Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 183.
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Ita Haine.
Dienstag, den 21. September.
KNachdrud berboten.)
Novelle von S. Juschtewitsch.
1909
Sta machte einen Schritt auf sie zu, fab sie aufmerksam an und sagte mit bebender Stimme:
,, Was ich geschehen? Ich kenne Sie gar nicht." Sie stand leichenblaß da und fühlte, wie ihre Knie zitter ten. Das Kind schrie jezt, und sein Gesicht, das eben noch so freudig gelacht, drückte eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Leben aus. Sta nahm es mechanisch in die Arme und gab. ihm die Brust, um es zu beruhigen.
Die Nachrichten aus der Vorstadt lauteten mit jedem Tage beunruhigender. Täglich erfuhr Ita durch eine der Ammen von einem neuen Sterbefall und strengte alle Kräfte an, um nicht den Mut zu verlieren. Dann kam wieder eine ,, Esther schickt zu Ihnen," sagte die Frau teilnahmlos, Reihe gewöhnlicher Tage mit ihren einförmigen Sorgen und Ihr Kind ist nachts erkrankt und nimmt heute keine Brust alltäglichen Interessen, und diese verdächtige Ruhe dauerte mehr. Aber haben Sie keine Angst, ich habe den Nat gegeben, so lange, bis aus der Vorstadt feine schlimmen Nachrichten den Hals mit Speck zu verbinden, damit er warm werde. famen. Aber eines Tages wurde alles anders. Als ob eine Esther hat freilich nicht darauf gehört und jetzt geht's ihm Schleuse geöffnet wurde und nun alles Böse und schlimme, natürlich schlimmer, aber man braucht noch nichts zu fürchten. das schon lange dahinter gelautert hatte, in unaufhalt- Mein Kind war vor zwei Jahren noch viel gefährlicher frank, famem Strom einherraste. Das eigentliche Uebel hatte schon aber ich hatte keine Angst und jezt ist es gesund. mit dem Tod von Gitels Kind begonnen, das als erstes
Vor Angst und von dem Ton dieser teilnahmlosen Opfer der Seuche fiel. Obwohl verschiedenes über die Todes- hölzernen Stimme wurde es ta ganz wirr im Kopfe. Sie ursache des Knaben geredet wurde, war es in Wirklichkeit an fette sich schweißgebadet und ihr Gesicht wurde plöglich Krupp gestorben, und da er in dieser Saison der erste war, runzelig.
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Angst zu haben, aber man fann ja nie wissen. Jekt ist die ,, Kommen Sie mit zum Kind? Man braucht natürlich keine Saison, und die Kinder fallen wie gemähtes Gras."
fie das Entſeben.
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Warten Sie," sagte sie endlich, ich gehe gleich mit
Ihnen."
gab er dadurch seinen in der Vorstadt zerstreuten Leidens- Was nun?" fragte sie endlich, als sie zu verstehen begann genossen sozusagen das Zeichen zum Aufbruch. In den und sich einem momentanen Glauben an die Worte dieser mächsten Tagen fam zwar die Krankheit nirgends mehr zum Frau hingab. Was soll ich jest tun?" Vorschein, und die Bevölkerung begann sich zu beruhigen. Da trat plötzlich der Tod in den verschiedensten Enden der jeder Zug in ihm schien zu sagen: man braucht nichts zu Das Gesicht der Unbekannten war jest ganz erstarrt und Stadt auf, raffte einige Kinder hinweg, verschwand wieder fürchten. Die Gedanken tas arbeiteten fieberhaft, aber ihr für einige Zeit, um sich dann, genährt von den Unreinlich Gefühl begriff noch nicht den Ernst des Augenblicks. Alle ihre teiten des Elends, gereift in der warmen Sonne, erwärmt nstinkte schliefen noch und sie empfand nur einen Aerger and geliebkost von der Lenzesluft, regelmäßig und unabwend- darüber, daß das Kind frank sei und ihr ruhiges Leben störe. bar nach allen Seiten zu verbreiten. Er ging wie ein ver- Der Anabe war in ihren Armen eingeschlummert, sein Röpfirrter Wanderer von Haus zu Haus, von Stube zu Stube, hen ging jetzt mit dem Atem Itas auf und ab. blieb überall nur kurze Zeit, ging wieder weiter, und eine Lange Reihe von Kinderleichen, die man kaum so schnell fort: zuschaffen vermochte, zeichnete seinen Weg. In der Vorstadt hatte sich bereits jenes fieberhafte Leben und Treiben entwickelt, das in der Beit einer Epidemie auftritt, wo jeder sein ta zudte zusammen und stand auf, immer noch das Kind in Sie machte eine Bewegung, als wenn sie gehen wollte. Feuerstes, sein Blutverwandtes