Nnterhattungsblatt des Nr. 171. Freitag, den 3. September. 1909 ei Ita r>aine. lSachdruS»«rieten.) Novelle von S. Juschkewitsch. iluiorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. L a m p e r t. Ita war außer sich vor Freude. Sie blieb zwar der Form wegen noch einige Zeit da, aber konnte an nichts mehr denken. Sie hörte ringsum einzelne Phrasen und Sätze und wieder- holte gedankenlos Dutzende von Malen fremde Worte, aber ihr Kopf und Herz waren weit ab von diesem Ort. Endlich konnte sie es nicht länger aushalten und erhob sich. Sie kommen doch mit?" wandte sie sich an Manja.Es scheint, als ob es heute nichts mehr für Sie gibt. Ich will auf dem Heimweg etwas kaufen, und wir wollen zusammen Abendbrot essen. Ich glaube, meine Lage bessert sich." Manja wollte zuerst die Einladung ablehnen, aber sie besann sich und sagte zu. Dann kleideten sich beide rasch an und gingen in lebhafter Unterhaltung fort. Rose aber braute sich Tee, und behaglich auf dem Bett sitzend und das heiße Getränk schlürfend, ließ sie sich mit Vergnügen noch einmal die Geschichte erzählen, wie zwei Frauen sich wegen einem nichtsnutzigen Mannsbild gerauft hatten. Ita und Manja setzten indes ihren Weg fort. Ein schweres Gefühl hatte Jtas freudige Erregung abgelöst, und jetzt schritt sie dahin, versunken in finstere Gedanken, die sich nicht verscheuchen ließen. Manja merkte es, daß Ita ihre gute Stimmung verloren hatte, und folgte ihr schweigend. Aber sie konnte nicht lange ihren eigenen Kummer verbergen: «Da haben Sie nun bald eine Stelle, Ita. Sie glauben nicht, wie ich Sie in den paar Tagen lieb gewonnen habe. Es war wie eine liebe Erinnerung, diese kurze Bekanntschaft. Jetzt möchte ich gern, daß alles so bliebe, daß wir auch weiter zu Rose gingen, zusammen säßen, zusammen redeten und träumten. Ja zusammen, denn ich fange an, mich vor der Einsamkeit zu fürchten; mir tut alles weh, wenn ich allein bleibe." Ich Hab Sie auch liebgewonnen, Manja," flüsterte Ita, ;,aber wir dürfen es nicht tun. Wir müssen es verlernen, Manja. Wenn man jemanden lieb hat, gibts nur um so mehr Kummer nachher. Jetzt habe ich Mutter und Bruder vergessen aber wie lieb Hab ich sie gehabt. Jetzt kann ich ruhig von ihnen sprechen, aber wie Hab ich zuerst gekämpft, gelitten, ge- weint, bis das Leben meine Seele umgewandelt und sie ge- lehrt hat, an anderes zu denken. Jetzt habe ich mein Kind, und mein Herz tut von neuem weh. Sie können sich ja gar nicht denken, wie lieb ich es habe. Und nun freue ich mich, daß ich'in Stellung komme. Das ist aber so eine Freude, als ob man mir beide Hände hätte abschneiden müssen und nur die eine abgeschnitten hat. Einem fremden Kind gebe ich alle meine Mühen und Sorgen und meine Gesundheit, mein eigenes Kind wird bestohlen und sozusagen zu den Hunden geworfen. Ich begreife selber nicht, wie ich es tun kann." Alle machen es doch so," entgegnete Manja. i.,Was tun, wenn es nicht anders geht?" Das weiß ich auch, es geht nicht anders, aber es macht das Herz nur noch schwerer. Wenn ich wüßte, daß es anders geht, ich ginge nicht als Amme...." Sie gingen rascher, denn es dunkelte, und die Kälte nahm zu. Die Menschen, diese unnützen Wesen, die nur eine Staffage für die Straßen waren, rannten an ihnen vorbei, der scharfe Wind ließ sie laut prusten. Abgerissene Sätze klangen herüber und hinüber. Die Hufe der Pferde stampften auf den Schnee, Rosse schnoben, Kutscherrufe ertönten in der Abendluft. An manchen Stellen brannten bereits die Laternen, und ihr trüber Schein spielte und glitzerte in dem zarten Schnee, der auf dem Fußsteig lag. Schweigend legten Ita und Manja den Rest des Weges zurück. Sie froren dermaßen, daß sie kaum imstande waren, die Kiefern zu bewegen und daß ihre Lippen ihnen nicht ge- horchten. Was für ein entsetzlicher Winter," stammelte Mania mit großer Anstrengung, während sie mit Ita den Hof be- trat,und wir sind doch erst im November." Ita antwortete nicht. Jenes Gefühl deS Abscheus und jene unklare Unruhe, die sie stets bei