Mnterhaltungsblatt des Horwiirts

Nr. 153.

Dienstag, den 17. August.

1909

(Nachdruck verveten.1

2]

Der Vorzugsfd�iilcr. Von Marie v. Ebner-Eschenbach.

Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht über seine Rechnungsaufgabe. Seine Ge danken trugen ihn weit weg aus der kahlen, dürftig em gerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die Schule geschlossen werden, und die Käme raden würden auf die Ferien gehen, einige in die Nähe von Wien , oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schim- mernden Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle... Nur er kam nie heraus aus den trostlosen Straßen der Vor- stadt, nie fort vom müdmachenden, langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe zerriß und Hie Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes: !Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen." ' In seinem Jungen aber schrie es: Nicht nur um zu lernen I Manchmal schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt:Die anderen sind jetzt auf Ferien und lernen nicht." Da war der Vater bös geworden.Sind das Vorzugs- Lchlller? Wenn ja ein paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie Du, fauler Bub. Haben viel- leicht nicht einmal Talent wie Du. dafür aber Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien... was Ferien I Ein tüchtiger Mensch braucht keine. Hab ich Ferien?" Es war der Stolz Pfanners, daß er noch nie Urlaub genommen. Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen Georg eine Frühlingsfreude ge- Nossen. Und heute war der gesegnete Tag, an dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche. r<f*'-4 t'.* 4�.- -- Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des gegenüber liegenden Hauses wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht, Sie sang wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen Brust ent- quollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut. Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus und sandte der Nachtigall seme Liebes- grüße. Der Schuster, das konnte man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin. Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und ge- pflegt! Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchte vor ihm auf, Landschaften im pur- purnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht, lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte, das zu erblicken er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreich- bare bleiben sollte. Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen, und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten Friihjahr hatte Georg ver- geblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet. Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen und ihnen nachzuhängen. Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen, tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus, sah um sich, sah zu den

Häusern empor, und da war nirgends ein Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker, einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich, und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll sang, spazierte vor ihm her. blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in die Luft hinaus. ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn zu. Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene Stiefel, einen schwarze'» Kaftan, einen steifen. breitkrämpigen Hut. Ihre eingefallenen Wangen entlang baumelten ein paar glänzende, rabenschwarze Schläfenlockcn. Herrje. Solomon!" hatte Georg ausgerufen,was ist mit Dir? bist eine Nachtigall worden?" Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf dem Quai vor der Schul- gasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief- und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und der- gleichen. Der junge Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug besessen. Spielereien kaufen Geld hinauswerfen, Unsinn!" sagte Pfanner.Ein Kind, das Phantasie hat, ein Kind' wie das meine braucht keine. Ein Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere, ein lebendiges Kind." Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die er aus- bot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen. Ach Salomon," sagte er ihm einmal,wie glücklich bist Du! Kannst immer auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt Du sein!" Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn Salomon alle dieschönen Sachen" anbrächte, und noch viele andere und Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh. Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg wußte, daß der Vater ihn daheim fast regel- mäßig, mit der Uhr in der Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann gab es böse Minuten für seine arme Mutter.__ So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden: einer bedauerte den anderen und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern hätten sie ge- tauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute Be- kannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vor- zugsschüler dem Hausierer zugerufen hatte: Bist eine Nachtigall worden?" Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Jnstrumentchen zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötcntöne der Nachtigall schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu wecken. Er häte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen:Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!" Aber das Bild seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte:Du bist ein Beamtensohn, Du unterstehst Dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem Menschen." So stotterte er denn mit fliegendem Atem:Was kostet die Nachtigall?" Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar Dutzend verkauft und hofste, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab. Georg überlegte:Wirst Du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir eine auf, ich bitte Dich. Wenn ich