NnterhallMgsblalt des Horwärls Nr. 190. Donnerstag, den 30. September. 1909 (Nachdruck verboten.) 21 Der Hrzt. Von N. F a l e j e w. Deutsch von Werner Peter Larsen. „Befehle?!" Der Arzt durchmaß das Zimmer.„Wenn ich Ihnen aber sage, offiziell sage, daß er dem Gericht nicht beiwohnen kann? Wenn ich eine Meldung einreiche? Was dann?" „Aeh,." brummte der Hauptmann.„Was heißt da Meldung... Komisch! Sie haben überhaupt kein Recht, zu wissen, daß das Gericht stattfindet. Das Schriftstück ist. wie Sie sehen, vertraulich. Darüber steht es: vertraulich. Sie werden doch nicht aus unserem, nun... privaten, in- offiziellen Gespräch einen Skandal machen?" Der Arzt fuhr fort umherzuwandern. Manchmal machte er am Fenster Halt, rieb sich die Stirn und schwieg. „Man soll sich nicht aufregen," sagte der Hauptmann. „Man soll sich nicht... Was kann man denn tun?" „Ich möchte nur.. sagte der Arzt und sah über die Brille... möchte nur wissen, zu welchem Gericht Sie ihn schleppen wollen? Er kann sich ja nicht mal rühren..." „Ei. wie unaufmerksam! Was steht hier unten? Das Gericht wird im Gefängnis tagen." Man braucht ihn also nirgends hinzuschleppen... Ich denke sogar in seiner Zelle, ah? Es geht doch? Um so mehr, als es das Feldgericht ist..." Beide schwiegen. „Alles—?" fragte der Arzt. „Alles!" „Und man wird ihn richten?" „Nun, gewiß!" „Wir brauchen ihn also nicht zu pflegen?" „Wozu pflegen?" Der Arzt schritt Hanaus. Hinter sich hörte er den Haupt- mann sagen: „Eine schwere Zeit! Eine fatale Zeit!- �." 6. Der Arzt blieb stehen. Er erinnerte sich, daß die Ge- fangcncn auf ihn warteten, daß viele ein Attest wollten. So ganz in der Nähe des Gefängnisses empfand er plötzlich das Grauen des nahenden Todes, und es durchschauerte ihn. Die zwei Flecken unter den Augen, die zerknüllte Binde,— das alles war ganz nahe, nur wenige Schritte entfernt... „Väterchen!... Väterchen Johann!�.." rief der Arzt. „Gehen Sie ins Gefängnis? Kommen Sie..." Väterchen Johann— ein junger Mensch in einem weiten Mantel— blieb stehen, nahm die Mütze ab und glich mit den langen Priesterhaaren einer großen plumpen Frau. „Ins Gefängnis!" sagte er.„Ein Gefangener hat meiner Frau ein Plättbrett gemacht. Sie schickt mich nun nachzu- sehen..." „Das ist sehr gut." sagte der Arzt.„Wir wollen zu- sammen gehen. Ich brauche dringend Ihre Hilfe..." „Nämlich?" „Kommen Sie!" Sie werden selbst sehen... Wissen Sie's denn nicht? Gestern haben sie einen eingeliefert, der ... Haben Sie nicht die Morgenzeitung gelesen?" „Wir sind erst um vier ins Bett gekommen. Ich habe acht Rubel verspielt... Meine Frau schimpft.-." Er lachte. „So. so... Ja. also ich sage, man hat einen jungen Menschen gebracht... Und morgen wird man hier— verstehen Sic. Väterchen?— sozusagen vor unseren Fenstern..." Der Arzt beugte sich zum Ohr des Priesters und flüsterte etwas. Der blieb stehen, zog die Hände aus den Taschen und ließ sie herabhängen. Ueber sein Gesicht flog ein Zug des Entsetzens. „Gott , erbarme dich! Hier?!" „Ich komme soeben vom Direktor... „Dann ist es vielleicht derselbe, der die Bombe gc schleudert hat—" „Ja, ganz verstümmelt ist er. Der Hals lauter Wunden und an der Hand ist der Knochen bloßgelegt. Alles abgefetzt. In einer Droschke haben sie ihn gebracht." Der Priester nahm die Mütze ab, bekreuzte sich und setzte sie wieder auf. „Wir müssen zusammenwirken," fuhr der Arzt fort.