Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 90.
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Dienstag, den 11. Mai.
( Nachdrud verboten.)
Erbaltung der Kraft.
Novelle von Timm Kröger.
Das tat Martin denn auch, und es war ihm immer, als höre er Elsbe und Friech Gripp aus allen Ecken lachen. Laß sie man, redete er sich ein, die ist mir gleichgültig wie' n Bovis( Staubschwamm). Mit der, das ist rein aus. So dachte er, fühlte aber dabei, daß all sein Denken und Sinnen nichts sei als Aufklagen einer leiderfüllten Seele. Eine sonore Stimme störte sein Brüten. Ein stattlich aussehender, in den besten Jahren stehender Bauer mit frausem braunen Haar und braunen Augen, eine Meerschaum pfeife mit Silberbeschlag rauchend, bat um die Erlaubnis, sich neben ihn seßen zu dürfen. Das war der Besizer von Dückerswisch, der Trostkloß der Witwen und Waisen.
Er begann sofort ein Gespräch. Weshalb Martin nicht tanze; er sei in jungen Jahren immer der erste auf der Diele gewesen. Als Elsbe und Friech vorüberwalzten, tam er auf die Wulffen- Familie, auf ihre mißlichen Vermögensberhältnisse, flüsterte Martin ein Geheimnis ins Ohr, das dieser nicht verstand und äußerte, Elsbe sei gewiß eine hübsche und auch eine nette Dirn, aber, wenn die, die hinter ihr herliefen, glaubten, da sei was los, dann habe da eine Eule gesessen.
Die Leute sagen viel," antwortete Martin, die Leute sagen auch, Du wolltest Elsbe haben."
Als Martin das gesagt hatte, sah ihm der Dückerswifcher aus seinen blanken, braunen Augen voll ins Gesicht:„ Sieh, fagen das die Leute! Nu, wenn es ihre Meinung ist, dann wird am Ende aus was dran sein. Und für Elsbe wäre es bielleicht auch am besten, wennn sie den Dückerswischer nähme."
Der Dückerswischer war aufgestanden und hatte Martin allein gelassen. Der Hauswirt Hans Jäger kam, die Lichter im Kranzholz anzuzünden und nach Bier und Branntwein zu sehen. Als die Helle auffladerte, entstand Lärm und Gelächter in der Gegend, wo Martin saß; darum fümmerte sich aber Hans Jäger nicht. Er ging in die Abseite der Leeren Ruhständer, die Fässer abzuklopfen, so wie ein Doktor eine franke Brust abhorcht. Da tam Hannes Haß hinzu Was und rief: Hans, das hättest Du sehen sollen!" denn?" Wie war Martin Uhrhammer fünsch."„ Warum denn?" Dora Pahlen hat ihn, wie alle Leute dabeistanden, unversehens überfallen und abgefüßt." Hannes Haß lachte, und Hans Jäger auch. Dorten, Dorten, was bist Du für eine wilde Hummel! Und Martin? Was hat der denn angestellt?"„ Er war berdrießlich. Elsbe Wulffen hatte es mit angesehen. Er sagte, er wolle nach Hause gehen."
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Im ersten Merger war es wirklich Martin Uhrhammers Absicht gewesen wegzugehen. Aber wie er in den Garten gefommen war, weigerten sich seine Füße, ihn von einer Stelle wegzutragen, wo Elsbe Wulffen tanzte. Er hielt sich für dumm und töricht, daß er dem Schneiderjungen das Feld geräumt habe. Und wieder klagte sein Herz vor Sehn. fucht auf, und wieder dachte er an den Tag, wo er mit seiner Geliebten durch den Hechtsee gefahren war. Hatte er nicht mitten im Wasser den Pferden die Zügel gelockert, hatte er nicht mitten im See seine Rüsse bekommen? War es vor der Grasinsel gewesen oder nachher? Es war ja ganz gleichgültig, und Martin wußte, daß es ganz gleichgültig war. Und doch schien ihm beim Grübeln immer wichtig, ob es vor dem Gras, nach dem Gras oder in dem Gras gewesen sei. Bulegt bildete er sich ein: es war in dem Gras. Er mußte auch denken, daß in demselben Augenblic der große Vogel- Rrrrrt!- aus dem Wasser gebrochen sei. Die mächtigen Flügel hatten ein paar Wassertropfen auf das Vorderleder des Wagens geworfen. Er wollte, daß es gleichzeitig gewesen sei, und erinnerte sich bestimmt, daß das nicht der Fall gewesen war, denn es war ein bißchen vorher oder ein bißchen nachher geschehen.
