Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 176. Freitag, den Id September. 1909 Ita r>ainc. (Nachdrul! verboten.) 11] Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. Lamper t. „Das stimmt schon," sagte Eitel verblüfft ob dieser Logik und nicht imstande eine andere Antwort zu finden. „Das sage ich immer. Was hängen sich die Weiber an mich wie die Kletten, wenn das 5tind stirbt? Ich habe ja selbst nachher die Plackereien mit einem neuen, das sich erst an mich gewöhnen muß. Vor drei Monaten ist bei mir ein Mädchen gestorben.. „Wieso gestorben?" fragte Ita befremdet.„Eben haben Sie doch gesagt, daß nur das Eine bei Ihnen gestorben ist." „Hab ich das gesagt? Unmöglich. Ich habe mich also geirrt. Vor drei Monaten ist bei mir ein Mädchen gestorben. Ihre Mutter, die zwölf Rubel Lohn bekam, stellte mir die- selbe Frage und sogar mit denselben Worten. Ich hätte sie beinahe geohrfeigt. Nicht einmal mit Tränen oder im Zorn fragte sie mich— nein, nur um mich zu kränken. Das Kind hat ihr nicht mehr leid getan, wie diesen Bengeln da. Um- gekehrt, sie freute sich, weil sie jetzt mehr Geld für ihren Schatz hat." „Wieviel nehmen Sie den Monat?" fragte Eitel.„Zeigen Sie mir das andere Kind." „Das ist ganz was anderes. Ordentlich muß man reden und keine dummen Fragen tun. Gleich zeige ichs Ihnen." Sie stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers, zur Rückwand. Dort schlug sie einen von der Decke bis zum Boden herabhängenden Vorhang, der ein Bett verhüllte, zu- rück, und aus dem Dunkel erscholl deutlich ein Schmatzen. Als Ita und Eitel herantraten und ihre Augen anstrengten, sahen sie auf dem Bett ein unbewegliches Etwas, das in der Hand einen Lumpen hielt, an dem es, wie es schien, kaute. „Das ist das Kind?" fragte Ita.„Aber warum halten Sie es im Finstern? Es kann ja blind werden. Was hat es denn?" „Ich brauche es mir nicht sagen zu lassen, wo ich das Kind halten soll. Wo ich es halte, dort ists gut. Sonst würde es nicht still sein. Und zu essen gebe ich ihm Komniisbrot. Alle meine Kinder habe ich so aufgezogen. Ich nehme das Weiche vom Brot, streue feinen Zucker darauf, binde es in Läppchen ein und übergieße das Ganze mit warmem Wasser. Das Kind hat den ganzen Tag was zu pappen und ist ruhig, wie ein Täubchen. Glauben Sie nur, wenn das Brot Sol- daten gut bekommt, so ist es für Kinder noch viel besser." „?tun, und Milch?" unterbrach sie Eitel. „Auch ein bißchen Milch kriegt es," wiederholte Mirel, „aber ich kann Ihnen nur sagen, es geht gegen mein Gc- wissen, es ist nur ein dummes Vorurteil. Was ist denn Milch, sagen Sie es mir doch? I ch will es Ihnen sagen. Milch ist einfach weißes Wasser. Die Leute sind dumm und ich auch. Wollt Ihr weißes Wasser— bitte schön, da habt Ihr weißes Wasser. Aber ich weiß doch, Kommisbrot ist das Beste für Kinder. Seht nur, wie sie daran lutscht: sie hat so eine Kraft in ihren Lippen. Sie kann aus ihrer Haut das Blut aus- saugen: Sie können es nicht. Wollt Ihr sie sehen?" Sie nahm das Kind aus dem Bett, zupfte und glättete es zurecht, und nun erschien vor den beiden Frauen ein richtiger kleiner Krüppel, ein förmlich ausgehungertes Geschöpfchcn, kaum sieben bis acht Pfund im Gewicht. Das Mädchen sah im Gesicht einem traurigen, mißmutigen alten Weibchen ähn- lich, und ihr Körperchen war wie eine Karikaturzeichnung. Die Aermchen— zwei lange dünne Linien, die Beinchen— ebenso, eine etwas dickere Linie in der Mitte— der Körper. Ihre Lider, die ganz von trockenem Eiter verklebt waren, konnte die Kleine nicht aufmachen, und man sah nur, wie sich unter ihnen die vom Tageslicht gereizten Augen hin und her bewegten. „Gefällt sie Ihnen?" fragte Mirel.