vor der Krankheit zu behüten den Armen wiegend. Biellos ging fie durch das Bimmer, sucht. Auf die Pflegekinder achtete niemand, duzendweise und je mehr sie an ihren Jungen dachte, desto mehr packte wurden sie tagsüber auf den Friedhof geschafft und nach ihrem Tod fofort vergessen, verschwanden sie unbemerkt aus Dieser Welt, wo sie vom ersten Tage ihres Lebens an des Rechtes auf ihre Mutter, auf Liebe und Brot beraubt waren. Die Frau sette sich gehorsam wieder hin und begann zu Sie starben entkräftet und erschöpft, kämpften mit ihrer Strankheit in den schmutzigen Eden elender Kammern, ohne erzählen, aber sie brachte es fertig, mindestens zwanzigmat jegliche Aufsicht und Pflege. Sie fielen den zahllosen Para- einzuschalten, daß nichts zu fürchten sei, und für Sta wurde fiten und Fliegen zum Opfer, die ihnen in Nase, Ohren, wäre. Nachdem sie das Kind recht und schlecht ins Bettchen es schließlich so quälend, daß sie am liebsten fortgelaufen Augen frochen, und ihre Verweſung trat bereits ein, noch ehe Sie den letzten Atemzug getan hatten. In allen diesen Häusern getan und in Schlaf gewiegt hatte, ging sie, die Erzählerin des Elends und der unwillkürlichen Verbrechen ertönten Tag unterbrechend, zur" Gnädigen", sie um einen Ausgang zu bitten. Als diese aber erfuhr, daß Stas Kind frank sei, gab bitten. Alle diese aber erfuhr, daß Stas Kind frank sei, gab und Nacht die Klagen und das Röcheln der Kinder, mit der es einen unangenehmen Auftritt. Lieber wollte sie noch höchsten Anspannung arbeiteten die kindlichen Muskeln, um hundert Skandale von Michel ertragen, aber sie begriff es Schließlich den Krämpfen und der Agonie zu erliegen. Nach ben Anfällen lagen fie da, bedeckt von Schwärmen trium- nicht und wollte nicht darauf eingehen, daß Ita ihr frankes phierender Fliegen, allen übrigen Bewohnern im Wege, und Kind besuchen wollte. bie aufrichtigen Tränen ihrer Mütter, die an der Seite Nein, nein," entgegnete sie Sta hartnäckig, ich kann Sie fremder, mit besseren Schicksalen gesegneter Kinder über die nicht hingehen lassen, Sie müssen es doch selber begreifen. Ich ganze Stadt verstreut waren, begleiteten sie nur selten zu dachte, Sie wären eine ordentliche Frau, und jetzt sehe ich ihrer ewigen Ruhestatt. Berdorben, elend, eingeschüchtert Sie sind schlechter als Gott weiß wer. Ich habe Sie aus dem Stahlen sie, die ihren Kindern die Milch gestohlen, ihnen auch Schmuz gezogen und zu einem Menschen gemacht, und Sie das Lette; sie konnten nicht mehr anders. Und der Tod, dem wollen zum Dank dafür mein Kind zugrunde richten. Ihr feine Mutter auf seinem Wege entgegentrat, triumphierte Kind wird nicht davon gesund, ob Sie zu ihm kommen oder und breitete drohend seine schwarzen Flügel über das Reich nicht. Michel soll es ins Krankenhaus bringen. Ich will Der Kinder aus. Ihnen dafür ein paar Rubel extra geben. Nur sollen Sie mit ihm nichts zu tun haben. Es hat gewiß eine schlimme Krankheit, und Sie werden mein Kind anstecken. Hab' ich denn mein Kind nicht lieb?"
Eines Morgens spielte ta mit dem Kinde, das sie eben aus dem Bettchen geholt hatte. Sie stürzte sich auf den Knaben, drückte ihr Gesicht an seinen dicken Hals, bellte laut und fibelte es durch ihre Küsse. Das Kind lachte und krähte bor Wonne, riß sie an den Haaren. Sta vergaß alles um sich herum und war glücklich in seinem Glück. Plößlich öffnete sich die Tür, sie hörte fremde, laute Schritte im Bimmer. Ita drehte sich rasch um und sah, von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen, eine ihr unbekannte Frau.
Machen Sie mit mir was Sie wollen," erwiderte ta, auf ihrem Verlangen bestehend, ich kann aber nicht anders ich sterbe vor Angst. Ich muß hin. Ich habe mein Kind ebenso lieb wie Sie das Ihre."
Sie fing an zu weinen und versuchte, das Herz der Gnädigen" zu rühren.
Guten Tag," sagte die Frau mit einer gleichgültigen Stimme und betrachtete das Bimmer, ich bringe Ihnen eine sehen. schlechte Nachricht. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben." laffen.
Denken Sie sich an meine Stelle. Ich muß mein Kind Ich werde sonst verrückt. Sie müssen mich geben Sie selbst müßten mir befehlen, hinzugehen. Ich bin