Anierhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 165.
Donnerstag, den 26. August.
( Nachdruck berboten.)
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Der Vorzugsfchüler.
Von Marie 6. Ebner Eschenbach.
( Schluß.)
Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau , die ist ein kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen, nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: fie mißgönnen mir die Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich," jagte ihn vorwärts. Er begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem Unüberwindlichen kämpfen zu müssen.
Wohin? Was sind Sie so eilig?" sprach eine wohl bekannte Stimme ihn an. Der Hausierer stand vor ihm. " Du?" sagte er, Du Salomon?"
Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu fißen, aus der Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen bis in die Späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so frank aus, und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplakten Stiefeln. Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den Warenkasten. 9
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,, Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr," sprach er und lachte. Ja, wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie unaussprechlich schmerzvoll diefes Bachen geklungen, fam ihm erst später zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann, daß Georg feine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief:" Junger Herr! junger Herr!"- drang schon lautes vielstimmiges Geschrei an sein Ohr: Im Wasser!" Hineingesprungen!"- Hilfe! Silfe!" Von allen Seiten stürzten fie herbei, rannten, krochen die fteile Böschung hinab, standen mit vorgestreckten Hälsen, Entfeßen oder stumpfsinnige oder abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten:" Da! dort! Siehst ihn?"
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Anstalten zur Rettung wurden getroffen vergebliche. Eine Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an einen Brückenpfeiler geschleudert.
Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe achtlos aus... Gott ! Gott ! Ins Wasser gesprungen in den Tod gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut gegen ihn gewesen war.
Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu erniedrigen. Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote standen, sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachfichtig zu klassifizieren, wenn der Bursche auch in letter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte.
Nachgelassen im Fleiße?" Das war dem Direktor neu. So viel er wußte, hatte noch keiner der Professoren sich über
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Georgs Mangel an Fleiß beklagt. Ich wäre froh", sagte er, ,, wenn ich allen Eltern so Gutes über ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht un begabt"
,,, das glaub ich!" warf Pfanner hochfahrend ein. " Durchaus nicht unbegabt," wiederholte der Direktor fühl, aber auch nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er befizt. Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn."
Der Offizial tam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, find große Männer geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.
Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen, stotterte fie, das ergste, das man sich denken könne. Er solle nur gleich mit ihr fomnien. Was ist das Mergste?" fuhr er sie an. Was ist's mit meinem Buben?"
Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung.
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Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Reichenbegängnis bereitet. Alle Professoren, alle Schulfameraden beteiligten sich daran. Meister Obernberger folgte dem Buge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi hatte heute allen Hochmut abgetan.
Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun, während die Mutter immer tiefer in sich zusammenfant.
,, Am besten für sie wär's," sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem Manne, wenn man sie gleich mitbegraben könnt."
Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.
,, Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden," dachte die Getreue.
Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze, die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte Pfanner ein dünnes Büchlein- das Vermögen des Kindes, das guldenweise zusammengesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende Troftlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!
Agnes kam leise heran.
Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm die Glückliche. Sie durfte ihres Kindes ohne Selbstborwurf gedenken, von ihr hatte es mit zärtlicher Liebe Abschied genommen.
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" Pfanner," sprach sie.
Er fuhr auf und starrte sie an mit Entfeßen. Wollte sie Stechenschaft von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen.
Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und sagte:
Du hast ja nur sein Bestes gewollt." Ueberrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte sein Gesicht hinein und schluchzte.