„Nicht wahr, sie ist hübsch, wenn auch ein bißchen Mager. Nur ihre Augen machen mir Sorge. Ich muß mal mit ihr zu einer Frau, die sich auf Augenkrankheiten versteht. Das Kind braucht seine Mutter wahrhaftig nicht. Sie ist nur sechs Monate alt und so artig, wie eine Große. Ich habe sie sehr lieb. Warten Sie, ich will ihr die Augen aufmachen, da werden Sie sehen, wie hübsch sie ist." Sie wischte rasch mit einem Läppchen dem Kind die Augen ab, leckte ein paarmal seine Lider und öffnete sie ge» schickt mit der Zunge. „Hübsch, was?" sagte sie zu Eitel. „Und jetzt tanz mal ein bißchen, die Gäste sollen sehen, wie Du munter bist." Sie warf sie ein paarmal in die Höhe, aber das arme Wesen stöhnte nur kläglich und fiel kraftlos in sich zusammen. „Sie hat Schlaf, das arme Ding," erklärte Mirel.„Gelt Du hast mich lieb. Nein, nein, jetzt quäle ich Dich nicht mehr, schlaf nur." Sie legte das Kind auf seinen alten Platz, gab ihm den Lappen mit Brot und kehrte zu den Beiden zurück. „Und man fragt mich noch, warum ein Kind stirbt, ja, man wagt es zu tun, obwohl ich für all meine Liebe und Sorge nur sechs Rubel monatlich bekomme. Bin ich nicht ein Engel?" Eitel war schon bereit ihr beizupflichten, als jene beiden Ammen, die sie morgens getroffen hatten, eintraten. Sie drückten ihre Verwunderung über die unerwartete Begegnung aus, und die Unterhaltung wechselte vorübergehend ihr Thema. Mirel aber, änderte angesichts der steigenden Nachfrage Plötz- lich die Front und erklärte bald aufs allerbestimmteste, kein Kind unter acht Rubel zu nehmen. „Im Winter," philosophierte sie, einen Einspruch Gitels beantwortend,„im Winter ist es anders. Sechs Rubel nehme ich nur im Sommer. Im Winter nehme ich nicht weniger als acht: auch wenns sich um meine eigene Tochter handelte. Wollt Ihr denn, daß mein Mann, der so hart arbeiten muß, seine paar Groschen mit Euren Kindern teilen soll? Man muß ja ein Unmensch sein, um so was zu verlangen." Das Feilschen wurde immer hartnäckiger. Alle andere Unterhaltung wurde beiseite geschoben, und man ging zum offenen Krieg über: man kämpfte um jede Kopeke, rechnete alles nach, was ein Kind im Monat brauche, aber Mirel wankte und wich nicht. Der Streit entbrannte immer hitziger: die Be- werberinnen stritten heftig miteinander, fast wäre es statt allem zu Schimpfreden gekommen. Endlich nach einem halb- stündigen Kampf mit den Andern und mit Mirel, trug Eitel den Sieg davon, indem sie das höchste Angebot von sieben Rubel machte. Ita beteiligte sich nicht an dem Handel und schwieg entsetzt und erschrocken durch das, lvas sie hier sah und was sie für die Zukunft ahnte, und trotzdem hoffte sie noch insgeheim etwas zu finden, was ihren Ansprüchen ge« nügen würde. Als sie endlich Mirel verließen, sagte Eitel strahlend zu Ita: „Sie wissen nicht, wie glücklich ich bin. Das ist eine Perle von Frau. Wenn die Hälfte dieser Frauen so wäre wie Mirel, könnten wir ihnen ruhig unsere Kinder anver- trauen." „Ich weiß nicht, was Sie da Gutes gesunden haben," er« widerte Ita kalt,„nach drei bis vier Monaten stirbt ja Ihr Junge bei ihr." „Und vielleicht erst nach sechs? Woher wissen Sies so genau. Wenigstens sechs Monate werde ich Mutter sein, das ist schon einen Dank wert. Ich habe ja noch ein Herz. Oder meinen Sie, ich verwünschte es, Mutter zu sein? Oder bin ich nicht glücklich genug, wenn ich für mein Kind zu sorgen habe? Sie irren sich gewaltig, Ita. Ich pflege und nährs ja ein fremdes Kind zum Teil auch nur, um für das meinigs zu verdienen. Ich blühe auf, wenn ich ihm Geschenke bringe — Zucker, Kleidchen, alles was ich hei meiner Herrschaft bekommen und nehmen kann. Denken Sie, daß ich keine Freude daran habe? Ich weiß natürlich, daß Mirel ihm nicht alles gibt, aber etwas bekommt es doch, und das Kleidchen seh ich sicher an ihm. Und so habe ich ein paar Monate etwas, wo- für ich leben kann. Mehr will ich selber nicht, ich kann es nicht — was soll ich mit Kindern anfangen? Bei einer andern Frau würde es aber keine zwei bU drei Monate am Leben bleiben. Ich bin jetzt sehr glücklich, Ita." „Es ist ganz unmöglich," sp'ach Ita ernst,„daß ich so werde wie Sie." „Ich zürne Ihnen nicht, Ita. Sie meinen es ja auch nicht bös. Aber ich bin auch nicht schuld daran, das können Sie
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26 (10.9.1909) 176
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