flogen weiße Nebelfezen, vom Morgenwind ge­trieben. Es graute und braute in den Gründen und wogte und quirlte. Leise tropfte es von den Chauffeebäumen, die Gräser am Grabenrand glänzten versilbert, und die niedrigen Wacholderbüsche trugen Schleierhauben.

Die Gestalten der beiden Geschwister gingen wie in lauter Dämpfe gehüllt. Das lange Band an des Mädchens Hut flatterte im feuchtfrischen Herbstwind; jetzt wurden die Weiber­röde fest an den Körper gepeitscht, jetzt blähten sie sich gleich Segeln in der unruhigen Morgenluft.

Kommen mer ooch nich zu späte, Mare?" fragte Mine ängstlich und beschleunigte ihre Schritte. Die Jesebahn gehf gegen fieben- weeßte' s ooch genau?!"

" Zeit de Masse," sagte der Bursche phlegmatisch. Nenn doch nich su! Kannst's wohl nich mehr derwarten. Na, paß

uf, wann ich beis Milletär komme, mach ich ooch nach Berlin ."

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Da freu ich mer, wenn de kommst!"

, da wirschte wenig bon mer zu sehn kriegen. Da hab ich mehr zu tun; bei der Garde seh ich alle Tage den Herr Raiser. Un ich laß mer den Schnurrbart stehn. Un Sonn­tags geh ich tanzen. Das wird en Leben!" Er redte seine schlanke Gestalt noch höher und drückte die Brust heraus. Da wird mer mal ufatmen, beis Milletär!"

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Sie lachte ihm ins Gesicht. Drillen werden se dert" Er maß sie mit einem verächtlichen Blick. Was Du weeßt, dumme Trine!"

Dummer Bengel!"

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Mit einem plöblichen Rud setzte er den Korb nieder. ,, Da, kannst Der Deinen Dreck alleene tragen." Aber Mare!"

",, ich will nich, Du bist mer zu frech!" Aber Mare, Du has doch angefangen! Ich han ju gar nischt gefaot. Mare, faß doch an, die Jesebahn wart nich! Mare!"

Dummtroßig und breitbeinig stand er da, hatte ein Hölz­chen aus der Westentasche gezogen und stocherte sich damit in den Zähnen. Da siehste'sch, immer fujonieren-,. Der Alte fujoniert, die Alte fujoniert, un nu willst Du ooch noch kujonieren?! Ich bin froh, daß de fortmachst, Du Drache!" Er sab fie mißmutig an; dann spuďte er aus. Verfluchte Schinderei!,, nur feen Bauer!, ich will nich. Du has' s gutt, Du machst nach der Stadt."

,, Mare, so helf mer doch! Mare!" Sie legte sich aufs Bitten. Ich schick Der ooch was Scheenes." Wahrhaftig?" fragte er mißtrauisch.

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Wahrhaftig."

1909

Na, denn los!" Schnell versöhnt lachte er sie an, daß man seinen legten Zahn sah. Rascher eilten sie voran. Mines blühende Wangen wurden röter und röter, sie haftete sich in Angst wegen der Eisenbahn. May fluchte schon.

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Da Nädergeroll hinter ihnen. Sie sahen sich um, aus dem Nebelgewoge, in dem das Dorf verschwunden war, löste sich ein dunkler Gegenstand und kam rasch näher. Ein Pferdekopf schnaufte sie an, ein Stalb blöfte. Das war wohl der reiche Bauer Obst aus Nofitten, der ein Mastkalb nach Schwerin zu Markte fuhr.

rand.

,, Morjen." Bescheiden traten die zwei an den Graben.

Morjen."

Eine helle Mädchenstimme schrie: Ihr müß Euch scheene schleppen!" Ueberrascht blickte Mine auf ei, war das nicht Fidlers Berta, die Tochter von der Weisen Frau"?!

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Richtig, da tauchte ihr blonder Kopf hinten im Wägelchen neben dem Kalb auf! Sie hatte dem großäugigen, ängstlich dreinblickenden Tier den Arm um den Hals gelegt und lachte nun übermütig. Wir beide vertragen uns ganz gutt, was meenste, Schat? Muh!" Sie füßte das Kalb auf die Schnauze.

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Der Wagen hielt; der Bauer mußte sich ausschütten vor Lachen., is das eene! Hahahaha!" Die konnte einem den Weg verkürzen. Gut, daß er der erlaubt hatte, aufzu figen, als sie ihn in Golmüz anhielt.

,, Seid Ihr nich ooch aus Golmük, dem Barthel Heinze feine?" rief er wohlgelaunt die Geschwister an. Steigt mur ooch uf!"

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Nun hätte Mar füglich umkehren können, der Reise­forb stand ganz gut hinten im Wägelchen, die beiden Mädchen sezten sich darauf aber Schwerin ließ er sich nicht so leicht entgehen. Es war ihm ein Hochgenuß, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarre im Mund, über das holprige Pflaster des Städtchens zu schlendern. Wie ein Herr! Und so troch er eilends, der Schwester nach, hinauf und kauerte sich, wie ein Türke mit untergeschlagnen Beinen, zu Füßen der Mädchen nieder. Das ängstliche Kalb guckte ihm über die Schulter.

,, Machste nach Berlin ?" fragte Fidlers Berta Heinzes

Mine.

Ju ju. Und Du?" " Doch nach Berlin ."

sammenfun!" Mine vergaß ganz, daß ihr Fidlers Berta nie recht gefallen hatte, und daß sie bis dahin kaum mit der ge sprochen.

Ei, das trifft sich scheene! Da fönnen mer uns ju zu

Sie waren auch wenig in Berührung gekommen. Mine schaffte hart auf dem Feld; die Witwe Fidler hatte keinen Ader, die war mehr städtisch. So saß die blonde Berta am Fenster hinter den halb zurückgezogenen Gardinchen und häkelte Kanten; oder wenn's hoch fam, schlenderte sie in den fleinen Garten am Haus und wirtschaftete ein bißchen an dem schmalen Gemüsebeet herum. Meist aber waren der Salat und die Rüben von Unkraut überwuchert, und die Tochter, in einer zierlichen Schürze, stand an der Haustür und schwagte mit den Kunden der Mutter. Frau Fidler war viel begehrt und mehr auswärts auf den umliegenden Ortschaften als daheim.

Jest wo Mine so allein hinaus in die Fremde sollte, zu lauter Unbekannten, kam ihr die Berta wie eine Freundin bor. Sie preßte zutraulich deren Hand.

,,, wie mer das aber freit! Warum haste mersch denn nich ehnder gesaot, daß de ooch nach Berlin machst?!"

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Die andre lachte. Reenen Schimmer nich han ich vorher dabon gehatt! Es gefällt mer aber uf eenmal nich mehr ze Haus. Alles alleene flauen de Mutter is immer weg un wenn ſe zu Haus is, fippt se eenen; und dann schnarcht se entweder, oder se räfoniert. Das past mer noch lange nich. Un als se gestern so geschimpft hat, dacht ich: Na wart!" Heut nacht is se beim Bauer Neim zu Liebuch, der hat se gestern abend mit dem Wägelchen geholt; de Frau friegt's fechste. Da läßt se fich's immer wohl sein, da dauert's lange