Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 47.
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Dienstag, den 9. März.
1909
Ja, ja," sagte sie. Stiefel fonnte sie doch nicht anziehn, ( Nachbruck yerboten.) die Füße waren ihr so geschwollen, daß sie immer in Latschen
laufen mußte.
Aber traurig war's ihr doch, als sie um fünf Uhr, wo sie sonst auszurücken pflegte, noch unangezogen in der Küche saß, Irmachen auf dem Schoß. Die anderen Kinder, die der Vater Gedanken kamen und quälten sie, die sie sonst noch nie- aus der Stube verwiesen, machten mit Blechdeckeln, die sie bon mals gequält hatten; Gedanken an ihre fleine Frida. Ob die den Borden genommen, einen furchtbaren Lärm um sie her. jezt schlief? Oder ob die jezt weinte? Mathilde würde doch Heut hatte sie wieder mehr Zeit, heut mußte sie so sehr gut gegen fie fein? Ja, gut war die schon, aber ob die auch an Fridchen denken. Ein Glück, daß Mathilde nicht geschrieben aufpaßte? Und mit einem Male erschien ihr Mathilde so hatte wie hätte sie wohl abkommen sollen?! Jezt würden Sonderbar, und alles, was ihr bei ihrem Dortſein nicht auf die in der Colonnenstraße auf sie warten. Hoffentlich vergefallen war, fiel ihr jetzt auf. Die war doch zu zerstreut. gaß Mathilde, wenn sie auch nicht kam, doch die Kuchenschnecke Und wenn die nun so den ganzen Vormittag auf ihre Auf- für Fridchen nicht! Mine fah im Geist, wie die kleinen weißen wartstelle ging und Fridchen einschloß?! Der Angstschweiß Spißchen, die sich Zähne nannten, an der Schnecke nagten. brach Mine aus, sie saß wie erstarrt. ,, Ach, Fridchen, Fridchen!" Nein, so dicke Bäckchen hatte Irma doch lange nicht! Und Irma quäfte unwillig auf, sie wollte weiter gefahren fie preßte einen Auß auf Irmas Wange und dachte dabei an werden. das kleine blonde Mädchen in der Colonnenstraße. Sie hörte Si- fi- schlaf, schlaf!" Unausgesetzt schob Mine wieder das Lärmen der anderen Kinder gar nicht; sie war weit weg. den Wagen, immer auf und nieder, immer hin und her, bis Da klopfte es an der Hintertür. Wahrscheinlich wieder das Morgengrauen sich durch die Spalten der Jalousie stahl. das Mädchen von der Herrschaft vorne parterre, die sich, wie Es fröstelte fie, obgleich sie sich einen Unterrock über- neulich, den Radau in der Jartenwohnung verbitten ließ. geworfen hatte, und die Luft in dem- engen Stübchen neben Pst, seid stille," drohte Mine, und dann öffnete fie. der Küche sehr drückend war. Alle möglichen Stellungen ber- Ein langes Mädel, im ausgewachsnen Rock, stand auf der suchte sie, der Rücken war ihr ganz steif, das eine Bein auch, Schwelle. Gott im Himmel! Mine starrte, als fähe sie ein die Füße waren ihr eingeschlafen, die Arme eiskalt. Da nahm Gespenst. sie das Kind aus dem Wagen und kroch, es im Arme haltend, in ihr Bett. Weich bettete sie es an ihre Brust.
Und da war es endlich zufrieden. Tappte mit den kleinen Händen an ihr herum, recte die Beinchen, schmiegte sich wohlig an, stieß einen glucksenden Laut des Behagens aus und wurde dann ganz still.
Mine fühlte ein warmes Wohlgefühl durch ihre Glieder rinnen; die Angst, die sie die ganze Nacht gequält, wich. Fest drückte sie das schlafende Kind an sich und beugte sich ganz darüber in selbstvergessender Hingabe. Sie hielt ja ihre kleine Frida im Arm.
So fam auch ihr noch der Schlummer für eine kurze Stunde.
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Hatte es schon immer bei Müldners Arbeit gegeben, jekt gab es noch viel mehr zu tun. Die Kinder wurden frant, eins nach dem anderen an Windpocken . Schlimm war das weiter micht, sie saßen in ihren Betten und spielten, aber sie waren weinerlich und verlangten ihre Abwartung. Und die Enge der Wohnung erschwerte alles.
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Grete?! Grete Reschke!?" Sie fragte es zweifelnd; es war ja so lange her, daß sie Grete nicht gesehen, und die hier war so hochgeschossen!
Schüchtern blieb Grete draußen stehen.
