Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 166.

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Ita Haine.

Freitag, den 27. August.

Nachdruck yerboten.).

Novelle von S. Juschkewitsch*)" Autorisierte Ueberfehung aus dem Muffischen von A. Lampert Nose Biltrot, oder einfach Rose, war Stellenbermittlerin, und in ihrer großen und leeren, scheunenähnlichen Stube, die gleichzeitig als eine Art Bureau diente, gingen von früh bis spät viel Weibervolk aus und ein. Aber Frau Biltrot war nur selten zu Hause zu treffen. Sie hatte viel Geschäftsver­bindungen an allen Enden der Stadt, und der Tag war ihr fast zu furz, um überall rechtzeitig hinzukommen um so mehr, als sie immer zu Fuß ging, dabei aber nicht mehr ganz jung war, um rasch vorwärts zu kommen. Sie war Witwe. Shren Mann hatte sie schon vor fast dreißig Jahren begraben, aber wie die meisten jüdischen Frauen, wollte sie nicht wieder heiraten, obwohl es an Bewerbern nicht gefehlt hatte.

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1908

Ihre ganzen Mühen und Sorgen galten allein ihrer einzigen Tochter, die mit einem schwindsüchtigen Tischler ver­heiratet war, und alles was Rose verdiente, wurde für die Erhaltung seiner Gesundheit, für Aerzte und Apotheker aus­gegeben. Erst vor zehn Jahren hatte sie zur Stellen bermittelung gegriffen, fie sozusagen von ihrer älteren Schwester geerbt, die eines unerwarteten Todes starb, obwohl famen nene, und der Lärm verstummte auch nicht für einen ihr Aeußeres ein mindestens hundertjähriges Leben zu ver­sprechen schien.

Frau Biltrot, die nach dem Tode ihres Mannes eine lange Reihe schwerer, hungriger Jahre durchgemacht hatte, war diesmal rasch getröstet und ging mit Feuereifer ans Geschäft. Zuerst wollte es nicht recht flappen, aber sie verlor den Mut nicht und harrte aus, bis es endlich doch ging. Nach und nach erweiterte fie den Streis ihrer Bekanntschaften und eroberte sich im Lauf der Jahre eine so fefte Pofition, daß sie in den besten Häusern der Stadt geradezu unentbehrlich geworden war und daß man sich eher an sie, als an irgendein großes Bureau wandte. Selbst in der tollsten Zeit, wenn die Nachfrage nach Ammen enorm war, geriet Rose nie in Ver­legenheit, und als in allen Wöchnerinnenheimen und Bureaus die Ammenlieferung stockte, konnte man durch Rose genau so leicht Ammen beziehen, wie sonst. Im Frühjahr be­sonders war sie unübertrefflich, wenn es galt, weibliche Dienstboten zu vermitteln- denn im Frühjahr fuhren viele Mädchen und Frauen, die sich während des Winters einiges gespart hatten, wieder nach Hause aufs Land. Kurz, Rose galt als Talent, als Berimtheit in vielen Kreisen der Stadt und wurde auch von denen, die in Dienst gehen wollten, sehr geachtet.

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Wie gesagt, wurde ihr ganzer Verdienst gleichsam von einem Faz ohne Boden verschlungen, und da sie selbst nicht habfüchtig und gegen äußere Bequemlichkeiten durchaus gleich­gültig war, so lebte sie ein sonderbares, verwildertes Reben. *) Der Name des Autors der vorliegenden Novelle hat in Ruß Land einen guten Klang. S. Juschtewitsch gehört zu den Ver­tretern jener Richtung der russischen modernen Literatur, die vor allem die soziale Seite des Lebens zu erfassen und in künstlerische Form zu gießen sucht. Die Werke Juschtewitsche, von denen außer Jta Haine" noch besonders Die Juden" und" In der Stadt" zu nennen wären, atmen ein heißes Mitgefühl mit den Unterdrückten und Ent­erbten der heutigen Gesellschaft, deren Krebsschäden ihm nicht ver­borgen geblieben sind, und diese Seite seines Schaffens ist es, die ihm von der russischen Kritik den ehrenvollen Namen Sänger des menschlichen Leids" eingebracht hat. Das Milieu, dem Juschkewitsch seine Aufmerksamkeit vorwiegend zuwendet, sind die unteren und untersten Schichten der jüdischen Bevölkerung, die in den Städten des südlichen und nordwestlichen Nußlands in unsäglichem Elend dahinlebt. Ihre Leiden haben in ihm einen beredten Schilderer gefunden. In brennenden Farben entwirft er Bild um Bild aus diefen. den deutschen Leser so fremdartig anmutenden Milieu, ver­steht aber zugleich die angeschnittenen Fragen aus dem engen Rahmen eines fleinen Lebensausschnittes zu heben und ihnen höhere, allgemeinere Bedeutung zu verleihen. Ein ganz besonderes die der Eigenart des geschilderten Milieus entspringt, und die zu Gepräge aber erhalten die Werke Juschtewitsche durch seine Sprache, wahren der Uebersetzer nach Kräften bemüht war. Der Ueberseker.

