Anterhaltungsblatt des Horwürls
Nr. 77.
Donnerstag, den 22. April.
1909
(CJ!ai$6tu4 bervoten.)
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Vag tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g.
Der Krampf war fort, die furchtbare Erregung hatte nachgelassen, sie war sich wieder ihrer selber klar bewußt. Oh, was hatte sie getan! Das Zeugnis, das würde so schlecht aussallen, wie noch keins zuvor. Keinen andren Dienst würde sie danach mehr bekommen. Und der Winter war vor der Tür. Und die Lust zur Arbeit auch nicht da— nein, gar keine Lust! Ganz fassungslos, schwach wie ein Kind, sich auflösend in tränenreiches Weinen, kauerte sie auf einem Schemel im Winkel der Küche. Und das Weinen wurde wieder zu einem Krampf, zum lauten, schluchzenden, schreienden Gejammer: sie konnte gar nicht aufhören damit, es schüttelte sie und stieß sie und rüttelte sie durch und durch. Und dann mußte sie lachen, über sich selber lachen, daß sie so laut weinte. Es war doch komisch gewesen, die Angst von der Haberkorn zu sehen! Ja, viel hätte nicht gefehlt, und es wäre der an den Kragen gegangen. Als sie die Knochen der Alten unter den Händen gefühlt, da war's wahrhaftig gewesen, als sollte sie die an der Gurgel packen, ihr die Kehle zuhalten, bis sie nicht mehr schreien konnte— ha, nicht einmal mehr japsen! Berta hörte auf zu weinen und zu lachen. Aus ihrem Winkel aufschnellend, reckte sie sich in ihrer ganzen schlanken Jugend. Hier war's aus, ja— aber es war doch noch nicht alles aus! Sic war jung, jung und hübsch. Ging's hier nicht wehr, ging's wo anders. Aber wo--? Nach Hause—?! Ein häßliches Lächeln zog Bertas Mundwinkel herunter: da konnte sie ja mit der Mutter zusammen schnapsen. Nein, nein! Aber wohin denn?! Vor Bertas umherfahrcnden Augen stand plötzlich ein Bild. Sie sah sich im Gewühl des Miets- bureaus und sah den Dicken vor sich stehen und hörte deutlich seine Stimme.----„Achtzig Taler! Wenig Arbeit! Und wenn's Ihnen oben zu langstielig wird, dann kommen Sie eben runter, da is immer was los. Wer weiß, Sie machen da noch Ihr Glück!"----------- Warum nur war sie so töricht gewesen, dies Anerbieten auszuschlagen, sogar fortzurennen?! Oh, so dumm! Sie fing nun wieder an zu weinen, schlug sich vor den Kopf und schluchzte herzbrechend. Ratlos saß sie da. Drinnen dröhnte die Wanduhr elf. Von der Haberkorn war kein Laut zu vernehmen, die ließ sich nicht mehr sehen, das war auch gut, sonst—! Berta ballte die Fäuste, die ganze, unbezähmbare Wut kam wieder über sie, in ihren Augen glitzerte es drohend. Die, die war schuld daran, wenn sie auf die Straße kam! Auf die Straße--- 1 Plötzlich war der Gedanke da. Ohne Anklopfen war er eingetreten, und nun stand er vor ihr, jeder Hülle bar. ganz nackt, und grinste sie an. Und sie sah die Straße. Im Wind flackerten die Laternen, am zerfetzten Himmel blitzten die Sterne mit kaltem, grau- samem Funkeln. Vereinzelte Frauengestalten wankten übers Trottoir, standen beim Laternenpfahl still und sahen sich suchend um. An der Ecke tauchte ein Schutzmann auf— und man sah seine Knöpfe Klinkern— da wankten die nächt- iichen Gestalten weiter, huschten fort, vom Winde getrieben. Auf der Straße— huh! Sie fühlte einen Schauer und rang die Hände. Aber was blieb ihr sonst übrig?--- Und wieder stand Herr Lehmann vor ihr. Er lächelte sie breit an und zwinkerte ihr vertraulich zu: und doch war's ein geschäftskundiger Blick, mit dem er sie tarierte. Hatte er nicht recht, paßte sie nicht dazu, einzllschenken, zu kredenzen, zu animieren?-- Da war's warm, da pfiff der Wind nicht, wie auf der nächtlichen Straße, und kein Schutzmann jagte einen auf: Und wenn die anderen tranken, konnte man selber auch trinken — Bier, Wein, Likör— ha, viel, viel! Trinken: Sauren trinken, Süßen trinken, wonach es einen gelüstet! Lechzend fuhr ihre Zunge über die vertrockneten Lippen
