Anterhattungsblatt des Horwärts Nr. 197. Sonnabend� k>en 9� Oktober. 1909 (Nachdruck verboten.) 7]„Soldaten fein fchönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. „Schicken Sie sofort eine Ordonnanz zum Hauptmann, Unteroffizier Beierl" rief draußen der Feldwebel. Die Latrine habe ich verschlossen." „Ach was," sagte Mietzschke leise, der neben Volter lag, -„ich tu so, als ob ich austreten muß, und sehe nach, was es gibt." Damit stieg er aus dem Bett, zog sich flüchtig an und ging hinaus. Nach einer Weile kam er wieder herein.„Es hat sich einer erschossen!" flüsterte er seinen Kameraden zu.„In der Latrine!" „Wer?" fragten alle entsetzt. „Ich weiß nicht! Ein Alter steht an der Latrine Posten und läßt niemand hinein." Den Rest der Nacht verbrachten alle schlaflos. Die Nach- richt hatte erschütternd gewirkt. Jeder beschäftigte sich damit in seinen Gedanken, und der unheimliche Druck, der plötzlich auf allen Gemütern lastete, ließ keinen ein Wort sprechen. „Was wird den wohl in den Tod getrieben haben?" fragte sich Volter. Diese entsetzliche Tat gab ihm neuen Anlaß, seine eigene Lage zu überdenken. Der Gedanke, daß ihn das Soldatenleben vielleicht auch zum Selbstmord treiben könnte, durchfuhr ihn wie ein eiskalter Schauer. Nur das nicht! sagte er sich. Mag es kommen wie es will, das tust du nicht. Im Geiste sah er das tränenüberströmte, schmerzverzogene Geficht seiner Grete. Ein tiefes Mitleid durchfuhr ihn. Fröstelnd zog er seine Bettdecke bis dicht unters Kinn. Dumpf brütend erwartete er ungeduldig den Morgen. Beklommen stiegen die Rekruten nach dem Weckruf von (ihren Strohsäckcn. Der Stubengefreite, der sich gleich nach dem Aufstehen erkundigte, brachte endlich den Rekruten seiner Korporalschaft weitere Aufklärung. „Wer wars?" rief ihm Volter entgegen, als er wieder zur Tür hereinkam. „Biernacki," antwortete er. „Was? Der Pole von Stube neunundsiebzig?" fragte Beck. „Ja. Mit seinem Gewehr, mit einer Platzpatrone ge- laden— den Lauf mit Wasser gefüllt— hat er sich durchs Kinn nach oben erschossen. Eine ganze Menge Blut und Hirn soll er verspritzt haben." „Weiß man, warum er sich erschossen?" fragte Volter. „Es wird vermutet, er soll gestern abend einen Abschieds- brief von seiner Kleinen gekriegt haben." „Aber sich deshalb zu erschießen!" rief Mietzschke.„Das könnte mir gerade passen, mich wegen eines Weibes nieder- zuknallen." „Du weißt ja gar nicht, ob das der einzige Grund war!" fiel Beck ein. „Müssen wir da alle mit zum Begräbnis?" fragte Mietzschke. „Das glaube ich kaum. Der wird jedenfalls ohne mili- Kärische Ehren begraben." „Wie ist denn das?" fragte Mietzschke weiter. „Da werden acht Mann der schlechtesten Führung dazu kommandiert. Ich weiß es noch vom vorigen Jahr. Da hatte sich auch einer erschossen." „So ganz ohne Feierlichkeit soll das Begräbnis sein?" fragte Volter erstaunt.„Nicht mal seine Kameraden dürfen der Bahre folgen?" „Wie ein Hund unter die Erde gescharrt wird," rief Beck. ;,so wird jedenfalls auch der arme Pole in sein Loch geworfen werden! Aber er ist wenigstens weg und hört und sieht nichts mehr. Der Kaffee wollte Volter nicht schmecken. Auch von dem Frühstück, das er sich aus der Kantine gekauft hatte, brachte er nichts über die Lippen. Er sah immer im Geiste das unter- würfig verzogene Gesicht des armen Polen vor sich, mit dem hilflosen Blick, der nun für ewig gebrochen war. Was mußt du gelitten haben, dachte er. Ein bitteres Los, mißachtet von allen, in einer Schule des Zwangs, der eisernen Disziplin, und verraten von demjenigen, das einem das Liebste