1909
Hans Jäger hatte einen weiten, mit düsteren Baumreihen besetzten Garten. Martin Uhrhammer maß noch immer ihre Länge, spazierte noch immer auf und ab, bat die halbe Mondsichel, die am Himmel stand, um ihr Mitgefühl und dachte an Elsbe Wulffen, und ehe er sich dessen versah, fand er sich wieder in der Wohnstube von Büngerhof.
Man war beim Kaffeetrinken und Geschichtenerzählen: Geister und Gespenster führten das Wort.
In der Sandkuhle spinnt zwischen zwölf und ein Uhr eine weiße Frau, im Bach am Breinerweg wimmert es, auf Friß Klaußens großem Teich brennt nachts ein Licht. Des Webers Frau kann vorhersehen, es kommt Krieg, Soldaten in roten Röcken kommen den Landweg von Embüren her, zu einer Beit, wo auf Hans Vollerts Holzkoppel Misthaufen in Buchweizenstoppeln stehen. Auf Steinberg hat vor vielen Jahren ein Bauer an einen Handelsmann eine Kuh verkauft. Der Steert liegt hoch," hat der Handelsmann gesagt ,,, ist das auch ein Brüller?"- Nein!" hat der Bauer geant wortet, daß der Steert so hoch liegt, ist angeborener Stolz der Kuh, die ist kein Brüller, und wenn die Kuh ein Brüller ist, will ich nicht selig werden und will brüllen, wo ich hier steh." Und da hat er, nachdem er gestorben, im Kuhhaus gebrüllt, bis der alte Bau abgerissen worden ist.
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Georg Harms Vater ist nachts gerufen worden. und kein Rufer ist dagewesen. Acht Tage darauf ist der Großvater gestorben, und da ist es in Erfüllung gegangen. Aehnliche Vorgänge erzählt man eine ganze Menge, der eine von seinem Nachbar, der andere von seinem Ohm.
Martin sprach von einer Erscheinung oder einem Traum, den er als kleines Kind gleich nach dem Tode seiner Mutter gehabt hat.
Stinemesch nahm sich seiner an. Er schlief auch bei ihr im Wandbett, und wenn sie früh aufstand, in Küche und Keller zu schaffen, blieb er allein im warmen Bett.- Einmal wird er wach, es ist ganz hell um ihn. Er sieht, er erkennt alles: die Wände des Bettraumes, das Bretterbort, das dort angebracht ist, den Stopfkorb, der darauf steht, mit allem, was darin ist. Die Bettdecke hat ein rotes Würfelmuster, von der Dede hängt ein hanfener Bettquast herab. Und zur Schiebtür hinein lehnt sich etwas über ihn. Er will schreien fann nicht... er will sich bewegen, er kann auch Und was sich über ihn lehnt, erkennt er als das nicht... eine weiße Frau, und die weiße Frau sieht ihn mit großen Augen an... Blöglich ist alles weg, und es ist dunkel um ihn her. Und da schreit er, daß das ganze Haus zusammen. läuft
Martin war zu Ende, alles schwieg. Es waren mehr. Leute hinzugekommen, ein großer Kreis- in dem großen Kreise webte tiefe Stille. Und in der tiefen Stille quoll ein weicher Mädchenseufzer auf- Elsbe Wulffen stand hinter Martins Stuhl.
,, Du bist ja ein ganz böser Junge," sagte zuletzt einer, ,, da mag man ja gar nicht mehr allein zu Bett gehen." In dem Augenblick steckte der Harmonikamusikant seinen Kopf zur Tür hinein. Wenn niemand mehr tanzen wolle, gehe er nach Haus.
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,, Um Gotteswillen!"
Das mußte verhindert werden. Jeder nahm sein Mädchen, und was eben noch vor Grausen erstarrt gewesen war, gurrte jetzt wie junges Hühnervolk nach der Diele hinaus.
Martin Uhrhammer trat an den Kartentisch und sah Krischan Franzen ins Spiel. Da faßte eine warme Mädchen hand seine Rechte und zog ihn in die Ede.
,, Bist mir noch böse, Martin?"- Martin ging das Herz über, er wollte Elsbe was Liebes sagen, fonnte aber nicht, er gab eine alberne Antwort wie das glaub ich nicht" oder dergleichen.
Elsbe wußte nicht, was sie davon halten sollte. Sie wolle nach Haus gehen, sagte sie, und setzte hinzu:„ Du bleibst wohl noch?"
" Ja," antwortete er und sagte wieder ganz was anderes, als er meinte. Er sprach davon, er hoffe, noch ins Spiel zu kommen und möchte gern mal rumspielen.
Das waren andere Antworten, als Elsbe erwartet hatte.