Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 70.
Freitag, den 9. April.
1909
( Nachdruck verboten.).
69]
Das tägliche Brot.
Haben Se ihr jesehn?!"
,, Ne, Reschken, so'n Unjlück, so'n Unjlück!"
,, Det liebe Mädel, det allerliebste Mädel!"
"
Sagen Se bloß, wie konnte det so rasch kommen?!" Jotte doch, Jotte doch!"
Allgemeines Seufzen und Händezusammenschlagen. Die Mutter, die neben dem Gardinenbett gesessen hatte
Sie weinte immerfort, aber als sie die vielen Besucher sah, glitt doch ein Schimmer des Lächelns, mit dem sie Käufer zu begrüßen pflegte, über ihr verquollenes Gesicht.
Ob if ihr jefehn habe," sagte Frau Bürenstein und kam den Eintretenden mit wankenden Schritten entgegen. wischte sich mit dem Taschentuch über das feiste Gesicht." Uihr Gesicht war aufgedunsen, die Augen nur noch Schlitzchen. je, die Size! It stehe doch mit die Reschken sozusagen uf" du un du". Un ihr habe it ufwachsen sehen. Ne, det arme Mädel, in de scheensten Jahre! Wer det jedacht hätte! Jestern abend saß se noch hier!" Sie zeigte auf die oberste Stufe der Treppe, und alle wichen zurück und betrachteten interessiert das Plätzchen.
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Hier war et. Da saß se noch jestern abend und schnappte en bißken Luft. Ne, det sollte mich eener jesagt haben!" Elend genug sah se aus," rief ein hübsches rosiges Dienstmädchen, wahrhaftig!" Sie schlug mit der Hand an Sen blendend weißen Schürzenlab, der sich über ihren Busen spannte. Haut un Knochen, man konnte bange vor ihr werden!"
Ich mochte ihr ganz jerne," sagte irgend jemand. " Ich auch!"
sch auch!"
Bei uns fam se öfter!'
Oh, bei uns alle Tage!"
Mir hatte se besonders jerne," sagte die Bürenstein und mischte wieder mit dem Taschentuch. Se war ja man en bißten maulfaul, aber mir machte se immer en Knir:„ Tag, Frau Bürenstein!" So'n jutet Mächenne, if sage schon!"
Ich bin bloß neugierig," flüsterte die blasse, berhungerte Frau des Sargtischlers aus der Kirchbachstraße einer neben ihr Stehenden zu ,,, ob se bei meinen Mann den Sarg nehmen, oder ob se ihn den Verdienst vertragen nach eens von die iroßen Majazine. Billiger kriegen se da ooch nischt; aber in'n Stande wären se dazu."
„ Ne, wie strafenden Fleich an Na, Sie haben't ja ooch nich nötig," sagte giftig die Tischlerfrau,„ Sie sehn schon, wo Se bleiben!"
Die Bürenstein hatte das Geflüster gehört. Sie ooch sind, so happig," sagte sie mit einem Blid. Die armen Leute, se is ja man kaum falt! so wat zu denken!"
Nanu?!" Die große Dicke stemmte die Arme unter und sah auf die kleine Magre herab. Wollen Se Krach machen?!" Ein Bank schien unausbleiblich, aber die Neugier war mächtiger. Eins der Mädchen hatte es nicht mehr aushalten fönnen und war in den Keller hinabgelaufen; nun drängten die anderen nach. Nur ja nicht einer den Vorrang lassen!
Auch Frau Bürenstein fehrte noch einmal um. Das hastete und schob und quetschte sich die enge Treppe hinunter; jeder Fuß betrat die verräterische Stufe, und die verborgene Klingel lärmte und schrillte und keifte.
Berta war den anderen nachgeschlichen. Wenn auch die Reschke böse mit ihr war, und sie selbst geschworen hatte, den Seller nicht mehr zu betreten heute, jetzt, das war eine Ausnahme! Ihr Züngelchen ledte rasch über die röter gewordenen Lippen.
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Unten waren ein paar Körbe umgestoßen worden. Der halbdunkle Laden war gedrängt voll Menschen. Jetzt hüpfte auch noch Elli nach, hastig zwängte sie sich durch die nur angelehnte Tür der Wohnstube; sie wollte doch auch dabei sein. Innen erklang Frau Reschkes lautes Heulen. Außen die Teilnahmsvollen stießen sich an.