auf der Welt ist, zur letzten verzweifelten Tat getrieben zu werden! O Im Harten des täglichen Dienstes und in der Vor- bereitung zur Rekrutenvereidigung war das traurige Er- eignis bald aus den Stubengesprächen verschwunden. Der Dienst mit seinen vielerlei Anforderungen belastet den Re- kruten, macht ihn willenlos und stumpf, läßt ihm keine Zeit zum Nachdenken, zur Selbstbesinnung. Der Tag der Vereidigung mit seinen vielen Formalitäten war vorüber und die Ausbildung nahm ihren Fortgang. Die Zeit kurz vor dem Schlafengehen gab den Rekruten Gelegen- heit, ungestört miteinander zu verkehren. Zu dieser Stunde war die Bataillonskantine fast überfüllt. Wem von den Rekruten das lärmende Treiben im Bierlokal nicht behagtc, der blieb auf seiner Stube. Greskser war immer der erste in der Kantine, sobald die Putzstunde zu Ende war. „Hast Du gehört," rief Brinkmann dem am Tisch sitzenden Beck zu,„was uns gestern, wie wir nach der Vereidigung zur Kirche marschierten, ein Bäcker nachrief?" „Nee: was denn?" „Jetzt seid Ihr verkooft! höhnte der uns nach. Der Leutnant hats gehört. Der guckte den Bäcker darauf aber groß an!" „Das sind wir sowieso!" sagte Beck vor sich hin. „Und Weidemüller, die Schlafmütze, hat die ganze Zeit in der Kirche gcdachst," lachte Mietzschke. „Das Hab ich auch?" rief Beck.„Soll man sich vielleicht die Litanei von deni Pfaffen anhören? Das macht einen doch bloß noch dümmer mit seinen Märchen, als man schon ist." „Das sollte der Leutnant hören!" sagte Mietzschke.„Dep würde Dir aber schön—" „Was würde er denn? He? Das geht den gar nichts an, was ich glaube." „Hast Du nicht gehört, was der Leutnant neulich während der Instruktion sagte, als wir von Religionen sprachen?" „Was denn?" fragte Brinkmann. „Er sagte, alle Wege führen nach Rom! Und es gibt nur einen Himmel und eine Hölle. In eins von beiden kämen wir alle mal rin." „Ach so, das?" rief Beck.„Ich glaube, Du bist so naiv, Mietzschke, und glaubst alles, was man Dir erzählt. Mir kann der Leutnant nichts vormachen. Ich denke mir meinen Teil. Das ist noch das einzige, was man hier kann." „Ne, wenn man viel denkt, da wird man bloß noch ver- rückt!" sagte Brinkmann.„Aber es kommen einem doch manch- mal Gedanken, ob man will oder nicht.— Wie gestern bei der Vereidigung.— Wenn mans richtig nimmt, war das doch die reine Komödie. Nicht, Beck?" „Aber selbstverständlich. Das sind alles nur Sachen zum dumm machen. Wenn auch der Leutnant vor der Front steht und aufpaßt, daß wir den Eid richtig herplappern. Ob man das alles so meint und glaubt, was man sprechen muß, weiß doch jeder allein. Und dann— vereidigt oder nicht— wenn wir durchbrennen, werden wir bestraft." „Bloß, wenn vereidigt, schärfer!" „Warum, das möcht ich wissen.— Das ist auch so'ne Sache mit dem Kirchgang jeden Sonntag. Die meisten schlafen doch dabei. Da heißt's, wer freiwillig gehen will, Und meldet sich keiner, wird man dazu kommandiert. Wenns geht, drückt man sich ja davon, aber man muß nun doch manch- mal dran glauben." „Das schönste dabei ist," rief Brinkmann,„daß die Kirch- gänger ihre Brocken genau so zum Appell bringen müssen wie die anderen, die Zeit zum Putzen gehabt haben.— Bist Du fertig mit wienern, Beck?" „Ja, gleich!" antwortete dieser. „Gehst Du dann ein bißchen mit in die Kantine?" Damit hing Brinkmann seine eben fertig geputzte Koppel in sein Spind und setzte sich wieder an den Tisch. „Bei dem Krawall da oben kriegt man bloß Kopf,
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26 (9.10.1909) 197
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