Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 178.

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Ita Haine.

Dienstag, den 14. September.

( Nachdrud berboten.)

Novelle von S. Juschkewitsch. Autorisierte Uebersehung aus dem Russischen von A. Lampert.

1909

Aber Michel, ich habe Dir ja alles gegeben, was in der Stube war; Du hast ja gar kein Gewissen, Michel."

,, Sättest nur versuchen sollen, es mir nicht zu geben- ich hätte Dir schon längst ein Mess: e in die Seite gestochen!" Jerwiderte er zornig. Und noch eins fag' ich Dir: ärgere mich nicht. Gib mir Geld!"

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Aber um Gotteswillen, Michel, Du bist nicht bei Sinnen. Woher soll ich Geld haben? Ich stehle nicht und mache keine falschen Münzen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich hatte." Viel hast Du gegeben. Solltest lieber still sein. Zwei Rubel! Auch ein Geld."

Nachts beraubte Ita sich einige Minuten des Schlafes und dachte nur an ihn, und es war ihr, als ob alles Glück, von dem sie träumte, von selbst käme, wenn sie sich an seiner Brust aus­weinen würde. Am Tage dachte sie stündlich an ihn, gab sich der süßen Hoffnung hin, daß er gleich kommen würde, daß, Aber natürlich Geld und noch dazu teures Geld. Du wenn nicht sie selbst, so doch ihr Geld wie ein Magnet ihn vergißt, was es mir koftet. Dies Geld ertrinkt nicht im heranziehen würde, wenn er auch noch so entfernt wäre. All- Wasser*), und Du wirfst es für Kartenspiel fort." mählich hatte sie sich in eine derartige Stimmung bersetzt, Das geht mich nichts an; wo Du es her hast, ist Deine daß sie, als er endlich( zwei Tage, ehe man ihr ihr Kind Sache, ich aber brauche Geld. Ich erlaube Dir nicht, für bringen sollte) erschien, wie eine Verrückte die Treppe hin- zwölf Rubel zu dienen. Kannst lieber bei mir sterben, als unter zu ihm stürmte. Der Hof war stark verschneit und sogar so'n dreckigen Lohn verdienen. Wenn Du nicht höheren Lohn im Torweg, in dem Michel sie erwartete, lagen große Schnee- verlangst, kannst Du Deinem füßen Leben Adieu" sagen, haufen. Sta erkannte ihn schon aus der Ferne an seiner Und für morgen will ich drei Rubel." Gewohnheit, die Hände in den Taschen zu vergraben. Rasch fief fie auf ihn zu, gegen den scharfen Bugwind an, der hier wehte. Es dunkelte bereits und auf der Straße waren fast feine Bassanten zu sehen. Ita trat an ihn heran, das Herz so voll, daß sie vor Erregung feine Worte für ihre Gefühle finden konnte, er aber blieb unbeweglich stehen mit gespreizten Beinen und die Hände in den Taschen.

Kommt, feßen wir uns," flüsterte sie, sich auf der für Sen Dwornik( Hausmeister) bestimmten Bank niederlassend. Er setzte sich neben sie, und daran, wie er es tat, wußte Sie sofort, daß er furchtbar böse gegen sie war. Aber in ihrem Ueberschwang an guten Gefühlen war sie dadurch gar nicht beunruhigt.

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Warum bist Du nicht zu mir gekommen?" fragte er hart. Wenn Du dort gut und viel zu fressen hast, bin ich doch nicht satt davon. Lange wird's so nicht dauern- mert's Dir."

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Ita besann sich darauf, daß sie wirklich gut zu effen be­fäme, und trotz feines heftigen Tones, der ernüchternd auf sie gewirkt hatte, empfand sie aufrichtiges Mitleid mit ihm. Glaub' mir, Michel," entgegnete fie, daß ich jeden Bissen mit Tränen begieße. Aber nicht nur," fette fie eilig hinzu, weil Du nicht so gut ißt wie ich, sondern weil ich auf unser ganzes Leben zurückblicke und sehe, wie schrecklich und häßlich es war."

" Das ist mir viel zu lang und interessiert mit soviel wie der vorjährige Schnee. Kannst in Dich hineinstopfen soviel Du willst, meinetwegen bis zum Ersticken, aber ich will ja einen Nußen davon haben. Wenn Du gut leben willst, mußt Du mit mir teilen."

Wo soll ich sie hernehmen?" sagte Ita leise und die Angst rieselte ihr kalt über den Rücken, ich habe schon für einen Monat Vorschuß genommen und überall bezahlt."

Plöglich flog fie von der Bank: Michel hatte ihr einen Stoß versett und ihr Tuch rutschte ihr von den Schultern herab, als sie wieder aufstehen wollte.

