Anterhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 146. Freitag� den 30 Juli. 1909 tNachdruck verSolen.) 22] Die Infclbauern. Moman von August Strindberg . Deutsch von Emil Schering Carlsson hatte am selbeir Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine Teufelei im Werke Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll, einmal, weil er die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte: zweitens, wef der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung zeigte. Garlsson hatte vor ihm gekrochen, ihm geschmeichelt, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm der Pastor immer seinen breiten Rücken zu: hörte nie auf das. was er sagte: erzählte immer Geschichten, die sich wohl auf den vor liegenden Fall anwenden ließen. Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihre Absichten gegen ihn ausführen»würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö angestellt: dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem Pastor einen Streich zu spielen: Rapp, so hieß der Boots- mann, war nämlich vom Pastor nicht zur Konfirmation vor gelassen worden, weil er hinter Mädchen hergewesen: dieser Werlust. eines Jahres hatte ihm Schwierigkeiten bei der Marine gemacht. Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffee halben ihren Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen: was dann weiter zu tun war. würden die Um- stände schon ergeben. Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte entscheiden, welche die wirsamere war. Der Hochzeitstag brach an. Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen Vorbereitungen. Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Waffen Verbindungen niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand: verdutzt strichen die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.» Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die Leuchter zu stecken. Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen und hinter einer Ecke aufgestellt, daß es aussah, als sei Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher geliehen hatte. Ueber der Haustür hingen Kranz und.Krone aus Preisselbeerreis und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche. In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den stärksten Farben leuchteten: wie in einem Branntweinladen. Carlsson hatte Sinn für starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen durch das seifengrüne Glas: der Purpur des Kognaks leuchtete wie Kohlenfeuer: die silberähnlichm Zinnkapseln, welche die Korke bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke. Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften, als ständen sie vor einem Ladenfenster: sie fühlten den Vorgeschmack eines angenehmen Kratzens im Schlund. Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen: wie grobe Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine ent- hielt Branntwein, das andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen. Ltugelpyramiden gleich, zweihundert Bierflaschen. Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Boots- mann Rapp ging umher wie ein Gefreiter, den Korkzichcr am Bauchriemen, und ordnete das Kriegsgerät, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die Iäsier mit Fichtcnreisern verziert, sie angestochen und mit Metallkrähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu lassen, daß etwas in ihnen war. In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicher» heit halber ohne Seitengewehr, flößte er den Bauernburschcn großen Respekt ein. Außer seiner Befassung als Mund» schenk hatte er den Auftrag. Ordnung zu halten. Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägerei cinzu» schreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie ihn: das war aber nur Neid: sie hätten so gern die Uniform angezogen und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tau und die kitzlichen Kanoniere gefürchtet hätten. In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herd, und zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden mi! dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war. Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Klara. Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten sich noch nicht in die Stuga hinauf, fondern strichen in Scharen um den Hof. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß des Professors Frau und Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage reisen mußten, und nur der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung angenommen, gab auch feinen großen Saal für die feierliche Handlung her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und Abendschmaus. Da waren lange Bretjer auf Böcke und Fässer gelegt, um Tische und Bänke zu bilden: die Tische waren bereits mit Decken versehen und mit Kaffeetassen gedeckt. Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen. Rundgvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke, l)atte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spötttsche Anmerkungen zu erheitern. Norman hatte den Aufkrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu donnern, hauptsächlich mit Dynamit» Patronen: er hielt sich hinter der Hausccke und übte sich in kleinerem Maßstab mit einem Terzerol. Dafür hatte er aber seine Harmonika hergeben müsien; die war heute in Acht und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, der Schneider aus Fifong, berufen hatte: und dieser Herr war sehr empfindlich, wenn man in seine Kunst eingriff. Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hoch- zeitslaune, bereit, mit dem Brautpaar zu scherzen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen. „Nun. müssen wir auch gleich taufen?" grüßte Pastor Nordström. „Nein, potztausend, so eilig ists denn doch nicht I" ank- wortete der Bräutigam, ohne verlegen zu werden. „Bist Du Deiner Sache auch sicher?" fragte der Pastor, während die Bauern grinsten.„Ich habe schon mal auf einer Hochzeit getraut und getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sichs leisten konnten. Im Ernst, wie stehts mit der Braut?" „Hm, diesmal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wanns los geht," antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz anwies, zwischen der Mutter des Kirchen- Vorstehers und der Witwe von Ovassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt. Der Professor kam, in Frack und weißem Halstuch, mit schwarzem hohen Hut. Der Pastor nahm ihn sofort als eben» bärtige Standesperson in Anspruch und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und Ohren belausch- ten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor sei ein grundgelehrter Mann..— Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit: man suche nur Gustav noch, um anfangen zu können. „Wo ist Gustav?" rief man jxtzt auf dem Hof und wieder, holte es bis zur Scheune. � t"
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26 (30.7.1909) 146
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