„ES durchsetzen, daß das Gericht vertagt wird.... bis er wieder- hergestellt ist... Ja, bis zur Wiederherstellung.-- „Wozu denn?" fragte der Priester.„Was kann ich aus- richten, wenn schon alles beschlossen ist? Und Sie... Wie kann man sich denn so über Menschen lustig machen?! Sie erst pflegen und dann—" Er winkte heftig ab. „Nun gehe ich auch nicht nach dem Plättbrett! Nun gehe ich nach Ha sie." „Väterchen! So warten Sie doch.-, Ist denn das christlich?" „Wie-?" Der Priester blieb stehen, seine Augen blitzten, und für einen Augenblick schien es dem Arzt, als wolle er auf ihn ein- schlagen. Die Furcht entstellte das Gesicht des Priesters und er wollte sie nicht verbergen, weder vor dem Arzt, noch vor sonst jemandem auf der Welt. „Ich erkläre Ihnen-.., ich will Ihnen nur erklären.-..," flüsterte der Arzt.„Wir reichen die Meldung zusammen ein, Sie— als Geistlicher, ich— als Arzt. Eine einfache Meldung >. Dann können sie ihn nicht aburteilen und..." Der Priester duckte sich, blickte sich um, starrte in das Gesicht des ArzteL und flüsterte: „Sie sind toll!" Hastend und stolpernd eilte er heim. Der Arzt sah ihm nach, sah über den Hof. wo die Mäntel der Soldaten dunkelten— graue Gesichter— graue Gewehre— alles grau wie der Himmel darüber „Soldaten? Wozu?" Niemand antwortete. Die Mäntel stampften vorbei. jemand koinmandierte„Halt!", dann„Richtet Euch!"— und die grauen Gesichter wandten sich dem Arzt drohend zu... 7. Die Kanzlei war vollgespicen und vollgeraucht. Die Schreibmaschine prasselte, als stürzten Erbsen aus ihr hervor, die Luft war grau von Ausdünstungen und Atem. „Die Meldung reiche ich doch ein... Ich reiche sie eben alleine ein...," dachte der Arzt.„Wie dem auch sei..." Der Beamte begrüßte den Arzt nachlässig und schrieb weiter. Der Arzt ließ die Blicke über den Tisch schweifen und fand ein Stück Papier . „Haben Sie ein Linienblatt?" „Ich habe wirklich keine Zeit," sagte der Beamte ärger- lich, aber mit einem Lächeln.„Eremow, ein Linienblatt für den Herrn Doktor!" „Sofort!" Der Doktor setzte sich an den Tisch. Die Maschine hörte plötzlich zu klappern auf. Es wurde still, und diese plötzliche Stille durchschnitt die Stimme des Beamten: „Daß der Teufel Dich hole! Habe ich nicht gesagt, Dip nicht erklärt..." „Ganz, wie Sie befohlen haben," antwortete der Schreiber.„So habe ich es gemacht..." „Habe ich Dir gesagt: nicht so?!" Der Beamte zerriß das Papier.„Noch einmal schreiben!" „Das dritte Mal!" brummte der Schreiber. „Hundertmal wirst Du es schreiben!" schrie der Beamte. „Euch Esel will ich lehren! Ihr habt lange nicht im Arrest gesessen, geht auf Urlaub, lest Bücher... Macht Euch heraus, beschneidet die Nägel, aber ein einfaches Papier schreiben � bah! Schreib..." Der Arzt hörte nicht zu: er saß vor einem Bogen Papier und sah zu seiner Schande, daß seine Hände zitterten und er nicht den einfachsten Gedanken zustande brachte. „Schlimm!" dachte er. Er hob die Augen und sah vor sich das Gesicht des Beamten und seinen bärtigen Mund, der sich eigentünilich verzog. „Fertig? Also weiter.., Schreib:„Ich ersuche die Direktion um Zusendung--." Nein, warte!„um Zu- stellung..."„Ich ersuche die Direktion um Zustellung,. Fertig?"
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26 (30.9.1909) 190
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