Anterhaltungsblatt des Horwärls
Nr. 193.
Dienstag, Ken 8. Oktober.
190S
�Nachdruck tzervol«l.Zl
SZ
„Soldaten fein fckönl" Bilder aus Kaserne und Lazatekk. Bon KarlFischer�
In einer großen Fensternische waren auf einen langen Tisch die in der Küche gesüllten Eßkübel hingestellt. Im .Gänsemarsch defilierte die ganze Kompagnie dort vorbei, wo hinter jedem Kübel ein Soldat des alten Jahrganges mit dem Schöpflöffel die Rationen in die untergehaltenen Flinten verteilte. Zuerst kam die alte Mannschaft daran, dann die Rekruten. Die Alten betrachteten die Rekruten mit ironisch lächelnden Blicken. « � Volter hatte keinen Appetit, mußte sich aber doch seine zwei Flinten fast bis an den Rand füllen lassen. Wieder auf der Stube angekommen, sah er sich seine erste Militär- kost kritisch an. Das dünne Etwas in der einen Schüssel sollte wohl eine Griessuppe oder ähnliches darstellen, und in der anderen befand sich ein dicker, gelber Erbsenbrei. Als Zulage schwamm oben ganz verlassen ein kleiner Würfel Schweinefleisch, der weit über die Hälfte aus purem Fett bestand. Die anderen Rekruten seiner Korporalschaft stocherten in ihren Näpfen herum und brachten kaum ein paar Löffel über die Lippen. Jeder, las in des. anderen Gesicht die eigenen Gedanken. Der Gefreite, der mit am Tische saß und sich's trefflich schmecken ließ, wunderte sich gar nicht. „Ihr werdet's schon noch essen lernen I" rief er über den Tisch.„Paßt nur auf, wenn's ans Exerzieren gehtl Sollt mal sehen, wie's dann schmeckt!— Was Ihr übrig laßt, schüttet Ihr draußen auf dem Hof in die Abfalltonne. Dann spült Ihr Eure Flinten am Brunnen sauber und stellt sie wieder in Evern Schind." Die Abfalltonne war schon ganz gefüllt. Der Appetit yuf Erbsenmus war also bei den Rekruten nicht groß. Von nun an gab es für die Rekruten kaum eine Minute freie Zeit. Korporalschaft nach Korporalschaft mußte in den Waschraum. Dann wurde jeder einzelne gemessen, ge- wogen, ärztlich untersucht. In langer Reihe standen stets die Rekruten, und wie Stückware wurde einer nach dem anderen vorgenommen und nach seiner Größe registriert. Jeder Rekrut mußte dann seinen Lebenslauf schreiben. Der Korporalschaftsführer las von einem Zettel die Fragen ab, die jeder in seinem Lebenslauf zu beantworten hatte. Welche Schulen er besucht, ob die Eltern vermögend, welchen Vereinen er angehörte, ob er vorbestraft, und wieviel er in seinem Zivilberuf verdiente und dergleichen mehr. Volter siel diese Beantwortung leicht, wenn er sich auch sm stillen fragte, wozu er das alles mitteilen sollte. Ihm jgegenüber saß Weidemüller. Diese Schreibarbeit machte ihm Kopfzerbrechen. Seinem Gesicht konnte man es ablesen, daß ihm vielleicht Holzspalten leichter fallen würde, als mit der Feder zu hantieren. Greskser kam die Sache komisch vor, und mit zwinkernden Augenlidern krakelte er auf dem Papier frisch darauf los. Einige schielten auf die Papiere der anderen und suchten zu ergründen, wie sie ihr bisheriges Kehen im Lebenslauf bearbeiten sollten. Die Zeit bis zum Abend wurde mit Entgegennahme des Putzzeuges, der Wichskästen, der Mützen und Stiefel ausgefüllt. Nach einem Tage voller Entbehrung und Ueberwindung war für Volter endlich Ruhe eingetreten. Nach dem Zapfen- streich kam er auf seinem Strohsack zum Nachdenken. Wie ein kleines Stück fester Boden kam ihm sein Lager vor, um das sich rings herum ein schwarzes, sumpfiges Moor aus- breitete. Ein Grauen durchschüttelte ihn. Ekel— nichts als Ekel empfand er vor dem ganzen Militär— vor dem Zwang, der aus dem Menschen eine willenlose Maschine macht. Schaudernd sah er in seiner überhitzten Phantasie junge Soldatenleiber zu Tausenden und Tausenden— ohne Willen— auf Winke und Worte sich bewegen! Massen- fleisch! Grauenhafte Traumgestaltcn ließen ihm während der
