Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 73.
72]
Freitag, den 16 April.
( Nachdruck verboten.)
Fridchen, die erst mit verwunderten Augen umhergestarrt, fing jetzt fläglich an zu weinen; sie fürchtete sich vor der wüsten Stube, fürchtete sich auch vor der Mutter und klammerte sich, von ihr zurückweichend, an den Rock der Bartuschewski.
1909
jekt sprachen fie fein Wort. Ohne„ Gutenmorgen" standen sie auf, ohne Adieu" gingen fie fort, ohne ,, Gutenabend" famen sie wieder. Das ging so ein paar Tage.
Heut war Sonnabend, Wochenschluß, das letzte Mal, daß Artur in die Druckerei ging.
Am Abend war er längst zu Hause, als Mine wiederkam. Als sie eintrat, faß er am offenen Fenster, den Ellbogen aufgestützt, und starrte in den nächtlichen Himmel.
Heute hielten die Wolken den Mond versteckt, es war
Eine stumme Viertelstunde verstrich; noch immer saß fie beim Defchen.
Das brachte Mine wieder zu sich. Sich die noch unge- regenfeucht und dunkel. Sie tappte hin und her, nur ein schwacher Schimmer ließ glätteten Haare aus dem Gesicht streichend, erhob sie sich mit einem tiefen Seufzer. Es half doch alles nichts, das war sie das nötige finden. Was er noch nie getan, Artur hatte nun mal so. Sie machte sich ans Aufräumen. Die Bar- Feuer gemacht und ihr einen Staffee gefocht. Sie dankte nicht tuschewski war so freundlich und nahm ihr die Scherben mit dafür, aber sie goß sich eine Taffe voll ein, und er hörte sie mit nach unten ihr schönes Porzellan eigenhändig in den Müll- Behagen schlucken und schlürfen. fasten werfen, nein, das konnte sie nicht, das brach ihr das Herz. Die Sonne lachte so freundlich, so heiter wie nur ie, als auf den Schoß genommen; erst war fie schen zurückgewichen, Fridchen war noch nicht zu Bett gebracht, Artur hatte sie Mine kehrte und wischte und ordnete. Der große Petroleum- als der Vater sie an sich gezogen, dann hatte sie sich locker fleck beim Tisch war so leicht nicht herauszubringen, trotz allen lassen. Nun schlief sie, das Köpfchen an seine Bruft gedrückt, Scheuerns; schwerer noch die eingetrockneten Blutstropfen. Mine mußte sie erst mit dem Daumennagel von der Diele und er legte feine Wange auf ihr weiches Haar. Das Schlürfen hatte aufgehört. ,, Hat's jeschmeckt?" fragte er unsicher.
traßen.
In ein paar Stunden war alles blank; sie hatte gleich die Gelegenheit benußt und Groß- Reinemachen gehalten, die Wände abgestaubt, das Fenster geputzt. Nun sah sie sich um: alles wieder so, als sei nichts geschehen, und doch ihr Blid traf den leeren Küchenrahmen, und ihr Gesicht, das sich während der Arbeit ein wenig erhellt hatte, wurde sehr finster.
-
Als es Mittag geworden, entschloß sie sich doch noch, waschen zu gehen. Bielleicht, daß ihr die Dame nicht böse tar, wenn sie wenigstens den halben Tag kam; schaffen würde fie's ja schon noch, wenn sie sich mit doppeltem Eifer daran machte. Denn verlieren durfte sie jetzt feine Stelle, gar feine! Verstörten Blids starrte sie den leeren Küchenrahmen an, und dann das für Fridchen zu kleine Körbchen- was würden da alles für Ausgaben fommen?! Der Angstschweiß brach ihr aus. Sie nahm Fridchen an die Hand und stieg mit schwerem, müdem Schritt die Treppen hinunter.
Als Artur gegen Mitternacht nach Hause kam, die Hände in den Hosentaschen, anscheinend sorglos pfeifend, war Mine noch auf. Er hatte gehofft, fie schon schlafend zu finden. Aber es war sehr spät geworden, bis sie die Wäsche fertig gebracht; nun entkleidete sie eben erst das schlaftrunkene Fridchen.
Sie rührte sich nicht bei seinem Eintritt, sondern blieb beim Körbchen hocken und drehte ihm so den Rücken.
-
Keine Antwort. Wieder stumme Minuten.
Jezt näherte sich ihr schwerer Tritt dem Fenster. Sie wollte ihm das Kind vom Schoß nehmen, er hielt es fest. ,, Gib her," sagte sie hart.
.Ne."
