Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 37.
86]
Dienstag, den 23 Februar.
( Nachdruck berboten.)
Das tägliche Brot.
Roman von C. Biebig.
Ueber das Gemurmel, das Gewisper, das Gesurr hinweg erhob sich durchdringend die Stimme des Redners.
Wo ist die erste Seele- wowo?! Bruder, Schwester, was ist dein Ziel, Himmel oder Hölle? Denk an die Ewigfeit! Nette deine Seele!" Bittend, drohend, beschwörend flang es:„ Nette, rette deine Seele!"
Eine hohe Mädchenstimme intonierte:
Weißer als Schnee, ja, weißer als Schnee!"
Und mächtig fiel der Chor ein:
O wasch mich im Blute jetzt weißer als Schnee!"
Wieder rief der Redner:
Der Teufel und die Heilsarmee haffen sich. Daß so viele Menschen die Heilsarmee verfolgen, kommt daher, weil fie in der Gewalt des Teufels find. Seht hier! Engel und Teufel und arme Seele!"
Auf dem Podium erschienen drei Gestalten. Mine er fannte die hübsche Blonde vom Eingang; die hatte jetzt ein weißes Tuch über den Kopf gehängt, und ihr Kleid wurde verhüllt durch ein großes weißes Lafen. Sie war der Engel.
Dem Engel gegenüber stand der Teufel, ein zottiges Fell um die Schultern, zwei Hörner an die Stirn gebunden. Und zwischen beiden ein junges Mädchen, halb Kind, halb Jungfrau: die arme Seele.
Mo führt der Weg?" sprach die Seele mit ängstlicher Stimme. Ich wohne im Dunklen, da ist niemand, der mir ihn weist!"
Ich weise Dir den Weg." Der Teufel verstellte die raube Stimme ganz fein. Komm her, liebe Seele, reich mir deine Hand, dann wandelst du auf Blumenpfaden und sehr bequem! Ich gebe Dir Schmuck und schöne Kleider, goldne Ketten und diamantene Ringe. Du sollst zu Bällen und Konzerten gehen, sollst singen und tanzen, Du bist den Augen angenehm, Du hast Freunde und Anbeter, Dein Haar kräufelt sich in Locken, Du hüpfest an der Freude Hand!"
Wer bist Du? O, sage mir, wer Du bist, Du lieber
Mann!"
Ich bin ein Fürst, ein Fürst gar mächtig. Mein find die Länder von Sonnenaufgang bis Niedergang. Mein ist die ganze Welt-" Glaube ihm nicht," fiel hastig der Engel ein, wohl ein ,,, wohl ist er ein Fürst, aber ein Fürst der Hölle. Arme Seele, leg nicht die goldnen Ketten und diamantnen Ringe an, sie find die Schlingen, die die Hölle nach Dir auswirft. Schmücke Dich nicht mit schönen Kleidern, sie sind Gewebe der Sünde! Kräufele nicht Dein Haar in Locken, sie sind Fallstricke, die die Arglist dir legt! Suche nicht Vergnügungen, sie sind Anstiftungen des Bösen! Höre nicht, was Freunde und Anbeter sagen, es ist der Teufel, der aus ihnen spricht! Er will Dein Verderben. Er reißt Dich in den Sumpf immer tiefer, tiefer, tiefer finkst Du ein. Schon ist Dein Herz versunken immer höher, höher steigt der Schlamm. Jezt geht er Dir bis zum Halsjekt füllt er Dir schon den Mund Du ächzst, Du gurgelst, Du erstickst und der Teufel ist schnell bei der Hand und nimmt Deine Seele und wirft fie in einen glühenden Ofen, die Flammen der Verdammnis umlodern Dich, Deine schönen Locken werden zu feurigen Schlangen, die Dein Haupt umzüngeln- o Du arme Seele
Ein gellender Schrei ließ Mine aufschreden. Grete hatte fich in die Höhe gebäumt, beide Hände vor sich streckend, schrie fie laut: Trude!" Dann brach sie zusammen, vornüber, mit der Stirn die vordere Bank streifend.
1909
Atemlose Spannung. Siebernde Anteilnahme. Endlich der Triumphgesang des Engels:
,, Gerettet, gerettet! Sommet her zu mir, hier ist das Heil! Tretet ein in die Heilsarmee - wo ist die erste Seele wo tvo-? 1"
-
" Halleluja, Halleluja!" Eine junge, gutgekleideta Frauensperson stürzte auf das Podium.