ihrer Rückkehr nach Hause empfand, übermannten sie wieder, und nach dem eigen, tümlichen Herzklopfen und der leichten Kälte, die ihren Rücken überlief, wußte sie schon mit Sicherheit, daß die Angst, die Furcht im Kommen war. Sie verlangsamte ihren Gang und faßte Manja an der Hand, um ihren Mut aufrechtzuerhalten. Sagen Sie mir doch etwas Fröhliches," bat sie,ich brauche jetzt so sehr ein Wort der Hoffnung." Manja blickte sie verständnislos an: Ich weiß selbst nichts Fröhliches. Vielleicht Reichtum? Aber ich habe nie daran gedacht. Ein guter Mann, der mich recht lieb hat? Daran denkt man am besten gar nicht. Was denn noch? Wirklich, ich weiß nichts Fröhliches. Es bleibt mir doch nichts anderes übrig, als daß ich mich irgendwie bis zum Grab hinschleppe." Ita durchquerte nun rasch den Hof, den Blick starr auf ihre Wohnung gerichtet. Die Kammer war erleuchtet. Je- mand machte sich dort zu jchaffen und suchte scheinbar nach etwas, denn das Licht sprang bald hierhin, bald dorthin und warf gelbe Flecken auf den Schnee des Hofes. Jtas Herz krampfte sich vor Angst zusammen. Wenn er mich wenigstens heut in Ruhe ließe," dachte sie. Sie öffnete die Tür und trat als Erste ein als ob sie dem Unglück zuvorkommen wollte. Das unruhig springende Licht duckte sich plötzlich lauernd nieder. Ein Ita bis zum Grauen wohlbekannter Atem drang schwer und heiser an ihr Ohr. Instinktiv schob sie den Ellenbogen vor, um das Kind zu schützen. Neben ihr stand Michel, ohne Rock, in Hemdärmeln, mit einem dicken roten Tuch um den Hals. Sein Gesicht zuckte im Zorn, die Muskeln spielten wild, und ihre Anspannung drohte beinahe die sie bedeckende Haut zu sprengen. Eine dunkle Röte lag auf Stirn, Ohren und Hals, die Adern waren dick geschwollen und pochten deutlich. Er wollte etwas sagen, etwas rufen, aber erstickte beinahe am Zorncskrampf. Ita stand da mit ihrem im Winkel vorgeschobenen Arm, und ihr Gesicht war von einer entsetzlichen steinernen Ruhe. Manja schrie erregt ein paarmal auf. Der betäubende Knall einer niedersausenden Fliegenklappe ertönte. Dann wurde es wieder still. Von der Kraft des Schlages ward Ita plötzlich ganz klein, als ob man ihr die Füße abgerissen hätte. Sie saß auf dem Boden, ohne einen Laut von sich zu geben, legte das Kind neben sich, das Manja rasch aufhob, und wollte das Bett erreichen. Doch Michel kam ihr zuvor und packte sie am Schal und riß sie in die Höhe. Jetzt war Ita ganz zu- sammengekrümmt und ähnelte einer Toten in dieser starren Haltung. Aber sie war Michel zu schwer, fluchend warf er sie auf den Boden und schlug auf sie los, ohne zu sehen, wohin die Schläge fielen. Ita schützte geschickt ihr Gesicht vor ihnen� denn morgen sollte sie sich ja vorstellen. Sie war darauf be- dacht, nur den Rücken zu bieten, den sie wie eine Katze kriimmte und die Schläge halten laut, als ob sjx auf ein leeres Faß niedcrsausten. Doch bald hatte Michel an bloßen Faust- schlügen nicht mehr genug und versetzte ihr einige Fußtritts in die Seite. Ita stöhnte auf und kroch wieder auf allen Vieren dem Bett zu. Manja war vor Entsetzen wie gelähmt. So hast Du mir Geld dagelassen?" schrie er endlich, sie immer noch mit Fußtritten verfolgend.Willst Du mich, wie einen dummen Jungen, an der Nase herumführen? Deine Seele zieh ich aus Dir heraus für solche Faxen I Sag, warum hast Du für mich kein Geld dagelassen? Wart nur! In Dienst will sie gehen!" Ihre letzten Kräfte zusammenraffend, erhob sich Ita und setzte sich aufs Bett. Was sollte sie ihm sagen? Daß sie kein Geld bekommen hatte, obwohl sie gestern den ganzen Tag umhergelaufen war? Würde er es ihr glauben? Sie be- gann sich schweigend auszukleiden und weinte lautlos: Wenn doch der Tod bald käme!" Das Kind fing an zu weinen. Manja ging zu Ita, um ihr beim Auskleiden zu Helsen und ihr das Kind zu geben. konnte sich aber nicht mehr beherrschen und sagte im Vorüber- gehen zu Michel: Wäre ich an ihrer Stelle, ich hätte Sie getötet. Nachts hätte ich Ihnen sicher den Hals abgeschnitten. Sie sind doch