Sie zog sich wieder zurück, sekte sich an den Tisch, ließ die Arme schlapp herunterfallen und beugte sich vornüber. Ob sie schlief? Man konnte keinen Atemzug hören. Eine beklemmende Stille war im Zimmer. Jept regte sich Fridchen auf seinem Schoß und seufzte; fie lag wohl unbequem?! Behutsam stand er auf und trug sie zum Körbchen. Es war das erste Mal, daß er sein Kind zu Bett brachte. Er fühlte das weiche Körperchen unter seinen Händen, streichelte das weiche Hälschen, die weichen Beinchen und dachte bei sich, daß es ganz was Nettes darum sei und wohl zu begreifen, warum die Weiber so an den Kindern bingen. Für Männer freilich na, wenn's ein Junge war, ein Stammhalter, da ließ man sich's auch schon gefallen!
-
-
Seinen, über das Körbchen gebeugten Rücken aufrichtend, drehte er sich um und schaute zum Tisch hinüber. Er konnte Mine nicht deutlich sehen, es war dunkel. Mit vorgestreckter Hand ging er auf sie zu, da traf er ihre Wange.
Mine," sagte er leise, biste mer böse?" und faßte wieder zu.
Sie stieß ihn von sich, und dann, als wenn sie auf diese Frage nur gewartet hätte, richtete sie sich aus ihrer zusammen. gesunkenen Haltung auf.
Nur der Mond gab Beleuchtung. Sie hatten ja fein Lämpchen mehr. Es durchzuckte Artur, und dann sah er den Leeren Küchenrahmen. Verflucht! Er fuhr sich mit der Hand über die notdürftig verbundene Stirnau der Schmiß schmerzte noch ganz empfindlich! Ueberhaupt war ihm ganz is. erbärmlich zu Mut, und wenn er pfiff, so tat er's wahrhaftig nicht zum Vergnügen. Sie dachte gewiß, er wäre wieder im Wirtshaus gewesen profit Mahlzeit, dazu hatte er fein Geld mehr und auch keine Lust. Die ganz Beit nach Feierabend hatte er bei den Alten im Keller gehockt.
-
Die Mutter, die einen Bank mit Mine witterte, hatte ihn fajoliert, ihm, was fie Gutes besaß, aufgetragen und war dabei weidlich über die Schwiegertochter hergefallen. Er hatte zugehört, ohne Gegenrede, in stummem Trop. Aber als der Vater aus seiner Stumpfheit aufführ:" De Mine is jut", hatte er auch nicht widersprochen.
Nein, schlecht war sie auch nicht! Er sah nach ihr hin, während er sich entkleidete, und pfiff lauter. Sie rührte fich noch immer nicht, sie stand auch nicht auf, obgleich Fridchen längst eingeschlafen war.
Na, denn nicht! Seine niedergeschlagene Miene wurde berlegen; ärgerlich die Stiefel ausschleudernd, warf er sich ins Bett, daß das frachte.
Der Mond schien ihm voll ins Gesicht, unerquickliche Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf, und doch schlief er rasch ein. Da legte sich Mine nieder, und auch sie schlief rasch ein. Viel Ueberflüssiges hatten sie nie miteinander geredet;
Baß nur," fagte fie flanglos. Es is nu mal so, wie' s En jeder hat sein Kreize."
Er war weich, ihr freudloser Ton jagte ihm die Tränen in die Augen; sein Herz zog sich zusammen. Olle-" er ſtockte, so alt war sie doch eigentlich noch gar nicht- Mine! Ich war betrunken!"
Das warste."
Un fuchswild. Der Hund, der Seter, verpekt hat er mich! Un gereizt hast Du mer auch noch! Un der Kopf tat mer web zum Tollwerden!"
"
' s tut mer ooch ofte was weh."
" Sonst wär's nicht passiert. Wahrhaftig. Mine,' s wär nich passiert!"
Diesmal nich, aber vielleicht en ander Mal."
Sie sagte das alles ganz gelassen, aber nun schluchzte sie plötzlich laut auf: Mein Küchenrahmen!" Lauter Scherbeln! Alles kaputt!" Die Hände vors Gesicht schlagend, warf sie sich über den Küchentisch.
Er stand wie angedonnert bei ihrem Schmerz.„ Mine!" Mit bebenden Händen fuhr er ihr übers Haar. Mine!" Und dann warf er sich bei ihr nieder, faßte sie um den Hals und schluchzte mit ihr.
Ja, er war ein Zump, ein miserabler Kerl, ein Hunds. fott, nicht wert, daß ihn die Sonne beschien! So ein Kerl