Anlerhaltungsblatt des Worwärls Nr. 101. Donnerstag, den 27. Mai. 1909 �Nachdruck verboten.) 21 Lebensfreude. Bauerngeschlchte von G u st a v Wied. Autorisierte Ueber- setzung von Alfons Fedor Cohn. Hier kommen schon Leute heute zusammen!" sagte der Gemeinderatsvorsteher, der dicke Rasmus Nielsen.Ja, ja, die Ernte ist ja auch gut gewesen!" Aber die Preise sind schlecht!" pfiff ein kleiner, bleicher Bauersmann, ein gestricktes Tuch fünfzehnmal um den Hals geschlungen. Das sind sie, Mads Pedersen: aber sie wären noch schlechter gewesen, wenn's Korn auch schlecht gewesen wäre!" Es war Gedränge in den Stuben. Die Weibslcute standen in der Gartenstube und der Schlafkammer aufgestellt, die Mannsleute in der Wohnstube und im Gang. Sofie bohrte sich von Zeit zu Zeit aus der Küche hinein, um zu begrüßen. Und dann bohrte sie sich wieder zurück. Wir können gern essen, Olel" sagte sie das letztemal, als sie drin war. Na. Ja, na bitte, Herrschaften, bitte!" sagte Ole zu den Männern,kommt rein und nehmt'n Happen Brot und'nen Schnaps." Schuhmacher Hansen hatte sich von selbst in den Saal gefunden, wo er stand und Marths und Johanne was vor- summte. Schuhmacher Hansen schätzte das Weib sehr. Ach, bitte schön, Madam Rasmussen! Bitte schön, Madam Baldrian! Bitte schön doch!" Sofie trieb die Damen in den Speisesaal. Man setzte sich. Die Männer an den großen Tisch und die Frauen an den kleinen. Die Suppe wurde in großen Tonschllsseln hereingetragen, und jeder schöpfte mit seinem Löffel in seinen Teller. Es lagen Löffel für alle da, Zinnlösfel, die vom Kaufmann geliehen waren. Aber ein paar alte Bauern wickelten ihre privaten Holzlöffel aus ihren Taschentüchern und begannen still gleich aus den großen Schüsseln zu suppen. Sie waren ganz braun und blank von langjährigem Gebrauch, die Löffel. Ole ging herum und goß den Schnaps ein. Man trank iallesamt aus demselben Glas. Und nachdem er den Männern eingeschenkt hatte, ging er'rüber an den Tisch zu den Frauen. Ihr sollt auch von dem Most kosten, Frauenzimmer! Das ist gut fürs Zwerchfell." Und mehrere von den Madams sagten: Danke, danke! lund verhafteten den Schnaps. Aber Tischlermeister Baldrian machte das Zeichen des zKreuzes. > Sofie und Marths und Johanne flogen aus und ein mit leeren und vollen Schüsseln. Der Himmel mochte wissen, wann sie selbst zum Essen kamen! Bitte schön, Madam Hansen! Nehmen Sie doch einen einzigen Löffel, Madam Rasmussen! Sofie war besonders um die Stadtdamen besorgt. Nun begann Hummel das Meerrettichfleisch aufzu- schneiden. Das ist F l e i s ch!" sagte er und jagte die Gabel in das gelbe, zitternde Fett bis ans Heft,das ist wirklich Knall- ffautschuk, hudd, hudd!" Die Bauern grinsten und stießen einander in die Seiten: Hört bloß den Schuhmacher! Hansen galt nämlich als ein .Scherzbold" und konnte infolgedessen nicht den Mund öffnen, phne daß man lachte. Das Fleisch wurde von demselben Teller wie die Suppe gegessen. Und Ole ging wieder mit dem Schnaps. Die Teller wurden'rausgetragcn und abgewaschen, und man begann mit dem Braten. Sind das Enten?" fragte der Schuhmacher, als ihm die jGänse zum Aufschneiden hingestellt wurden. Die Gesellschaft wand sich vor Lachen, und Madam Hansen sagte, geschmeichelt über den Erfolg des Mannes: Gott, Theobald, wie Du Dich auch anstellst!" Alle