,, Se soll sich man nich so haben," flüsterte die Bürenstein. ,, Solange se lebte, konnte se ihr nich jut besehn. Nanu na, na, man sachte!"
Frau Neschke schien sich einem neuen Gefühlsausbruch hingegeben zu haben, man hörte Mines Stimme, die ihr beruhigend zusprach.
Wo is denn der Olle?" fragte neugierig eins der Dienstmädchen. Von dem hört man ja gar nischt!"
Ja, wo mochte Vater Reschke sein? Wie der's wohl nahm? Nun war fein Halten mehr, die vordersten klopften an, die hintersten drängten nach; kaum das Herein" abwartend, traten sie ein, eine ganze Prozession, mit den Mienen tiefster Bekümmernis.
Man drückte ihr die Hände, man umringte sie und warf dabei forschende Blicke nach dem Gardinenbett. Da hatten sie sie hingelegt.
„ St, st!" Die Neugierigen schlichen auf den Zehenspitzen näher.
Der abgezehrte Körper Gretes zeichnete sich unter dem Leintuch ab, das man über ihn gebreitet. Das Höpfchen wat zur Seite gesunken, die Wimpern der geschlossenen Lider ruhten auf den bleichen Wangen, wie im sanften Schlummer So haben wir ihr heute morjen in de Küche jefunden," schluchzte die Mutter. Es muß ihr über Nacht überkommen haben; se war schonst kalt. Ik schickte Reschken noch rasch bei'n Dokter- allens umsonst! Frete, Irete, det's de uns coch det antun konntst! Reenen Ton nich- jar nischt nich mehr Frete, rete!"
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Laut schreiend, warf sie sich über die Leiche.
Der Alte, der in der Sofaede saß, rührte sich nicht. ,, Mutter," sagte er, Amalchen," und versuchte, aufzu stehen. Aber die Füße versagten ihm den Dienst; er mußte sich auf die Schwiegertochter stüßen, die ihn zum Bett leitete Auf Mines Gesicht lag ein tiefer Ernst; sie hatte nicht geweint. Als sie jetzt Berta erblickte, nickte sie ihr traurig zu. Ein zweiter Blick streifte dann Fridchen, die auf dem Fußbänkchen saß und einen mit bunten Feßen umwickelten Stiefel knecht als Puppe im Arm wiegte. Rasch nahm Mine ihr Kind vom Boden auf und drückte es an die Brust. For Grete is es so besser," flüsterte sie und schaute nachdenklich, mitleidsvoll auf die Tote.
rete, Frete," schrie die Reschke und warf sich mit ihrem schweren Gewicht von neuem über das Bett.
Sie ließ sich nicht halten von den Armen der teilnehmenden Frauen, sie gebärdete sich wie eine Nasende.
Alle waren tief ergriffen von solchem Schmerz; die Taschentücher wurden gezogen, man hörte weinen und schluchzen.
,, Bande," schrie plöglich Lorchen, der Papagei, der auf seiner Stange vergessen im Winkel hockte. Und dann noch einmal, so gellend, daß die Trauernden zusammenschreckten: Bande!" Das abscheuliche Tier! Mine warf rasch ein Tuch über den Käfig.
"
Der alte Reschke stand ganz still mit ineinandergeschlungenen Händen, mit gekrümmtem Rücken, neben seiner Frau; er hatte sich herangeschleppt, um sie zu trösten, nun wußte er nicht, was er sagen sollte. Verlegen blickte er auf sie, verlegen blickte er in die Runde.
Sie hatten sich alle dicht herangedrängt.
Elli schlüpfte zwischen den Eltern durch und stand nun nächst dem Bett. Sie war sehr blaß geworden und zitterte beim Anblick des wachsbleichen Gesichtes und riß doch die Augen überweit auf.
Bringt man Ellin weg," flüsterte irgend jemand. Frau Reschke hatte es gehört.„ Ne, ne," schrie sie auf, ,, meine eenzigte Dochter!" Riß die Kleine an sich, die sich wie ein flatterndes Vögelchen in dieser Umschlingung sträubte und küßte sie ab.
Meine eenzigte Dochter! Meine Kleene Elli! Meir eenzigtet Flück!"
,, Reschken, regen Se sich doch nich so uf," sagte die Büren. stein. Kommen Se, stehn Se man uft"
Viele hilfsbereite Arme zogen die verzweifelte Mutter in die Höhe. Den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, Elli fest an der Hand haltend, wankte die Reschke durch die Stube.
So, so. Kommen Se zu sich," redete die Bürenstein au