Ich war eine arge Sünderin," rief sie und fiel auf die Knie. Ich puzte mich, ich ging zu Tanz. Halleluja, jett bin ich gerettet! wie ist es schön, gerettet zu sein, gerettet, gerettet!"
Sind noch mehr Seelen da?! Reine Seelen mehr?!" Die Offiziere verteilten sich im Saal und durchforschten die Reihen.
,, Keine Seele mehr? Nette, rette deine Seele!" Und noch andere stürzten auf das Podium, Männer, Frauen, in buntem Durcheinander; und alle bekannten sie ihre Sündhaftigkeit und priesen das Glück, gerettet zu sein.
mächtigt." Halleluja, Halleluja!" tönte es von allen Ecken Ein berzückter Jubel hatte sich aller Teilnehmer be. und Enden. Das Klavier dröhnte unter harten Afforden, los schmetterte der Gesang, aus hundert Kehlen wie aus einer ,, leber mir, über mir, ja es rauschet, In die tiefe Flut ich getauchet Ueber mir, über mir. ja es rauschet: Waschend weiß wie Schnee!"
Kehle:
ein ungeheurer Druck herab- ha, die entsegliche Luft hier! Fiel die Decke nieder? Es war Mine, als sente fich Berdukt sah sie sich um: waren die denn alle verrückt? Wie wäre sie nicht so traurig gewesen, sie hätte gelacht. fonnte sie nur jemals hier eine Zuflucht finden wollen?
Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich nun auf Grete. So leicht auch deren dürftiger Körper war, es foftete doch Mines ganze Kraft, fie in ihrer tiefen Ohnmacht bis zum Ausgang zu bringen. Draußen schlug Grete bald die Augen auf.
Mine saß auf einem Balfen und hielt ihren Kopf im
Schoß.
,, Grete, was haste denn nur?! Wie is der jet?" ,, Mich is oft so elend," flüsterte das Mädchen. Un denn hatt ich auch Hunger, un denn dacht ich an--" Sie sprach nicht weiter, ein Schauer überlief fie. awischen den Bretterwänden. Nur einen begrenzten Aus Arm in Arm schlichen beide durch das dunkle Gäßchen schnitt des Simmels fonnten sie sehen, mit mattflammenden Sternen daran.
18. Kapitel.
Mine hatte keine Hoffnung mehr. Es war der lette Abend vor ihrem Dienstaustritt. Sie saß in der Küche, den Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in die Hand gestigt.
Herr und Frau Biek waren zu Hause; drinnen im Bimmer erflang lustiges Gelächter, lustiger als das Trillern des Kanarienvogels. Es waren doch gute Leute! Vorhin war Herr Biek draußen gewesen und hatte ihr schon den letzten Rohn ausgezahlt; morgen, wenn er von der Bank fam, sah er sie vielleicht nicht mehr, das neue Mädchen sollte schon mit dem Frühesten aufziehn. Er hatte ihr noch fünf Mark über den Lohn auf den Küchentisch gelegt und gesagt:„ Sie sind immer sehr aufmerksam gegen meine Frau gewefen. Sie hätten jahrelang bei uns bleiben können schade!"
-
Da hatte sie meinen müssen, weinen ohne Unterlaß. debt hatte sie feine Tränen mehr; alle ausgeweint. Morgen um diese Zeit stand sie längst auf der Straße- ja, auf der Straße. Wenn es nur gutes Wetter war, daß ihr der Korb nicht verregnete! Sie wußte ja nicht einmal, wo sie den unterstellen sollte. Bei Artur?! Ach, der konnte sein Zimmer nicht beibehalten, wenn er feine Stelle mehr hatte. Mine bemühte fich angstvoll um fie. Sie hielt sie im Bei Reschkes?! Sie hielt sie im Bei Reschkes?! Die hatten sie jo herausgejagt. Bei Arm; alle Glieder Gretes zuckten im Krampf, knirschend biß Berta? Halt, das war noch ein Gedankel Die war von sie die Zähne aufeinander und verdrehte die Augen. zu Hause, die ließ die Kameradin nicht im Stich. Wenn sie fich noch heute abend aufmachte und die fragte?
Hilfesuchend sab sich Mine um. Aber niemand nahm Notiz von ihnen, aller Aufmerksamkeit war auf das Podium gerichtet, wo Engel und Teufel die arme Seele hin- und herzerrten.
Schwerfällig erhob sie sich und pochte an der Stubentür: sie würden ja nichts dawider haben, wenn sie ausging, aber fagen wollte sie's doch wenigstens. Drinnen ein Geplauder,