Unterhaltungsblatt des
Nr. 184.
Mittwoch, den 22. September.
1909
19]
Ita fiauic.
(Nachdruck verdaten.)
Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch.
�-„Jch denke," sagte Esther mit ihrer unangenehmen tiefen Stimme,„daß es sich gibt. In der Nacht ging es ihm viel schlimmer. Nur das Fieber beunruhigt mich. Sehen Sie mal nach." Ita befühlte seine Stim und drückte sofort einen Kuß idarauf. „Er ist ganz heiß," antwortete Ita,„und blau. Mein Gott, wenn nur Michel da wäre. Wissen Sie was, liebe Esther, am besten ist es. wir bringen ihn ins Krankenhaus. Wie denken Sie? Dort hat er auch eine andere Pflege, nicht wahr? Natürlich, wenn Sie keine eigenen Kinder hätten..." „Ja. es ist besser so, und ich freue mich, daß Sie Einsicht haben. Ich habe Angst.. Man muß gleich mit ihm hingehen. Gaben Sie Geld?" „Ja, Esther. Aber man kann ihn doch nicht allein dort lassen. Wenn Sie, liebe Esther, so gut sein wollten s,." Escher setzte sich und sah sie argwöhnisch an. „Ja, ja, so gut," erwiderte Ita.„Nur Ihre Güte brauche ich jetzt. Das Kind ist ja an Sie gewöhnt. Sie sind jetzt Leine Mutter, nicht ich. Glauben Sie mir, ich würde ja mit Freude, mit Glück, mit Herzensdank bei ihm im Krankenhaus bleiben, aber es kennt mich ja nicht. Ich verstehe ja alles, Esther: Sie haben Mann und Kinder und den Haushalt, aber ich werde Ihnen dafür bezahlen, ich will ja keinen Schritt von Ihnen umsonst. Sie müssen mit ihm im Krankenhaus bleiben." „Nein, Ita, das kann ich nicht. Auch für noch soviel Geld iricht. Mein Mann muß schwer arbeiten, Ita. Ich habe Kinder. Ich kann es nicht, Ita.".4 *„Aber ich bitte Sie. Esther, ich flehe Sie an. Ich flehe nur. Esther, weiter nichts. Habe ich denn das Recht, es zu verlangen? Esther, Sie haben ja keine Ursache, mit mir im- zufrieden zu sein. Was Hab' ich nicht alles für Sie getan. Ich habe für Sie mehr und besser gesorgt als für mich selbst. Sie wissen ja selber, wie ich immer zu Ihnen war. Ich bitte Sie. haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, so mit dem Kind." Ita fuhr fort, sie zu bitten, weinte und schmeichelte ihr, aber sie weigerte sich immer wieder. Allmählich begann Esther sich zu ärgern und ging endlich zum offenen Schimpfen über. „Wenn Sie unglücklich sind," schrie sie,„wozu haben Sie Ihren Jungen einer so glücklichen Frau gegeben, wie ich es war. Sie haben ihn absichtlich mir gegeben, um mich Unglück- lich zu machen. Ich habe es sofort begriffen, als ich Sie zum ersten Male sah. Ich hab's mir gleich gesagt: diese Frau bringt mir Unglück." Ita sagte nicht nein und bat sie nur um so inständiger. Aber Esther ließ nicht nach und warf ihr schon ein anderes Laster vor. „Mit niemanden Hab' ich so eine Not wie mit Ihnen," stichelte sie.„Das Kind ist krank, keiner macht solche Ge- schichten. Sie sind nicht die erste Person in der Stadt, meine Liebe, vergessen Sie das nicht. Sie sind nur Amme, weiter nichts. Gehen Sie und lernen Sie zuerst, wie man leben soll, lernen Sie, wie solche Frauen wie Sie sich bei Krankheit und Tod ihrer Kinder zu benehmen haben. Keinen Ton sollte man hören, keinen Seufzer. Hier sterben Dutzende und es gibt keinen solchen Lärm, wie Sie wegen dem einen machen. Sie sterben ohne viel Aufhebens, so werden sie auch begraben, und jeder geht seinen Geschäften nach. So muß es auch sein. Sind denn Eure Kinder auch Kinder? Nur zum Spaß kann man sie so nennen. Denken Sie nur, wozu sollen sie groß werden? Wer braucht sie? Sie haben Ihr Kind lieb. Alle haben ihre Kinder lieb, aber niemand wird deswegen verrückt. Gehen Sie mit ihm ins Krankenhaus und lassen Sie mich in Ruh." Aber sie sprach nicht mehr in dem früheren unerbittlichen Ton, und als eine Nachbarin hinzukam und sich auf Jtas Seite stellte, wurden die Frauen schließlich einifj. Einige Schmeichelworte Jtas taten das übrige. Esther ging endlich