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Hör' auf!" rief sie flüsternd und packte ihn an der Hand, Du bist doch nicht zu Hause! Es könnte jemand sehen. Was quälst Du mich? Will ich denn Deine Bitte abschlagen? Sch würde ja gern meine Seele verkaufen, um nur Dich los­zuwerden, Du Unhold."

Schweig, sonst kriegst Du noch mehr. Morgen komme ich und hole das Geld." Ita stand schon da, bereit, bei der ersten Bewegung michels zu entfliehen.

sch komme," wiederholte er. Wenn Du keins bekommst, fannst Du's stehlen, das ist das beste. Und wenn ich keins bekomme, friegst Du Prügel, daß Du's einen Monat lang spürst. Wo ist jetzt der Junge?"

Das, Michel, sage ich Dir nicht um die Welt. Alles will ich ertragen, aber das Kind gebe ich Dir nicht." Sie stockte einen Augenblick. Ich denke, wenn Du in zwei bis drei Tagen kommst, habe ich für Dich Geld. Ich nehme Vor­schuß oder borge bei Gitel."

,, Nein, morgen."

Das ist ja nur Trok, Michel. Du bist ein so sonder­barer Mensch. Wahrscheinlich weiß ich doch, daß ich morgen fein Geld haben kann; ist es mir denn nicht gleich, wenn ich es Dir doch einmal gebe? Komm in drei Tagen, Michel." Nun gut," gab er nach, das sind ganz andere Reden. Sta wurde immer gleichgültiger gegen ihn und begriff Immer mußt Du mich ärgern. Ich bin ja so aufbrausend nicht, wie sie seinen Charakter so gründlich vergessen konnte, und schieße gleich los wie Pulver. Tut's Dir noch weh? wie es möglich war, daß sie sich nach ihm gesehnt, ihn bemit- Hast Du vielleicht 20 Sopeken, ich habe seit heute morgen leidet hatte. Die ganze Freude, die vor wenigen Sekunden nichts gegessen." noch in ihr getobt hatte, war erloschen, es blieb nur der Ita wußte, daß er log, und seine angeblichen Sorgen um angenehme Gedanke, daß sie nicht mit ihm gehen müsse, son- sie waren ihr doppelt zuwider. dern ein wenn auch unfreier, so doch von ihm unabhängiger Mensch sei.

Warst Du beim Kind?" fragte sie, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

,, Was soll ich dort? Aber wenn ich einmal hingehe, so ist's nicht zum Guten, daß Du's weißt. Ich vergesse nicht, daß er mir acht Rubel aus dem Munde stiehlt."

Ich habe 10 Kopefen," sagte sie, sich bezwingend ,,, ich fann fie Dir geben. Da, nimm." Und plöglich weicher werdend, setzte sie hinzu: Wenn Du nur ein ordentlicher Mensch werden wolltest, so hätten wir noch ein Leben. Wenn Du arbeiten würdest

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Red' keinen Quatsch!" unterbrach er sie roh ,,, ich kann Deine ewige Arbeit" nicht leiden. Nur die Dummen " Hab' ich denn das Kind nicht von Dir?" rief Jta bitter arbeiten, den Gescheiten geht es auch ohne Arbeit gut. Adieu and gereizt. Hast Du es denn nicht gewollt? Was kann das in drei Tagen komme ich wieder. Wenn Du das Kind Kind dafür? Denke nur, wie unglücklich es ist. Hat man siehst, füsse es von mir." denn dort Mitleid mit ihm? Hat denn jene Frau einen Beim Worte, Kind" konnte sie sich nicht länger be­Tropfen Blut für ihn vergossen? Weißt Du nicht mehr, herrschen und schluchzte auf. So nahe schien das Glück und wie gut es uns schon fannte, wie es an uns hing? Kannst trotzdem so unmöglich. Mit demselben Michel könnte noch Du denn im Ernst daran denken, sein Geld zu verschwenden?" alles gut werden, wenn er nur einen anderen Charakter ,, Gut, gut, aber Du hättest doch eine Frau auch für fünf hätte. Ein Mensch war neben ihr und doch war es keiner. Rubel finden können. Aber Du bist so dumm, daß man Dir Sie weinte, von Michel abgewendet, damit er ihre Tränen nichts überlassen kann. Wie fonntest Du nur auf zwölf nicht verhöhnen könne, aber ihr Herz wurde immer mehr zu Rubel Lohn eingehen? Wie konntest Du es wagen, acht Rubel für's Kind zu zahlen? Hast Du denn dabei an mich gedacht?"

*) Nach dem Voltsglauben sind heilige Dinge vor dem Er. trinken sicher.