Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 58.
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Mittwoch, den 24. März.
( Nachdruck verboten.)
Um dreiviertel zwei war die Trauung. Frau Reschke hatte auf einer kirchlichen bestanden; alle feinen Leute machten es so: erst standesamtlich, dann kirchlich. Und dann auch nicht eine Trauung in der Schummerstunde mit Gott weiß was für Volk zusammen, nein, eine für sich ganz allein, am hellichten Mittag; über die paar Mart, die das kostete, kam man wohl auch noch weg. Und das mußte man ja auch rechnen, daß Fridchens Laufe, bei der allgemeinen Taufe um zwei Uhr, gar nichts kostete. Das Kind konnte schon im Rummel mit abgemacht werden," da kams nicht darauf an; und bequem war es, auf die Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, das lästige zweimal in die Kirche Laufen fiel so
weg.
Bald nach eins schon kam die Brautkutsche; Mutter Reschke hatte sie für ihren Artur bestellt. Sämtliche Kinder der Nachbarschaft und auch viele Erwachsene umlagerten das Tor und gafften neugierig, wie das Brautpaar im Fond, Bertha mit Fridchen auf dem Rücksitz Platz nahmen.
Während sie nach der Lutherkirche rollten, sprach Mine kein Wort, auch Artur nicht. Sie sah unentwegt in ihren Schoß; er blickte zum Fenster hinaus und rückte an dem vom Bater entlehnten Zylinder.
An der Kirche wurden sie von ihren Angehörigen erwartet; Vater Reschke, der zur Vorfeier ein paar Weiße mehr getrunken, war sehr vergnügt, Mutter Reschke dagegen sehr erregt. Ihre Lippen zitterten, als sie die Schwiegertochter von Kopf bis zu Füßen maß wahrhaftig, sie hätte dem Artur' ne andere gegönnt! Daß der arme Junge so reinfallen mußte! Sie nahm sofort Berthas Arm und ging mit der auf die Seite.
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anstrebenden Pfeilern. Durch farbige Fenster fiel gedämpftes Licht. Vor ihre Augen legte sich's wie ein Schleier, undeutlich nur sah sie den bunten Mosaikboden, auf den ihre Füße traten.
Unsicher trat sie zum Altar. Der Geistliche sprach rasch, sie verstand nichts, war er sagte. Ganz fern drang das Brausen der Straße in die kirchliche Stille. Brausen der Straße in die kirchliche Stille.
Nichts Altvertrautes war um sie, nichts Liebbekanntes, alles neu, fremd-- alles, alles! Und fremd war auch der Mann an ihrer Seite, ganz fremd! Sie selbst ein losgelöstes Blatt, abgerissen von dem Baum, an dem es bisher gehangen. Mine fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog; heiß stiegen Tränen in ihre Augen- da- ein gelallter Laut in der fremden beängstigenden Weite! Fridchens dünnes, schwaches
Stimmchen!
Nein, nicht weinen! Ein Aufleuchten kam in ihren Blick. Sie neigte sich näher gegen die jugendliche Gestalt an ihrer Seite er war doch der Vater ihres Kindes!
Als der Geistliche ihre Hände zusammenfügte, drückte Mine die Hand ihres Mannes mit aller Kraft.
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Fridchen hatte sich brab gehalten, wenn sie auch in den Schluß der Traurede hinein, laut und deutlich, gesagt hatte: Mama!" Bei dem Taufaft schrie sie nicht, wie die anderen unvernünftigen Kinder; aufrecht hatte sie auf Mines Arm gesessen und aus großen, erstaunten Augen bald auf den Geistlichen, bald auf Kranz und Schleier der Mutter geblidt. Jetzt saß sie mit am hochzeitlichen Tisch und mampfte an einem großen Stück Kuchen, das sie krampfhaft mit beiden Sändchen hielt.
