Anterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 194. Mittwoch, den 6. Oktober. 1909 �Nachdruck betBolen.), �Soldaten fem fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett, Bon Karl Fischer. . Schaudernd blicke ich diesen zwei Jahren entgegen. Seit meiner Ankunft bis jetzt löste eine Beschäftigung die andere ab. Von dem langweiligen Empfangen und Verpassen der Ausrüstungsgegenstände würde ich gar nichts erwähnen, tvenn das unangenehme Drum und Dran nicht wäre. Die allgemeine Behandlung seitens der Unteroffiziere ist hier auf Bauern und Hausknechte zugeschnitten. Du kannst Dir also denken, welchem Mileu ich mich anpassen muß. Man möchte derzweifelnl Und dann noch die Art und Weise der alten Mannschaft uns Rekruten gegenüber. Es ist fast tragikomisch, daß die alten Mannschaften selbst dazu beitragen, den Re- kruten das Zwangsleben hier durch widerwärtiges Benehmen noch ungenießbarer zu machen. Wir stoßen bei den alten Mannschaften geradezu auf Haßl Wir alle haben darunter zu leiden. Man kommt sich schließlich vor. wie von seinem «eignen Bruder gepeinigt. Mir scheint das ein altes Erbübel Ku sein. Wenn ein Bursche das erste schwere Soldatenjahr ihinter sich hat, dünkt er sich den unwissenden Rekruten gegen- süber als natürlicher Vorgesetzter oder glaubt sie bei jeder «Gelegenheit bevormunden zu können. Der junge Soldat macht es den entlassenen nach, und was man früher ihm getan hat, probiert er nun an den Rekruten. Du glaubst gar nicht, liebe Grete, was man da auszustehen hat. Mit Ab- scheu denke ich noch an den gestrigen Besuch auf unsrer Hand- Werkerstube. Meine Stiefel, die ich vom Kammerunter- offizier aufmilitärische" Weise bekam, und die so überriestert sind, daß das Grundleder am Fußteil überhaupt nicht mehr sichtbar sind, sollte ich auf der Handwerkerstube' reparieren lassen. Ich kann es Dir gar nicht Wiederholm, ohne vor Empörung rot zu werden, wie ich von diesen«Kameraden" behandelt wurde. Morgen soll der eigentliche Dienst beginnen. Jeden Morgen von sechs bis sieben Uhr sollen wir Jnstruktions- stunde haben, teils vom Korporalschaftsführer und teils vom Leutnant der Kompagnie. Daran anschließend soll Exerzieren sein. Wie einsam fühle ich mich hier unter so vielen Menschen. Mit keinem kann man ein vernünftiges Wort reden. Alles Leute, die nur das eine Gemeinsame mit mir haben, mit mir empfinden, daß das Soldat sein eine Pein ist. Wie sehne ich mich nach Dir. Es ist kaum einige Tage her, da wir uns itrennten; mir kommt es vor wie eine Ewigkeit I So viel habe ich bereits hier, erlebt. Wie diese zwei Jahre vergehen werden, weiß ich nicht. Ob ich der bleibe, der ich bin, ist mir auch ungewiß. Mit den Wölfen muß man heulen, sagt ein Sprichwort. Wenn ich mich nun in diesen zwei Jahren allem «anpasse, glaube ich kaum, daß ich mich nicht zu meinem Nachteile «verändern werde. Wenn Du hier wärst, würde es vielleicht anders werden. Dann könnte ich Dich wöchentlich einmal be- suchen. Doch ein weiter Raum trennt uns auf zwei Jahre. Denn an Urlaub kann ich auch nicht denken. Dort habe ich keine Wohnung und für die paar Tage lohnt sich die große Reise auch nicht. Wiewohl ich viel drum geben würde. Dich nur auf Augenblicke zu sehen und zu sprechen die Abschieds- stunde würde für uns beide doch dann zu schwer sein. Ich muß den bitteren Kelch ganz auskosten, dann kann ich wieder als Mensch Dir vor den Augen erscheinen. Schreib mir bitte, recht oft. Das ist das einzige, was Du tun kannst. Jetzt fühle ich erst, was Du mir bist und wie lieb ich Dich Hab. Harre auch Du in