,, Ne, Grete, wo kommste her?! So komm doch rin, Grete, de darfst. Ne, wie ich mer freue! Ich hab der ja so lange nich jesehn, Gretel Nach dir hab ich wohl mal verlangert. Wie haste mer denn nur gefunden, Grete?"
„ Er is wieder da," hauchte Grete faum verständlich, in zitternder Begier, der andern ein Glück zu verkünden. Sie war aufgeregt, ihre Sprache dadurch noch undeutlicher; ihre Rippen zudten, ihr Atem ging rasch.
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Was sagste? Wer is da? Wer denn?" A- tur!"
" Ach so." Mines plötzliche Neugier war schon gestillt. Der-? 1" Na ja, dann war's ja gut.
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Enttäuscht fah Grete die Cousine an, fie hatte gehofft, der eine große Freude zu bereiten. Darum hatte sie fich nach mittags der Versammlung der Heilsarmee entzogen?! Darum war sie atemlos nach der Colonnenstraße gelaufen; dort sollte, nach Bertas Erzählung, Mine bei der Mathilde wohnen oder Mine fam faum ein paar Stunden aus den Kleidern, doch gewohnt haben, denn ach leider war's schon lange her! denn abends spät erst war es ihr möglich, ihre Küche zu Die Drohung der Mutter:" Wenn de zu den Frauenzimmer reinigen und das Geschirr abzuwaschen. Morgens in aller febit, schlage it Dir alle Knochen in' Leibe faputt," hätte sie Frühe mußte sie schon wieder heraus, um den ungeduldigen nicht zurückgehalten, Mine aufzusuchen; wohl aber die Scham, Patienten das Frühstück zu bringen und die verwühlten Betten eine grenzenlofe Scham, die ihr das Blut in die Wangen trieb, Frau Müldner tat ihr möglichstes; aber sie war so wenn sie an ihre Mutter dachte. Was würde Mine über die schwach, die Kinder tyrannisierten sie in unerhörter Weise, Nein. Ach nein! Grete war alt genug, fie war auch flug genug, sagen?! Schimpfen, ja. Und sie, konnte sie dem widersprechen? wenr Mine nicht dazwischen fuhr. die Mutter hätte gar nicht so laut zu schreien brauchen, daß es
zu machen.
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Sehen Se fich man stille im Salong, Frau Müldner, den ganzen Keller durchschallte, fie wußte doch alles. Und so war Sons" werden se ooch noch trant.- Wollt hr wohl stille sie nicht zu Mine gegangen; sie hatte sich geschämt. Aber heute sein?!" Mine donnerte mit der Fauft gegen die Tür, hinter schämte sie sich nicht, heute konnte sie ihr Freude bringen- der die Kinder lärmten. Ich wer' Euch!" Und dann nahm fie ihre Frau beim Aermel und schob sie in das blaue Heiligtum. Da gehn Se man rin!"
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Sie arbeitete fich ehrlich ab; gewandt war sie nun einmal nicht es ging ihr noch immer ein bißchen langsam von der Hand. Todmüde sant sie spät in ihr Bett, die Lider fielen ihr sofort zu; und wenn dann auch Irma unruhig strampelte und schrie, und sie den Wagen hin- und herfahren oder das Kind im Arm wiegen mußte, sie tat's mit geschlossenen Augen im Halbschlaf. Denken konnte sie gar nicht. Sie wußte ja auch, Fridchen war wohl, sonst hätte Mathilde geschrieben.
Artur war wieder dal
Zu ihrer Enttäuschung traf sie in der Colonnenstraße nur Mathilde an, und zwar in Hut und Schal, fein in schwarzer Seide, zum Ausgang gerüstet; gerade verschloß fie ihre Stubentür. Grete erfuhr, Mine wohne nicht mehr hier, sondern Eisenacher Straße bei einem, namens Müldner; die Nummer wußte Mathilde nicht.
Da war nun Grete von Haus zu Haus gelaufen und hatte mit verlegnem Gelispel und heißem Erröten nach einem, namens Müldner" gefragt. Endlich hatte sie gefunden; und nun freute sich Mine nicht einmal!
So bergingen vierzehn Tage, Mines Sonntag war getommen. Aber wenn die Kinder auch wieder so weit gesund ,, Ne, wie groß de geworden bist" sagte Mine und zog waren, Frau Müldner hatte sich jetzt gelegt an völliger Er- fie in die Küche. Da set der! Nu erzähl, wie de mer geSchöpfung. Herr Müldner mit seinem Sorgengesicht fam in funden has!"
die Küche.„ Mine, es tut mir leid, Sie können heute nicht Grete sagte, daß Mathilde, die sie im Moment des Ausweg. Na, da werden Sie ein andermal zum Bergnügen gehn!" I gebens angetroffen, ihr die Adresse genannt