Sie bewohnte ein riesengroßes Zimmer, das beinahe als Lanze boden hätte benutzt werden können und dessen ganze Aus stattung aus einem großen, nie geheizten Ofen, einer breiten, hölzernen, notdürftig mit einer furzen, schmuzigen Decke be deckten Bettlade, einem Tisch und einigen langen Bänken be stand, die hauptsächlich für die wartenden Frauen bestimmt waren. Da es aber immer sehr viele Frauen gab, so stand immer ein Teil von ihnen an den Wänden umher, ander, mit Säuglingen im Arm, faßen einfach auf dem Fußboden; doch fühlte sich Rose durch diese Unordnung und dies Gedränge gar nicht belästigt, im Gegenteil, sie waren ihr sogar angenehm. Selbst der Höllenlärm, dank dem man sich kaum verständigen fonnte, war ihr lieb, und sie fühlte sich ganz besonders gut aufgelegt, wenn sie, um überhaupt gehört zu werden, aus Leibeskräften schreien mußte. Schon am frühen Morgen ber ließ fie ihre Wohnung, aber fehrte regelmäßig alle zwei Stunden für ein paar Minuten zurück, um einen neuen Trupp Frauen mitzunehmen, mit denen sie wieder davon trabte. Unterwegs fuchte sie ihnen in allen ihr zu Gebote stehenden Sprachen bald russisch, bald kleinruffisch, bald jüdisch und sogar polnisch zu erklären, wie sie sich den mietslustigen Herrschaften gegenüber zu verhalten hätten. Die Reihen der Uebriggebliebenen schloffen sich enger, und der Lärm der lauten Unterhaltung und des Kindergefchreies wechselte nur seinen Platz. Statt der fortgegangenen Frauen Augenblick. Man redete hier laut, fuchte einander zu über­schreien, verstand sich doch, zankte und vertrug sich inmitten des Geschreies der Säuglinge, stillte seinen Hunger mit trockenen Kringeln oder Brot, löschte den Durst aus der Wasserleitung, die sich im Zimmer befand, schimpfte mitein­ander, rannte hin und her, wusch die Kinderwindeln, kehrte den Fußboden, und jede Frau gebärdete sich, als ob sie die alleinige Inhaberin der Wohnung wäre, die übrigen aber nur angenehme oder auch unangenehme Gäste. In diesemt Hin und Her verging der Tag rasch und ummerklich, alles was den Tag über getan werden mußte, wurde getan, und der folgende brachte nichts Neues mehr. Die Wellen der Stadt wogten gleichmäßig auf und ab, verschlangen eine be­stimmte Zahl Lohnsflavinnen oder warfen fie wieder aus, und die gestern in der Weststadt gearbeitet hatten, kamen heute nach der Nordstadt. So drehte sich dieses Rad tagaus, tagein, die Speichen bald oben, bald unten und brachte allen eine verhältnismäßig gleiche Summe von Freud und Leid. An einem Wintermorgen, der so falt war, daß die Tauben und Spaßen tot umfielen und auf den Straßen der Stadt offene Feuer branten, damit die Vorübergehenden fich wärmen fonnten, trat Ita Haine in die Wohnung der Vermittlerin.

Es waren noch wenig Leute da. Neben dem kleinen Defchen, worin ein lustiges Feuerchen flacerte, faßen einige Frauen bei einer wichtigen Beschäftigung. In der heißen Afche des Ofens hatten sie ein paar Kartoffeln geröstet; jett aßen sie sie vorsichtig, indem sie jede einzelne in zwei Hälften teilten und auf die verbrannten Finger bliesen. In der Stube war eine drückend- trockene Luft, noch verschlechtert durch den Geruch des glühenden Eisens. Rechts an der Wand lagen auf dem Fußboden die Kinder und schliefen sanft. Frau Biltrot faß in eigener Person auf ihrem schier eisenbahnwagengroßen Bett und trank Tee. Als Haine eintrat, drehten sich alle um, um sie durch irgendeinen Zuruf zu begrüßen, aber da niemand fie tannte, so hörten alle auf zu essen und zu schwagen und starrten sie neugierig an. Rose forgte sofort für die nötige Ordming:

,, Steh doch nicht auf der Schwelle und mach die Tür zu Wir sind, Gott sei Dank, nicht im Sommer." " Sind Sie die Vermittlerin?" fragte Haine, nachdem sie ergangenen Befehl gehorsam nachgekommen war. Ich bin's, und was willst Du?"

dem

ta bekam plötzlich Lust zu weinen, so beneidete sie alle um die Wärme und um die Kartoffeln, die manche der An wesenden aßen. Längst war es bei ihr zu Hause nicht mehr vermutete in Ita eine der Bettlerinnen, die den Weg zu ihr so behaglich gewefen. Was willst Du von mir?" wiederholte Rose, denn sie gut fannten.