AnterhallungMatt des Horwärts
Nr. 163.
Dienstag, den 24. August.
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"(Nachdruck derdolen.Z
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Oer Vor�ugsfckiüler. Von Marie v. Ebner-Eschenbach.
Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit, was höchster Heldenmut war. und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen, und Agnes kaum noch imstande, ihre Selbst- beherrschung zu bewahren, als ein heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand Ein- iaß bei ihnen begehrte. „Nervös, wie die elektrisierten Frosch," brummte Pfanner. �.Habt Ihr in Eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wers ist," befahl er der Frau. Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann da und fragte: „Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?" Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor oder gar der Herr Oberinspektor? „Ja, er ist zu Hause," sagte sie.„belieben einzutreten." Ohne Gruß ging er an ihr vorbei', er hielt sie offenbar für die Magd, und ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen Percailkleide, in ihren ge- flickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte nur noch ihren Mann in durchaus nicht respekt- vollem Tone sagen: „Herr Obernberger? Was verschafft mir das Ver- gnügen?" Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören. „Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben," erwiderte er in erregtem Tone,„ich komme, um mich zu be- klagen." Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen. War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen pflegte, dem„Schlosser" hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders borstigen Wesen:„Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht. Ich kann was vertragen," sagte er. Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbei- geholt. Obernberger nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und prüfend: „Herr Obernberger! Herr Obernberger!" sprach Georg leise und flehentlich. O. wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen Sohn nicht geprügelt haben. Herv Obern- berger war immer so gütig mit ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren. Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt:„Hast vergessen, daß Du keine Gnade annehmen sollst?" Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an:„Wissen Sie. daß ich schon auf dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben amd will mich mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial." wendete er sich an Pfanner, ..Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn angefallen
und ihn gewürgt, und andere haben sich hineingemischt, und mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, unö das rechte Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund." „Ohne den geringsten Grund?" wiederholte Pfanner. hob sich halb von semem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte. „Nicht ohne Grund," hauchte Georg mehr, als er sprach. „Er hat mir gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt." Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel, Obernberger war betroffen. „Ist das wahr? fragte er, und Georg beteuerte: „Es ist wahr." „Hinaus!" rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm nach der Küchentür. Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg hereingebrochen sein möchte. Er lief aus sie zu, war bleich wie Wachs, und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln herab:„Mutter- Mutter!" preßte er hervor,„was wird jetzt mit mir ge> schehen?" �# In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte. „Können Sie das von ihrem Pepi auch sagen?" fragte Pfanner und setzte die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert worden war. Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große, breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die Wahr» heitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht ein» gestehen wollte, schwieg er. „Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne Grund geschlagen hat," sprach Pfanner. „Aug in Aug mit dem Buben, in unserer Gegenwart soll er es wiederholen. Tut er das, dann lade ich Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden hat, obwohl ich bei meinem Buben die Prügel nicht spare." Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die Zwei, die sich tief verneigten, als er di« Küche durchschritt. Georg lief ihm voran, öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte: „Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger. verzeihen Sil mir," so leise, mit so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte. Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen großen, mit Zahlen bedeckton Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster Aufmerksamkeit durchsah, Georg holte seine Hefte herbei und machte sich an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn an» sprach, und dann— o Wunder! geschah es nicht einmal in unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war mit seinen Aufgaben: „Bist Du aus Geschichte schon aufgerufen worden?" fragte er. „Noch nicht." „Merkwürdig. So spät?" „Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte." „Nun, da kriegst Du doch eine Vorzugsklasse?" „Ich weiß nicht, vielleicht." „Du!" schrie der Vater ihn<m,«Weißt Du, was das