darauf ein, mit dem Kind im Krankenhaus zu bleiben und packte ihre Sachen. Als sie aus dem Haus traten, war es schon Mittag. Nach ein paar Schritten erklärte Esther, sie sei müde, und verlangte in der Droschke zu'fahren. Ita entgegnete nichts und nach wenigen Minuten rollten sie durch die Vorstadt, ganze Staubwolken aufwirbelnd... Bei der Einfahrt in die Stadt sah sie plötzlich Michel, der sich mit einer Frau vor der Haustür eines Bordells niederer Sorte unterhielt. Ihr Herz zog sich zusammen.aber sie bezwang sich und rief ihn beim Namen. Er kam heran und wollte schon gehen, als er erfuhr, um was es sich handelte; aber Ita bat ihn so flehent- lich mitzukommen, daß er schließlich einwilligte und der Frau zuwinkend sich in die Droschke setzte. Im Krankenhaus wurden sie sofort vorgelassen. Als der Arzt das Kind untersucht hatte, schüttelte er den Kopf und ordnete seinen Transport in die Jnfektionsbaracke an. Ita überlief es kalt, denn sie merkte es an dem Gesichtsausdruck des Arztes, daß es schlimm um das Kind stand. Aber dies genügte ihr nicht, und mit schüchterner Stimme befragte sie den Arzt. Der fuhr mit der Hand durch die Lust und sagte nur das eine Wort:„Krupp". Michel ging, die Hände hinter dem Rücken, auf den Zehenspitzen auf und ab und verfolgte neugierig alles, was hier vorging. Die Krankheit des Kindes rührte ihn nicht, aber da er die angenehme Aussicht hatte, von Ita Geld zu bekommen, so tat er, als ob er alles verstünde und darüber traurig sei. „Hörst Du, Michel," flüsterte sie ihm zu, denn sie fürchtete sich hier laut zu reden,„der Junge hat Krupp. Unser Kind ist verloren." In ihren Augen standen Tränen der Verzweiflung, und jetzt blickte sie Michel an, suchte an ihm Stütze und Trost, um nicht allein die Last ihres S merzes zu tragen. Michel sah sie an, und einen Augenblick gerührt, murmelte er: „Was kann man tun, Ita, was kann man tun?" Beini Ton dieser weichen Stimme erbebte Ita, und nur der Respekt und die Furcht vor dem Ort, wo sie sich befanden, hielten sie vor lautem Aufschluchzen zurück. Sie stand noch eine Weile neben ihm und wartete, ob er nicht noch etwas sagen werde, da er aber schwieg, so ging sie vom Kinde Abschied zu nehmen und gab Esther zwei Rubel„für ihre Güte". Lange stand sie in dem langen steinernen Korridor des Krankenhauses, dessen Düsterheit so ganz zu ihrer Stimmung paßte und sah Esther nach, bis sie verschwand. Sie stammelte Worte den Dankes und des Segens, ohne zu bemerken, daß Tränen in Strömen über ihr Geficht flossen.- Michel hatte sich schon längst beruhigt und mahnte zum Auf» bruch. Als sie bereits auf der Straße waren, seufzte er heuch, lerisch und bat um einen Rubel. Ita richtete einen langen, vorwurfsvollen Blick auf ihn, aber sagte nichts, und gab ihm die letzten achtzig Kopeken, die sie noch von den drei Rubeln übrig haste. Abermals seufzend dankte er ihr und wollte sie schon an der nächsten Ecke verlassen. Ita, die seine Absicht verstand, protestierte nicht weiter, und in wenigen Augenblicken war sie wieder allein mit ihrer Verzweiflung, ihrer Reue und ihrem qualvollen Mitleid mit dem Kind.' Zu Hause hatte sie eine furchtbare Szene von der „Gnädigen" zu überstehen, als diese erfuhr, daß man Jtas Kind in die Jnfektionsbaracke getan hatte, aber Ita stand vor ihr mit einem starren Gesicht, gegen alles in der Welt total gleichgültig. „Sie sind ein schlechtes Weib," schrie die„Gnädige" außer sich.„Sie hatten kein Recht, in dem Zimmer zu bleiben, wo das Kind lag. Es hat sicher Diphtheritis. � Ich hätte Sie gleich davongejagt, wenn jetzt nicht unglücklicherweise die warme Zeit käme. Gehen Sie, nehmen Sie ein Bad. Und ihre Kleider werde ich sofort dem Trödler ver« kaufen. Ä ä Mit derselben Gleichgültigkeit befolgte �ta alle An« ordnungen und war den ganzen Tag unaufmerksam gegen ihren Pflegling. * Ita hatte eine schlimme Nacht. Ihre Aufregung war nicht obne Folgen für das Kind geblieben. Bis in den