Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 156. Freitag, den 13. August. 190S (Nachdruck verdoteu.) 32) Die Inlelbauern. Roman don August Strindberg . Deutsch von Emil Schering . (Schluß.) Bald saß Gustad an dem großen Küchentisch, während der Pastor Branntwein, Preßsülze, Brot hervorholte und dem Ausgehungerten vorsetzte. Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in der Nacht Leute auszubieten und hinauszu» fahren, war verlorene Mühe; Feuer am Strand anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm drang. Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich, aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren. Es sieht gerade so aus, als müsse er für feine Taten büßen," meinte er. Hör mal, Gustav," wandte Pastor Nordström ein, ich finde. Du bist ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was Du mit bösen Taten meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn Dir nicht in die Höhe gebracht? Hat er Dir nicht Sommergäste verschafft und Dir eine neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tar, war von ihr nicht wohl überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was Du tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst Du vielleicht nicht, daß ich für Dich um die Witwe von Ovassa mit ihren achtzigtausend Reichs- talern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, Du mußt nicht so streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Ge» sichtspunkten betrachten!" Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und das vergesse ich ihm nie." «Ach was. das hast Du vergessen, wenn Du zu Deiner Frau ins Bett kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte, wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denk daran: des einen Tod ist des anderen Brot. Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche er- schienen, kam Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche hineinzugehen, blieb er in der Menge stehen. die bereits zu wissen schien, was geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf. sich mit ihren Booten, so schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die Schiff- brüchigen zu bergen. In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge von Gemeindesachen, denn im Hinter- gründe murrte man und behauptete, das Gotteswort nicht entbehren zu können. Ach was," wandte der Pastor ein;so viel liegt Euch nicht daran, meine Schelte anzuhören, wenn ich Euch recht kenne. Was? Was sagst Du, Ovassaer. Du bist ja solch ein Schristgelehrter, daß Du gleich hörst, wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange." Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur Hülste gehoben. Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und bringt Eure Weiber mit; ich verspreche, dann Euch die Köpfe zu waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid Ihr nun einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?" Ja," murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des Sabbaths erhalten. Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen. Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herumgegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen, wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben. Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Di« Männer hatten Pelzröcke an und Seehundsmützcn auf, brachten Beile und Dregganker mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Riemen bemannt. Der Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und vordersten Ruderer mitgenommen. Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein Menschenleben mehr oder weniger zählte auf See nicht. Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror sofort, mußte aufgehauen und hinausgeworfen werden. Zuweilen kam eine Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter und kam wieder in die Höbe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz, daS von den Ufern losgerissen war. Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Träl- schäre, auf der Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungsvollen Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war; bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selber. Aber ver­gebens. Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten, zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher Lebensgefahr waren sie nicht gewesen. Nicht, solange man Land unter sich hat!" meinte Rundqvist. Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem Sarg zu drcggen. Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne etwas anderes in die Höhe zu bringen, als lange Tangranken mit Muscheln und anderem Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg. Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen, Kaffee zu kochen. Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen habe. Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache, streng genommen, keinen persönlich anging, emp- fand man eine gewisse Erleichterung, daß man sich nicht gc- fühllos gegen fremden Kummer zu zeigen brauchte. Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzu» runden, trat Pastor Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und teilte ihn den anderen mit. Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strand versammelten, um der den Umständen an- gepaßten Beerdigung beizuwohnen. Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während all« Männer am Strand die Mützen abnahmen. Wollen wirIch bin ein Gast auf Erden" nehmen? Könnt Ihr das auswendig?" fragte der Pastor. Ja!" wurde vom Strand geantwortet. Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kalb zitternd, dann vor Bewegung über das Ungewöhnliche in de» Feier und über die ergreifenden Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.