Nacht keine Ruhe. Schlaflos wälzte er sich auf dem harten Strohsack. Mit erschreckender Deutlichkeit stand vor seinen Augen der Gedanke:„Zwei Jahre noch so wie heute!" Einzelne Momente des vergangenen Tages spiegelten sich in seinem Gedächtnis wider. Seine ganze Selbstbeherrschung mußte er aufbieten, als er beim Kammerunteroffizier auS einem Haufen alter geflickter, vor lauter Schuhschmiere schon ganz wabblich gewordener, zum Teil schon verschimmelter Stiefel sich ein Paar anpasien mußte. Wie er da zu lange gesucht hatte, wurde er einfach vom Sergeanten zur Tür hinausgeschoben, und das erstbeste Paar Stiefel flog ihm nach. Die Worte„Ihr Hammel! Ihr dreckigen�" summten ihm noch in den Ohren. Gegen Morgen muß es schon gewesen sein, als er fühlte, daß ihm der Schweiß von der Stirn perlte. Das Gesicht des Sergeanten von der Nebenstube wollte ihm nicht aus dem Kopf. Diese grauen stechenden Augen fühlte er jetzt noch auf sich gerichtet. Von allen Unter- offizieren flößte ihm dieser die größte Besorgnis ein. Erschreckt fuhr er plötzlich empor. Irgendetwas mußte geschehen sein. Im Halbschlaf vernahm er. deutlich einen entfernt klingenden wüsten Schrei.' Furchtsam blickte er sich um. Alle Rekruten seiner Stube waren schon lebendig und stiegen aus den Betten. „Na. Sie! Sie denken wohl, Sie sind noch zu Hause? Was? Wollen Sie wohl gleich aufstehen!" mit diesen Worten zog ihm der Sergeant, an den er eben noch dachte, die Decke vom Bett. Hastig kletterte Volter von seinem Lager und kleidete sich an, müde und mißmutig— wie zerschlagen.—■■ Unter Leitung des Stubengcfreiten wurde die Stube in Ordnung gebracht. Die Strohsäcke aufgeschüttelt und glatt gelegt— ausgekehrt t- Wasser vom Brunnen geholt und ge- waschen. Volter war so abgespannt nach der aufregenden Nacht, daß er rein mechanisch tat, was ihm befohlen wurde. Dia verwunderten Augen einiger Rekruten seiner Korporalschaft beim Anblick des dünnen Morgenkaffees ernüchterten ihn erst wieder. Der Korporalschaftsführer war im Verschlag auch schon aufgestanden und hatte sich in einem kleinen Kännchen aus der Küche seinen Kaffee holen lassen- ,.«■-» Nach dem Frühstück erklärte der Unteroffizier den Re» kruten, was sie sich noch alles anzuschaffen und zu kaufen hätten. „Und dann," sagte ör weiter,„seht Euch hier an der Wand diese Kriegsartikel und Eure direkten Vorgesetzten an." Damit deutete er auf ein paar beschriebene Bogen, die an einem sckstvarzen Brett befestigt waren. � „Habt Ihr alles auswendig zu lernen!" Jeder vertiefte sich sogleich eifrig in das Studium der Bogen. Mietzschke langte sich ein kleines Notizbuch aus der Tasche und fing an. sich alles, was zu lernen war. aufzu» schreiben. „Der ist schlau!" qeutsche Greskser aus seinem Mund. „So mach ich's auch!" Damit schielte er. mit einem pfiffig sein wollenden Lächeln, die andern an. Weidemüller schien das Geschriebene gar nicht entziffern zu können.„Was soll'n das heißen? Du Dussour?" „Der Mensch kann nicht mal lesen!" rief Mietzschke lachend.«Kerl, das heißt dü Dussor! Das ist unser Major. Sicher ein früherer Franzose." „Das ist der Generalmajor," korrigierte der Korporalschaftsführer,«und heißt dü Düssurl" „Raustreten!" erschallte es laut draußen im Flur« �„Los, alles raus!" befahl der Unteroffizier. Sämtliche Rekruten mußten sich im Flur in einer langen Doppelreihe aufstellen. In einer Fensternische saßen der Feldwebel und einige Unteroffiziere der Kompagnie an einem Tisch. Der Feldwebel, mit einer kleinen dicken Notizcnmappd zwischen seinen Rockknöpfen, so daß sie halb zu sehen war. stand guf und trat vor die Front,