Deiner Liebe aus und verzage nicht. In zwei Jahren bin ich wieder ganz Dein. In aufrichtiger Liebe , m Dein Veit." Zehn Minuten vor der festgesetzten Stunde hatten sich die Rekruten in der größten Koporalschaftsstube des Kompagnie- reviers zur Instruktion versammelt. Jeder hat einen Schemel mitbringen müssen. Längs der vier Wände mußten sie sich in drei Reihen auf die in genau geraden Linien stehenden Schemel setzen. Sämtliche Rekrutenunteroffiziere mit dem Feldwebel waren zur Stelle. Die Tür war geöffnet, und die teils auf der Schwelle, teils auf dem Flur stehenden Korporal- schastsführer machten sich über die Unbeholsenheiten oder Eigentümlichkeiten der jungenHammel" lustig. Der Feldwebel übte währenddessen mit den Rekruten auf das KommandoAchtung!", das gleichmäßige vom Schemel- Aufspringen, bis die erlangte Fertigkeit sein militärisches Schönheitsgefühl befriedigte. Der Leutnant mußte den Flur betreten haben. Alle Unteroffiziere zogen sich eiligst in die Stube zurück und nahmen dort in einer Reihe Aufstellung. Achtung!" kommandierte der Feldwebel. Nach einem donnerähnlichen Schlage stand alles still. Sieben Unteroffiziere, achtundfünfzig Rekruten zur Instruktion zur Stelle!" meldete der Feldwebel d?? ein- tretenden Leutnant. Ein feiner Beobachter konnte bemerken, daß er sich den Rekruten gegenüber als Persönlichkeit fühlte. Mit herab- lassendem Stolz berührte er mit dem rechten Zeigefinger sein Mützenschild. Lassen Sie die Leute rühren!" sagte er mit einer dünnen schneidenden Stimme. Rührt Euch!" schrie der Feldwebel. Der Leutnant ging von einem Rekruten zum andern und stellte die üblichen Fragen, die schon jeder im geschriebenen Lebenslauf beantwortet hatte. Er war der richtige Typus des Leutnants einer kleinen Garnison. Geschniegelt und gebügelt. Alles an ihm verriet den Kleinstädter. Das Gesicht war nicht besonders hübsch. Ein Schnurrbärtchen, wie üblich nach oben gewichst, gab seinem Gesicht den militärischen Zuschnitt. Im Offiziers- jargon erkundigte er sich nach der Herkunft jedes einzelnen. Bei den Antworten lernten die Rekruten einander erst kennen. Die, welche von Beruf Kaufleute oder Schreiber waren, ließ er fühlen, daß ihr Erwerbszweig nicht zu den belieb- testen der Kompagnie gehörte. Was sind Sie?" fragte er einen robust aussehenden Burschen, dem man den Bauern ansah, Landwirtschaftlicher Gehilfe." Also Mistkutscher I Und Sie?" Friseur!" Da können Sie sich hier in der Kompagnie beliebt machen. Und Sie da, mit dem Stiftekopp?." Schreiber! Herr Leutnant." Lassen Sie sich vor allem die Haare wachsen, damit sie militärisch gescheitelt werden können. Kahlköppe können wir hier nicht brauchen. Ueberhaupt," wandte er sich an alle, hat jeder mit tadellosem Anzug hier zu erscheinen, tadellos gekämmtem Haar und sauber gewaschenen Händen. Ich werde mich in jeder Stunde davon überzeugem" Wie heißen Sie denn, mit den vielen Pickeln in der Visage? Sie mein' ich! Was gucken Sie mich denn so blödsinnig an? Was sind Sie?" Fabrikarbeiter." Wie heißen Sie?" Beck." Alter Freund, Ihnen scheint die Fabrik noch in den Knochen zu stecken� Hier sind Sie beim Kommis! Ver­standen?" Jawohl, Herr Leutnant!" Waren Sie in einem Verein?' Im Turnverein ." Sonst in keinem?" "Nein!" «Die Sozzengeschichte gibts hier nicht! Wo kommen Sie denn her?" Aus Erfurt ." Das ist wohl ein rotes Nest, was? Sind sie vor­bestraft?" Jawohl!" Wie denn?" 30 Mark Geldstrafe wegen Körperverletzung." Reißen Sie sich nur ja zusammen! Sonst können Sie Ihre Militärzeit im Loch zubringen. Rowdys hgben's hy uns nicht gut,".