Noch war die Stimmung eine ernsthafte. Mau," wie Frau Reschke ihrem Tischherrn Bartuschewski zuflüsterte. Sie selbst hatte rote Augen; im Laufe des letzten Jahres war sie biel weicher geworden-„ nerfees," wie sie es nannte in der Kirche hatte sie unaufhörlich Tränen vergossen, die Frau Bartuschewski war in der Wohnung des jungen von ihren Wangen auf den hohen Busen des schwarzseidenen Baares zurückgeblieben, um den Kaffee zu kochen; Grete be- Staatskleides niedertropften. Auf dem Weg von der Kirche goß zu Hause im Keller den Schweinebraten. Herr Bartu- war sie in Wehmut zerflossen. Wenn it so denke," sagte sie schewski hielt Artur am Rockknopf und fragte ihn besorgt, ob das Bier auch reichen würde. Elli hatte sich von der Mutter zu ihrem Gatten, an dessen Arm sie schwer hing,„ nu hat der Atur schonst wat Kleenet, Jotte doch, wie de Zeit verjeht! Hand losgemacht und ließ ihre blaue Schärpe und ihr weißes Wer weeß, wie bald daß man abschieben tut! Reschke, Dir Kleidchen, in dem sie erbärmlich fror, von einem Rudel Gassen- fehlt man nich mehr ville an die Sechzig! Jott, if fage ja!" finder bewundern. Erst als sie, im Vorübergehen, rasch in ihren Keller hineingeschaut und gefunden, daß Grete den Schweinebraten nicht genügend begossen hatte, verflüchtigte sich ihre Sentimentalität etwas.
So stand Mine ganz allein.
Ihre Augen irrten über den weiten Platz mit den blütenleeren Büschen und den kahlen Bäumen; der Herbstwind spielte mit einem letzten braunen Blatt und fegte es wirbelnd in die Gosse.
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Mines Blid suchte Fridchen ach, wenn sie die doch wenigstens auf dem Arm hätte halten dürfen!
Sie war froh, als der Küster ihnen die Sakristei auf schloß. Mit ihnen zugleich traten eine Menge Frauen und Männer ein, fleine vermummte und verhängte Bündel tragend, die sich, nachdem innen die Schleier gelüftet, als die der Taufe um zwei gewärtigen Zäuflinge entpuppten. Mines gefenkter Blid hob sich unwillkürlich-war wohl ein einziges jener Kinder so hübsch und lieb, wie Fridchen?! Sie verglich im stillen und vergaß sich so ganz dabei, daß sie zusammenschreckte, als der Küster sie am Aermel zupfte. Mit einer würdevollen Handbewegung wies er auf die Pforte, die aus der Sakristei in den Innenraum führte.
Artur bot ihr den Arm; sie stolperte über ihr Kleid, irgendwo verfing sich ihr Schleier, ihr Herz pochte rasch und setzte dann wieder den Schlag aus; sie genierte sich so.
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Mine war sehr stumm. Sie hatte gleich beim Nachhause. fommen Kranz und Schleier ablegen wollen, aber Berta war ihr in den Arm gefallen, und auch die Schwiegermutter hatte energisch protestiert: Bei Leibe nich runternehmen! Haste denn jar feene Bietät? Wenn ik bedenke, wat war det for en Momang, als Reschke mich den Kranz aus'n Haar löste!"
Es half Mine nichts, fie mußte im Brautschmuck bleiben, nur den langen Schleier, der überall hängen blieb, durfte sie mit ein paar großen Nadeln aufstecken. Die ungewohnte Frisur machte ihr Kopfschmerzen, der schwere Kranz drückte, die vielen Nadeln ziepten; sie hielt den Kopf ganz steif.
Berta machte sich nüßlich. Der Kaffee, den Frau Bartus schewski gefocht, war sofort ausgetrunken worden; die vier Kleinen Bartuschewskis, die sich, wenn auch ungebeten, wie selbstverständlich eingefunden, hatten ihm wader zugesprochen. Da schlug Berta ihr schönes Kleid in die Höhe, daß man ihren gestickten Unterrock, ihre zierlichen Knöchel und blanken Schuhchen bewundern konnte. nahm die Kaffeemühle zwischen die Knie und mahlte geschwind zu einem neuen Aufguß.
Von der Höhe dieser Wölbung war sie ganz überwältigt; das war etwas andres, als die kleine Dorfkirche daheim! Sie Die Männer rissen die Augen auf; selbst der alte Reschke fühlte sich erschreckt, bedrückt, gedemütigt unter diesen himmel- schmunzelte. Bartuschewski wischte sich den Mund und rief