Nicht mehr dienen! Ehe sie wieder dienen ging—« lieber sterben! Auf der weißen Küchenwand zog's an ihr vorüber: Schatten, Schatten, müde Schatten. Da war manch eine darunter, die sie gekannt. War sie nicht auch selber dabei?! Mit einem tiefen Seufzer schlug sie die Hände vors Gesicht und bebte in fröstelnden Schauern. Wie die Schatten sie quälten! Sie sah sie auch bei ge« schlosscnen Augen.--- Sie reichten sich die Hände, sie schlössen einen Kreis um sie.„Dienen, dienen, ewig dienen," ächzten sie ihr ins Ohr.---------- Nein! Sie schrie laut auf. Nicht mehr dienen! Auch einmal herrschen, wie andere herrschen! Sich einmal nicht mehr schinden, sich nicht mehr hin- und herjagen lassen, sich nicht mehr ducken, sich nicht mehr die Nägel abarbeiten: nur um das bißchen tägliche Brot! Auch genießen! Ein Haß hob sich in ihr, sie wußte selbst nicht gegen wen; und eine unbestimmte Vorstellung von:„herrschen, herrschen". Sich dehnend, reckte sie die Arme gegen die getünchte Küchendecke, an der die zitternden Lichtkringel tanzten. Ein kaltes, grausames Lächeln hob ihre Oberlippe: sie dachte an all die Männer, die ihr schon nachgestellt hatten. Nun würde sie ihre Macht erproben können„im Restaurant mit Damen- bedienung".„Bedienung?!"— O nein! Den Fuß wollte sie ihnen auf den Nacken setzen und— herrschen! Ein harter, stählerner Glanz veränderte das Blau ihres Auges. An den Herdrand gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, leise mit der Fußspitze wippend, stand sie sinnend. Das kalte, grausame Lächeln blieb auf ihrem Gesicht- 34. Die alten Rcschkes im Keller hatten ihr Pianino ver- kaufen müssen, das Klavierfräulein war ja ohnehin längst ab- geschafft: Elli hatte keine Tonleiter mehr geübt, nur mit einein Finger geklimpert:„Ach du lieber Augustin, alles ist hin!" Es ging ihnen schlecht, sie brauchten bar Geld: der Händler, von dem sie ihre Ware bezogen, wollte nicht länger mit seiner Forderung warten. Hundertzwanzig Mark brachte das Klavier: wenn's nicht so feucht gestanden hätte, würde es gewiß zweihundertzwanzig gebracht haben. Aber nun waren sie wenigstens wieder auf ein Weilchen flott, ein neuer Pump konnte angelegt werden. Immer weniger Mägde kamen in den Keller: die machten nun ihre Einkäufe lieber in einem dritten Grünkram, der sich vor kurzem in der Göbenstraße aufgetan hatte. Der war ganz modern eingerichtet, hatte einen Automaten, der, nach Einwurf von zehn Pfennigen, ein Parfümfläschchen spendete und eine Ansichtskarte und noch fünf Pfennige wieder heraus- gab, und— der Besitzer, ein junger Mann, der mit seiner alten Mutter hauste, war noch unverheiratet. Frau Reschke brauchte sich jetzt nicht mehr über den ewigen „Radau" zu beklagen, die Klingel ertönte nur selten, und dann ganz zahm, wie verschämt leise. Kinder kamen, die für fiinf Pfennige einholten, und ein paar alte Weibchen aus der Nachbarschaft. Hätte die Reschke noch den früheren Unternehmungsgeist besessen, so würde sie zur Weihnachtszeit allerlei Ucber- raschunaen in Szene gesetzt haben, die unfehlbar Käufer herbeigelockt: aber der„Mumm" war ihr, wie sie selber sagte, abhanden gekommen. Stundenlang konnte sie allein im Laden herumtreten und immerwährend vor sich hinbrabbeln: das Schwatzen war ihr nun einmal zur zweiten Natur geworden. So und so oft wiederholte sie dieselbe Geschichte, und wcnn'S dazu kam, hatte sie den richtigen Hergang total vergessen. „Aber, Mama, die Jeschichte haste mindestens schon fufzig Mal erzählt," pflegte Elli zuweilen loszuprusten,„un denn war's ja jar nich so! Quatsch! Du verquasselst ja allens!" „Laß Muttern doch," sagte dann der Vater wohl und plinkerte mit den trüben Augen.„Na, los, Amylchen, wie war's noch man?s" In den novembcrgrauen Tagen mußte man im Keller von früh bis abend die Lampe brennen: nur über Mittag gab's eine Stunde spärliches Tageslicht. Der alte Mann glaubte in seinem Leben die Dunkelheit nicht so schwer enipftinden zu haben, wie jetzt. Und wenn er