sollten sie von allem kosten, was auf dem Tisch stand, und die Teller wurden bis zum Rande gefüllt mit Braten, Sauce und Kartoffeln, Eingemachtem, Gurken und roten Rüben. Einige aßen mit den Fingern, die sie nachher am Tuche abtrockneten. Ole ging immer mit dem Schnaps. Nun kam der Reiskuchen mit Rosinen. Er war draußen in der Küche zerteilt, und jeder nahm sein Stück und knabberte daran. Die Stimmung war ziemlich aufgeräumt: man sprach laut, lachte und gestikulierte. Und die alten Bauern mit den Privatlöffeln rülpsten still. Und Ole war wieder mit dem Schnaps da. Hudd, hudd," sang Hummel,lang lebe der Trauben» fast!" Danke!" sagte Ole und nahm selbst einen Schnaps Will keiner mehr Kuchen haben, Leute? Bitte schön!" Aber es hatte keiner noch Platz zu mehr. Ja. na denn dank schön fürs Essen!" sagte Ole : er meinte: wohl bekomm's! Und man stand vom Tisch auf. DieSpielekanten", eine Violine und eine Klarinette, hatten in der Wohnstube gegessen. Jetzt ging ein Gemurmel durch das junge Volk, der Tanz solle beginnen. Marths machte schon ein paar Pas draußen in der Speisekammer mit den Gänseknochen auf einer Ton» schüssel. Geh Du nur'rein," sägte Sofie,geh Du nur rein, Marthel Dir sitzen doch Hopser in den Beinen!" Marths sauste in den Saal und räumte sofort die Tische aus. Sechs Freundinnen halfen ihr. Hinten in der äußersten Ecke hatte man einen Maisch« bottich aufgestellt mit einem Wagenkasten darüber. Da sollte auf zwei Stühlen die Musik sitzen. Sie brauchte keine Noten. Ein paar diensteifrige Frauen halfen Sofie, in der Speise« kammer beiseite zu setzen. Hudd, hudd," summte Schuhmacher Hansen und steckte den Kopf durch die Tür.Neste für vierzehn Kindbetten!" Die anderen Mannsleute waren'raus in Scheune und Stall gegangen, um die Wirtschaft zu besehen. Ein paar standen in der Schobercinzäunung und betrachteten die neun spitzen Kornmieten. Tischler Baldrian war unter ihnen. Er hatte wieder den hohen Zylinder auf und sah würdig aus, als ob er einer Leiche attachiert wäre. Aber er trank niemals was anderes als Dünnbier, die schwächste Nummer, sagte er. Plötzlich spielte die Musik im Saale auf, und der dicke Rasmus Nielsen begann mit Schmied Sörensen drüben im Kuhstall zu tanzen. Man hat ja doch seine Elanstizität bewahrt!" sagte er. Aber drin im Saal hatte der Landwirtschafteleve von Skaftegaarden mit Marthslosgelegt". Es war ein Galopp, und die Röcke stoben um sie. Sie hatte auf irgendeine wunderliche Weise einenreinen" Rock anbekommen. Nun kam Schuhmacher Hansen mit Sofie aus der Küche angeschleppt. Sie sind ja verrückt, Hansen?" sagte sie und sträubte sich. Sie hatte die Schürze aufgebunden und Morgenschnh? aus Plüsch an. Aber der Schuhmacher schwang sie im Tanz. Hudd, hudd!" sagte er dabei.Sie tanzen wie eine von Parkett, Madam Kanstrup!" Der Mann meinte wohl vom Ballett. Mehr und mehr Paare schwangen sich über den Bodet. dahin. Knecht Sören hatte Johanne gefaßt, die mit einem Brotkorb voller Kaffeekuchen hereinkam: und nun tanzte sie und Sören und der Kuchen m i t Galopp. Der Kaffee kocht über!" brüllt plötzlich Madam Baldrian aus der Küche: und Madam Kanstrup wie Johanne reißen sich los von ihren Kavalieren und stürzen hinaus. Im Wohnzimmer haben sich die ernsteren. Naturen niedergelassen. Der große Tisch aus dem Saal ist hier her»